Reise

Leonardos letzte Station

Archivartikel

Anfang Mai jährt sich der Todestag von Leonardo da Vinci zum 500. Mal. In seinem letzten Wohnsitz, dem französischen Städtchen Amboise, finden Veranstaltungen zum Gedenken an das Genie statt.

Ein spontanes „Oh“ entfährt dem englischen Touristen auf der steinernen Brücke, und Besucher, die denselben Weg ins Zentrum des französischen Städtchens gewählt haben, können ihn gut verstehen. Da spiegeln sich Türme und Zinnen des ehemaligen Königsschlosses sanft im Wasser der Loire. Mit jedem Schritt wird ein neues Detail sichtbar. Historische Steinhäuser säumen das Ufer, leise fließt das Wasser unter der Brücke durch. Kein Wunder, dass es ihm hier in Amboise gefallen hat – der Wissenschaftler, Ingenieur und Künstler Leonardo da Vinci verbrachte die letzten drei Jahre seines Lebens in dem Städtchen im Loire-Tal.

Am Ufer des Flusses laden viele Plätze zum Picknicken ein. Doch der erste Weg führt Besucher in der Regel zu einer Besichtigung ins Schloss. Dafür ist ein Anstieg erforderlich, der jedoch reich entlohnt wird: Weit reicht der Blick von den Schlossmauern über die Stadt und das Tal. In der Hubertus-Kapelle auf dem Gelände des Schlosses ruhen seit 1874 die Gebeine da Vincis – oder das, was man dafür hält. Ganz sicher sind sich die Historiker da nicht. Das Schloss würdigt den Künstler, Ingenieur und Wissenschaftler mit einer Sonderausstellung, unterstützt von der französischen Nationalbibliothek. Mehrere Konzerte mit Musik aus der Zeit da Vincis, Bankette und ein Ball runden das Festprogramm ab.

Das Universalgenie war Vegetarier

Der letzte Wohnsitz da Vincis, das Schlösschen Clos Lucé, liegt nur wenige Minuten Fußweg vom ehemaligen Königsschloss entfernt. Clos Lucé hatte der französische König Franz I. dem Italiener da Vinci zur Verfügung gestellt, als Wohnsitz und Arbeitsplatz. Hier erhalten die Besucher einen detaillierten Einblick in das Leben und Wirken da Vincis. Von der Straße her eher unscheinbar, öffnet sich nach Durchschreiten des Eingangstores der Blick auf einen großen Park.

In liebevoller Kleinarbeit haben die heutigen Besitzer das Schloss hergerichtet. Im Inneren sehen Besucher, wie da Vinci lebte. Da stehen Tiegel, Töpfe und Flaschen mit bunten Pulvern in Regalen und auf dem Labortisch. Zahlreiche Schriftrollen und Skizzen liegen auf dem Tisch im Studierzimmer und hängen an einer Art Pinnwand der Renaissance aus Holz. In der Küche liegen Zimtrinden und Früchte auf Etageren. Ein Schinken baumelt von der Decke, was etwas in die Irre führt. Schließlich – so lernen die Besucher es hier –war da Vinci Vegetarier.

Im Keller geht Technik-Liebhabern das Herz auf. Zahlreiche Modelle von Erfindungen zeugen von der Kreativität und Genialität des ehemaligen Bewohners. Vorläufer des Panzers und des Maschinengewehrs stehen ebenso da wie Getriebe mit Zahnrädern. Von der Decke baumeln Fluggeräte wie ein Fallschirm. Manche Modelle dürfen Besucher anfassen und ausprobieren. Weitere Modelle finden Interessierte im Park. Mit großer Begeisterung drehen Kinder und Erwachsene ein großes Modell nach Leonardos Konzeptzeichnung für einen Hubschrauber. Je nach Wetter dürfen die Besucher mit Booten fahren, die auf da Vincis Skizzen für ein Schaufelrad-Boot basieren. Dieses Jahr haben die Betreiber des Museums sich noch mehr einfallen lassen, um den Todestag da Vincis zu würdigen. Höhepunkt ist die Ausstellung eines Gobelins, der Leonardos Gemälde „Das letzte Abendmahl“ zeigt. Frankreichs König Franz I. hatte die Kopie anfertigen lassen und dem Vatikan geschenkt. Das rund 45 Quadratmeter große Kunstwerk wird vom 6. Juni bis 8. September erstmals seit dem 16. Jahrhundert außerhalb des Vatikans gezeigt.

Und wer genug Kultur und Wissen in sich aufgenommen hat, der schlendert durch das historische Zentrum. Hier wird es vom 13. bis 18. Mai hoch hergehen. Einheimische und Touristen bauen dann an einer gigantischen Konstruktion aus Karton und Klebeband. Das Kunstwerk soll sowohl von der Architektur der Stadt als auch von da Vincis Plänen und Entwürfen inspiriert sein und ist einer der Beiträge der Gemeinde zum Gedenken an den Universalgelehrten.