Reise

Liebe auf den zweiten Blick

Griechenlands zweitgrößte Stadt Thessaloniki lässt gerne tief blicken: unterirdisch in ihre römische und türkische Geschichte, oberirdisch in ihre lebenslustige Seele – an prallvollen Marktständen, bei raffinierten Patissiers und in vibrierenden Straßenbars.

Ah, du willst zunehmen . . .?“ Oder: „Was willst du denn bei den Armen da oben?“ Wer nach Thessaloniki reist, darf mit reichlich Kommentaren rechnen. In Athen und anderen südlichen Teilen Griechenlands blicken die Menschen gerne mit einem Mix aus Neid (wegen des guten Essens in Thessaloniki) und Überheblichkeit auf die zweitgrößte Stadt des Landes. Sie liegt auf den ersten Blick da, als umarme sie ihre Bucht: wie ein ausgebreiteter, scheckiger Poncho wirken Thessalonikis Viertel – eng miteinander verwachsen und durchzogen von einem kaputten Reißverschluss, der geschleiften Stadtmauer, die sich hoch bis ins alte Kastra-Viertel windet. Dieses Vogelperspektiven-Panorama am byzantinischen Trigonias-Turm ist abends 1-a-Selfie-Sonnenuntergangsspot und morgens Startpunkt für einen Streifzug durch Nordgriechenlands mal chaotische, mal betörende 325 000-Einwohner-Metropole.

Anders als in den meisten Städten liegt Thessalonikis historischer Kern nicht im Zentrum, sondern am Rande, auf einem Berg. Von hier aus hat sich die 315 vor Christus gegründete Siedlung in Richtung Küste ausgebreitet. Dorthin – runter zum Wasser – geht’s heute zu Fuß, zuerst vorbei an restauriertem Altstadt-Fachwerk, durch winkelige, verschlafene Treppengassen mit Granatapfelbäumen, an vorbeihuschenden Katzen und einer liebenswerten Kittelschürzen-Omi, die gerade ihre Blumen mit dem Gartenschlauch wässert. „Old churches, visit old churches“, sagt sie und hebt freundlich-mahnend einen knochigen Zeigefinger – wir sollen unbedingt Thessalonikis alte Kirchen besuchen. Englisch ist hier für alle Generationen notgedrungen so etwas wie zweite Amtssprache, schließlich kann fast kein Besucher Griechisch lesen, geschweige denn verstehen.

Kirche Nummer eins hat einen Pfau im Maschendraht-Gehege. Er posiert mit entfalteten Schwanzfedern wie ein Model auf dem Laufsteg, gilt als Symbol des Paradieses und ist deshalb „Haustier“ vieler griechischer Klöster. „Vlatádon“ heißt dieses versteckt gelegene unfreiwillige Mahnmal der fast 500 Jahre währenden Osmanenherrschaft in Thessaloniki: Bald nach der Eroberung der Stadt im Jahre 1430 zerstörten die Muslime viele christliche Symbole und Bilder, darunter das Mosaik in der „Vlatádon“-Klosterkapelle: Es weist so viele dicht gesetzte Hammer-Einschläge auf, dass der Betrachter nicht das gesamte Bild erfassen kann – wie bei einem unfertigen Puzzle.

Je weiter es runtergeht Richtung Zentrum, desto öfter wird der Blick in den schmalen, von Verkehr verstopften Straßen irritiert durch verwitterte Wohn- und Büroriegel. Sie sind das Resultat der „Antiparochi“ (Gegenleistung), einer bauherrenfreundlichen, aber stadtplanerisch fatalen Initiative der 1960er und 70er Jahre. Motto: Lass dein kleines Häuschen von einem Bauunternehmer abreißen und ein größeres, billig und oft illegal gebautes hinsetzen, in dem du dann – eine Hand wäscht die andere – mehrere Etagen zum Vermieten bekommst.

Wenn schon Ruinen, dann lieber die in Thessalonikis Tiefparterre – beim spannenden, unterirdischen Spaziergang durch verschiedene Epochen. Denn Kirchen wie Agios Dimitrios und Panagia Acheiropoietos sind auf antiken Bädern erbaut – bis heute begehbare, reich verzierte Gewölbe mit konservierten Mosaiken, Taufbecken und Säulen.

Eine Etage darüber mussten die zumeist drei- bis fünfschiffigen Hallenkirchen zwischen 1430 und 1912 als Moscheen firmieren. „Besatzungszeit“, nennen die Salonikios diese Jahrhunderte bis heute und haben bis auf ein Minarett, einige Hamams und wenige arabische Inschriften alle Spuren ausradiert. Deutlich lieber zeigt man großflächige Tatorte anderer Besatzer – der Römer: Kaiser Galerius’ Palastruinen etwa und das Forum Romanum. Und das ist längst nicht alles im Souterrain dieser Stadt: Seit mehr als einem Jahrzehnt soll in Thessaloniki eine U-Bahn entstehen – der Bau ist gestoppt, weil Bagger die antike Via Egnatia ausgebuddelt haben – einst römische Handelsstraße zwischen dem heutigen Istanbul und Rom. Wer an den vielen Baustellen durch Gitter in die unterirdischen Schächte linst, ahnt, welche Schätze auf Archäologen warten.

Weiter geht’s zum wohl schönsten Pausenhof für Stadtbummler, dem Aristoteles-Platz: eingerahmt von schneeweißen Boulevardfassaden, gelüftet mit frischer Seebrise und gesäumt von sonnengegerbten Taubenfütterern. Hunger? Dann am besten nicht zum nächsten

Gyros-Brater, sondern zu Sespoina Karagiozi. Die Köchin führt Gäste auf ihrer „Eat & Walk“-Tour rein ins Gewimmel der lärmenden, gestikulierenden und Fäuste schwingenden Händler auf dem basarähnlichen Kapani-Markt. Hier lässt sie Vlita probieren, ein Spinatgemüse, gefolgt von Pastourmas, dem luftgetrockneten, milden Kamelfleisch.

Wer abends mal in ähnlicher Atmosphäre essen möchte, der geht am besten zu Ergon, einem als Markthalle inszenierten Deli mit Bürgersteig-Tischen unter flackernden Straßenlaternen. „Zeit für was Süßes“, findet Feinschmeckerin Sespoina und empfiehlt Trigono, Thessalonikis typische Blätterteigtasche, gefüllt mit Vanillecreme – lecker in der Konditorei Konstandinidis oder einer der 18 Filialen von Patissier Estia, etwa am Weißen Turm, Thessalonikis Stadtwahrzeichen und Treffpunkt für Pistengänger.

Sie ziehen gerne und lange durchs Ladádika-Viertel, früher Heimat der Olivenhändler, heute von Bars und Pubs. Ein ideales Bummel-Revier für alle, die Tapetenwechsel suchen zwischen Bier, Retsina und Tsipouro auf Eis, dem einstigen griechischen Arme-Leute-Grappa. Sesshafte Cocktail-Fans chillen dagegen besser in Hollywoodschaukeln und Sitzsäcken der Lounges und Clubs an der Straße Iktinou – bei Sirtaki-Samba-Mix und Blick auf die Nomaden der Nacht: Scharen der 120 000 Studenten bringen Thessaloniki singend und tanzend auf Betriebstemperatur. Statt Poncho trägt die Stadt nun Abendkleid oder Lederjacke: Die Dunkelheit kaschiert manch betonierte Problemzone, und in tagsüber blassen Straßenzügen glüht das Nachtleben wie zu dick aufgetragenes Rouge.