Reise

Niederschlesien Unterirdische Stollen- und Tunnelanlagen stehen zur Besichtigung offen

Land voller Mythen und Geheimnisse

Archivartikel

Niederschlesien ist ein Landstrich voller Mythen und Geheimnisse – auch unter der Erde.

Niederschlesien im polnisch-tschechischen Grenzgebiet ist sicherlich keine Region, die überfüllt von Touristen wäre. Dabei ist es ein wunderschönes Fleckchen Erde, mit abwechslungsreichen Naturlandschaften und vielen Spuren europäischer Kultur und Geschichte.

Hier gibt es bekannte Sehenswürdigkeiten, aber vor allen Dingen auch viele weniger bekannte Sehenswürdigkeiten, oft mit einer geheimnisumwobenen Geschichte. In Niederschlesien sind viele Begebenheiten aus der alten wie aus der neuesten Geschichte bis heute nicht geklärt. Gerade die Deutschen mit ihrer unrühmlichen Rolle während der Nazizeit haben hier viele Spuren und Geheimnisse hinterlassen, und sind Grund mancher Mythen. Es wird bis heute noch in Niederschlesien nach dem legendären Goldzug der Nazis und dem verschollenen Bernsteinzimmer gesucht.

Hitlers Rüstungsminister Albert Speer wollte ein gigantisches Bauprojekt verwirklichen. Von zeitweise bis zu 23 000 Beschäftigten, überwiegend Zwangsarbeitern und KZ-Insassen, wurden an unterschiedlichen Orten, wie in Walim, Tunnel und Bauwerke in die Felsen des Eulengebirges hineingetrieben. Es sollte ein gewaltiges Führungszentrum für die Wehrmacht entstehen, außerdem mehrere Fabriken, für die vermeintlichen Wunderwaffen. Tausende Menschen erlagen den katastrophalen Arbeitsbedingungen oder wurden zu Tode geschunden. So sind heute Dutzende Rohbauten von diesem Projekt, darunter halb erweiterte oder unfertige Stollen und Tunnel, mahnende Erinnerungen, an das grausame Hitlerregime.

Ein Führerhauptquartier sollte auf Schloss Fürstenstein entstehen, dem größten Schloss in Niederschlesien, rund 70 Kilometer von Breslau entfernt. Gebaut zwischen 1288 und 1292, und lebten viele Fürsten und Präsidenten, bis es 1941 von Hitler beschlagnahmt wurde. Angeblich sollte unter der Planung von Albert Speer ein neues Führerhauptquartier erschaffen werden, das die „Wolfsschanze“ in Ostpreußen ersetzen oder ergänzen sollte. Der Keller unter dem Schloss wurde von Hitler großräumig ausgebaut und ein ausgeklügeltes Tunnelsystem geschaffen, um das sich bis heute viele Mythen ranken. Heute kann man Tunnelsystem und Schloss besichtigen.

Abgesehen von diesem dunklen Teil seiner Geschichte ist Schloss Fürstenstein oberirdisch eher ein niederschlesisches Märchenschloss mit wundervollen barocken Räumlichkeiten und einem romantischen Schlosspark. Durch seine Lage auf einem Hügel und seinem Aussehen kommen Vergleiche zu Neuschwanstein hoch.

Eine ganz andere Historie hat die Festung Glatz. Sie liegt auf einem Berg über der Stadt Glatz, eine der ältesten Niederschlesiens. Die ehemals böhmische Burg wurde im 15. Jahrhundert zu einem Schloss erweitert, und im 17. und 18. Jahrhundert zu einer Festung von beeindruckender Größe umgebaut.

Heute ist sie ein touristischer Höhepunkt und gilt als klassisches Beispiel für Verteidigungsarchitektur in Polen. Mit ihren verwinkelten Gängen, Bastionen, Höfen, Kasematten und den vielen verschiedenen kleinen Ausstellungen ist sie ein lohnendes Ausflugsziel auch für Familien – ganz zu schweigen von der herrlichen Aussicht auf die Stadt und deren Umgebung.

Nicht weit von Glatz, nahe der tschechischen Grenze, liegt die malerische Kleinstadt Reichenstein (Złoty Stok). Schon um 2000 v. Chr. sollen Menschen hier nach Gold gesucht haben. Das Edelmetall hat diese Stadt früher wirklich reich gemacht – mit den bedeutendsten Gold- und Erzvorkommen ganz Europas vor ihren Toren. So wurde zur Blütezeit im 16. Jahrhundert unter anderem durch die Augsburger Handelsfamilie Fugger fast zehn Prozent des europäischen Goldes gefördert. Viele Jahre später wurden riesige Arsenvorkommen entdeckt. Man baute rund 126 000 Tonnen Arsen ab, genug um die ganze Menschheit 19-mal zu vergiften, wie Touristenführer erzählen.

Die ehemalige Goldgrube steht Besuchern offen. Eine Dauerausstellung informiert im Stollen Gertrud auf einer 500 Meter langen Abbaustrecke über die Geschichte der Grube. Zum Beispiel über den im 17. Jahrhundert noch von Hand gehauenen „Schwarze Stollen“, der 200 Meter lang ist. Auf der Tour unter Tage trifft man aber auch auf lebende Alchemisten und Gnome – natürlich Darsteller– , läuft durch mit fluoreszierenden Spinnenweben dekorierten Gänge, bevor es mit der Grubenbahn wieder an das Tageslicht geht. Auch Bootsfahrten sind in einem Stollen möglich. Seit 1999 gehört die Grube einer Familie, die sie zu einem touristischen Hotspot mit Gastronomie, Hotel, Museum, einem Mittelalterdorf, Klettergarten und selbst einer Paintball-Anlage, gemacht hat.

Auf eine andere Entdeckungstour geht es im Geopark in Krobica (Krobsdorf) mit einem 350 Meter langen unterirdischen Lehrpfad, der den Besucher die Geschichte und Mühen des einstigen Erzbergbaus nachempfinden lassen soll, wo die Bergleute noch mühsam in händischer Arbeit die Stollen in den Berg trieben und das Erz aus dem Gestein klopften.

Aber auch oberirdisch präsentiert Niederschlesien eine wunderschöne Naturlandschaft. Besonders atemberaubend sind die Adersbacher Felsen im Nachbarland Tschechien, nahe der Grenze. Sie zählen zu Recht zu den mit am häufigsten besuchten Naturdenkmäler Tschechiens. Die wundervolle Schönheit der Felsenstadt lockt schon seit hunderten von Jahren Besucher an. Durch das ausgedehnte Felsenturmlabyrinth führen gut markierte Rundwege. Wunderschön ist das Gotische Tor, dass Erinnerungen an das Film-Epos „Herr der Ringe“ aufkommen lässt. Ursprünglich war es einmal das Eingangstor in die Felsenstadt.