Reise

Land der Extreme

Wer durch Patagonien wandert, sollte unermessliche Leere lieben – und sich auf so manche Strapaze einstellen. Auf den Spuren von Naturforschern und Schriftstellern unterwegs am Ende der Welt.

Nichts geht mehr, der Minibus steckt fest an einer sanften Steigung. Ein bedrohlicher Himmel hat sich schwarzgrau über die argentinische Steppe gelegt, all seine Tore geöffnet und die lehmige Straße in eine ockerfarbene Schlammpiste verwandelt. Eisig peitscht antarktischer Wind gegen die Scheiben des Mercedes. Und die Insassen sollen aussteigen. Der Fahrer scheint es wirklich ernst zu meinen. Zu schwer, meint er achselzuckend.

Sollten sie am Ende doch alle recht behalten? Die Entdeckungsreisenden von gestern wie Ferdinand Magellan, Charles Darwin oder Sir Ernest Shackleton und die Schriftsteller aus jüngster Vergangenheit wie Bruce Chatwin oder Paul Theroux. Für den britischen Autor Bruce Chatwin stand jedenfalls fest: Patagonien ist das Land der schwarzen Nebel und Wirbelwinde am Ende der bewohnten Welt. Eine Metapher für das Äußerste, den Punkt, über den man nicht hinausgehen konnte.

Nun scheinen die Reisenden an genau diesem Punkt zu sein. Dabei begann das Trekking-Abenteuer eine Woche zuvor mit stahlblauem Himmel und Sonne satt, einem moderaten Wind vom Westpazifik, dazu frühlingshaften Temperaturen mit ein paar Grad über dem Gefrierpunkt.

Sie wanderten an den einsamen Ufern des grünlich schimmernden Lago Leones. Was wollten sie mehr? Vielleicht noch eine gewaltige Granitformation, die in den See zu fließen scheint? Als Bühne für ein Fotoshooting der besonderen Art? Ja, sie gibt es dort. Oder eine noch viel gewaltigere Gletscherwand? Eine, die direkt hinter dieser Naturbühne 60 Meter senkrecht in die Höhe ragt und in ihren Spalten ein betörend blaues Licht zaubert? Sie ist dort. Kathedralen aus Eis, die hin und wieder tosend in den See krachen? Nach einer halben Stunde ein erster Donnerschlag. Ein ganz anderes Bild bot dagegen der träge dahinfließende Rio Ibáñez, der recht wenig Wasser führte. Tausende kahle Baumstümpfe ragen surreal aus einem Flussbett voller Kiesel und Vulkanasche.

Die Zwergscheinbeeren setzen willkommene Farbakzente

Nun, zurück in der Gegenwart, harrt die kleine Gruppe verloren der Dinge im Schlamm. Irgendwo im Nirgendwo, bis auf die Knochen durchweicht. Der Bus steckt fest, und vom Südpolarmeer fegt noch immer ein eisiger Wind über die leere Einöde. Ein Bild, das sich unweigerlich ins Gedächtnis fressen sollte.

„Die Landschaft machte einen trostlosen Eindruck, aber es war nicht zu leugnen, dass sie lesbare Züge hatte“, notierte der argentinische Nationaldichter William Henry Hudson einst. „Das war eine Entdeckung – ihr Anblick. Ich dachte: Nirgendwo ist auch ein Ort. Man darf nichts suchen dort, nur fühlen und sich davon anrühren lassen.“ Hudsons düster melancholische Liebeserklärungen an seine Heimat sind unerreicht in ihrer fast schmerzenden Intensität. Über 114 Jahre hat es gedauert, bis seine „Müßigen Tage in Patagonien“ 2007 erstmals auch in deutscher Sprache verlegt wurden.

Bei der fünftägigen kompletten Umrundung des Massivs Torres del Paine, dem krönenden Abschluss der Trekkingtour, bleibt auch dem Besucher viel Zeit, sich von dieser Naturgewalt berühren zu lassen. Mit Klischees zu brechen oder andere zu zementieren.

Auf der leichten Wanderung zum Dickson Lake am Rio Paine zeigt sich Patagonien abermals von seiner lieblicheren Seite. Chilenische Feuerbüsche, Rhabarber-ähnliche Nalca-Pflanzen und knochige Lenga-Südbuchen säumen die sanften Hügel. Hin und wieder sorgen die leuchtend roten Chilenischen Zwergscheinbeeren oder die blutroten Glocken der Schildblume für Akzente. Ohne ihre Signalfarben würden sie vermutlich einfach untergehen in der schier endlosen Weite.

Allzu zartbesaitet sollte man bei der Königsetappe der Tour nicht sein. Die 900 Höhenmeter bis zum John-Gardner-Pass an sich wären nicht die Herausforderung. Es sind Schnee und Eis und schwarze Wolken, die vor allem den Schwächeren in der Gruppe zu schaffen machen. Sie legen sich bleiern auf Sinn und Verstand, alles versinkt in einem düsteren Grau und der antarktische Wind geht durch Mark und Bein, ist oben auf dem Kamm kaum zu ertragen. Einen kurzen Moment harrt trotzdem jeder aus. So beeindruckend ist der Blick zurück ins Tal und nach vorn zum Grey-Gletscher, der majestätisch in einem Bett aus Granit ruht. Im Windschatten steigen sie bergab. Der Himmel reißt auf und alle düsteren Gedanken sind passé.

Wie schrieb doch Paul Theroux: „Patagonien verheißt ein anderes Klima, einen Stimmungswandel und die vollständige Freiheit des Wanderns.“