Reise

Laufen und kuren

Archivartikel

Seit Mitte 2019 gehört die deutsch-tschechische Montanregion Erzgebirge zum Welterbe der Unesco. Auf der tschechischen Seite des Erzgebirges lässt sich ein Skiurlaub mit einer Gesundheitskur verbinden.

Es ist der perfekte Tag für eine Skitour entlang der Skimagistrale, die wechselseitig mal auf deutschem, mal auf tschechischem Territorium entlang des Erzgebirgskammes verläuft: Sonnenschein, blauer Himmel, anderthalb Meter Schnee und frisch gespurte Loipen erfreuen die Herzen der Skiwanderer im böhmischen Bozi Dar (Gottesgab).

Eva Nduwimana ist für die Koordinierung der Loipenpräparierung zuständig. Tagsüber waren 30 Zentimeter Neuschnee gefallen, erzählt sie. Die Spurmaschinenfahrer waren am späten Abend und darauffolgenden Morgen unablässig im Einsatz, um zumindest 50 der über 150 Kilometer langen Langlaufstrecken zu präparieren.

Die Erzgebirgsmagistrale ist wegen ihres sanften Geländeprofils bei deutschen und tschechischen Freizeitsportlern, Anfängern und Fortgeschrittenen gleichermaßen beliebt. Auf dem rund elf Kilometer langen Abschnitt auf der Hochebene zwischen Bozi Dar und der Roten Grube bewegt man sich stets zwischen 950 und 1050 Höhenmetern. Wer keine steilen Steigungen oder Abfahrten mag, ist hier genau richtig. Das kann an Wochenenden zu einem regen Verkehr auf der Hauptstrecke führen. Doch Eva kennt alternative Loipen, auf denen es völlig ruhig zugeht. Auf einer parallel zur Magistrale verlaufenden Route skatet sie lässig und ohne Gegenverkehr in Richtung des zweithöchsten Berges Böhmens, dem Spicak (Spitzberg).

Von der großen weißen Ebene auf dem Gottesgaber Torfmoor taucht man nun in einen Wintermärchenwald ein. Fichten und Krüppelkiefern bücken sich unter der schweren Last des Schnees und bilden natürliche Torbögen. Man fühlt sich wie im Reich der Schneekönigin. Mal vermeint man in den schneeumhüllten Bäumen einen Elefantenkopf, mal einen Schwan zu erkennen. Meterhohe Schneewehen am Rande kleiner Bäche avancieren zu Kunstwerken der Natur. Die Sonne funkelt im Schnee und spiegelt sich im Eis der Bäche.

Selbst auf den Nebenloipen ist es nahezu unmöglich, sich zu verlaufen. Die Ausschilderung ist ausgezeichnet. Mal ist man auf dem Christkindweg, dann auf dem Jens-Weißflog-Weg unterwegs. Immer wieder weisen große Infotafeln auf die bewegte Geschichte der Region hin. Nahe Hrebecna (Hengstererben) passiert man eine Bergbauregion, in der seit Ende des 15. Jahrhunderts Erzvorkommen gefördert wurden. Nach elf Kilometern am Ziel der Tour, der Roten Grube, angelangt, befindet man sich direkt im Zentrum von 15 Haupterzgängen, in denen Bergleute mit primitiven Werkzeugen in 60 Meter tiefen Stollen Kassiterit (Zinnstein) abbauten. Im 16. Jahrhundert sollen hier jährlich bis zu 50 Tonnen hochwertiges Zinn gefördert worden sein, das sich europaweit großer Nachfrage erfreute. Jetzt haben Skilangläufer die Bergleute ersetzt. Eine Imbisshütte steht dort, wo einst zahlreiche Pochwerke, eine Schmelzhütte und eine Schmiede das kostbare Erz vor Ort verarbeiteten.

Für den Rückweg fällt die Wahl auf eine Route über den Tellerhäuser auf deutscher Seite. Bis nach Bozi Dar sind es von dort nur noch vier Kilometer. Trainierte Skater machen einen Umweg über den sieben Kilometer entfernten Fichtelberg. Von Zeit zu Zeit muss man innehalten – nicht weil die gemächlichen Abfahrten oder Anstiege zu anstrengend wären, sondern weil der Blick in die Winterlandschaft so fantastisch ist. Inmitten dieses Panoramas erkennt man deutlich den 1243 Meter hohen Klinovec (Keilberg), die höchste Erhebung des Erzgebirges, von dem die alpinen Skiläufer auf einer breiten Piste ins Tal wedeln.

Der Unesco-Welterbetitel wird dem Tourismus in der Region weiteren Auftrieb verleihen, sind sich die Fremdenverkehrsämter auf beiden Seiten der kaum noch wahrnehmbaren Grenze einig. 22 ausgewählte Denkmale, historische Bergbaulandschaften und Städte spiegeln die Entwicklung des sächsisch-böhmischen Bergbaus wider, der auf eine über 800-jährige Geschichte zurückblickt, in der die unverwechselbare Montanregion entstand. Besucherbergwerke und regionale Museen wie in Jachymov oder Annaberg veranschaulichen den beschwerlichen, aber profitablen Abbau von Silber, Zinn, Kobalt und Uran. Skiwanderer und alpine Skifahrer profitieren gleichermaßen von dem grenzüberschreitenden Loipennetz, den Liftanlagen und dem Streckennetz zwischen Fichtelberg und Klinovec.

Wer will, fährt nach der Skitour beispielsweise nach Karlsbad und nimmt im Hotel Ambassador ein Entspannungsbad mit Cannabis-Extrakt und reinem Hanföl. „Ein effektives Antioxidationsmittel gegen trockene, dehydrierte Haut“, schwärmt Martin Kumicik, Manager im Ambassador, der für seine Gäste eine breite Palette von Anwendungen bereithält. Nur wenige Meter von seinem Hotel entfernt sprudeln 15 warme Trink-Heilwasserquellen in den Kurkolonnaden, mit denen sich das körperliche Wohlbefinden auch gratis verbessern lässt. Goethe zog es 13-mal ins böhmische Bäderdreieck, und das tat ihm offensichtlich so gut, dass er als 72-Jähriger im benachbarten Marienbad um die Hand einer 17-Jährigen anhielt. Allerdings muss man das mineralhaltige Wasser mindestens drei Wochen einnehmen, um seine heilenden Effekte auf das Verdauungssystem und den Stütz- und Bewegungsapparat nachhaltig zu verspüren. Besser als der kohlendioxidhaltige Naturtrunk schmeckt der in Karlsbad nach einem alten Geheimrezept hergestellte Kräuterlikör Becherovka.

Auch der, so versichert Gästeführerin Michaela Svecova im Jan-Becher-Museum, sei gesund – zumindest für den Magen.