Reise

Liebe auf den zweiten Schluck

An den steilen Hängen des Elbtals bauen experimentierfreudige Winzer ausdrucksstarke Weine an. Eine Weinreise in und um Dresden.

In Radebeul fühlt sich Sachsen an sonnigen Tagen fast wie Italien an. In der Kleinstadt, eine halbe Autostunde von Dresden entfernt, herrscht ein besonders mildes Klima. Jahrhundertealte Trockenmauern speichern die Wärme in den Weinbergen, die durch ihre Hanglage viel Sonne abbekommen.

Die sächsischen Weinhänge erstrecken sich rund um Dresden über 45 Kilometer Länge von Pillnitz elbabwärts über Radebeul und Meißen bis Diesbar-Seußlitz. Es ist das kleinste Weinanbaugebiet in Deutschland. Die Reben wachsen auf verwittertem Granit und Sandstein und vorwiegend auf Terrassen an Steillagen. Sie müssen kostspielig per Hand gepflegt und geerntet werden. Sächsischer Wein ist eine Rarität und macht gerade einmal 0,3 Prozent der deutschen Weinerzeugung aus. Weiße Burgunder und insbesondere Traminer von der Elbe zählen zu den teuersten deutschen Weinen.

Schon im Mittelalter wurde hier gekeltert

„Sächsische Weine sind Weine auf den zweiten Schluck, sie wollen entdeckt werden“, sagt Sommelier Silvio Nitzsche von der Weinkulturbar in Dresden, die 2900 Weine auf der Karte hat – davon 300 aus der Region. Aufgrund der Bodensituation und des Klimas würden die Weine leicht, frisch und klar werden. „Hier entstehen lebendige, säurebetonte Rieslinge mit angenehmer Trinkfrische, die aber auch gut altern können.“ Nitzsche ist überzeugt vom Potenzial Sachsens als Rotweingegend: „Manchen Winzern gelingen kühle, klare, mineralische und puristische Spätburgunder, die eine eigene Interpretation großer französischer Burgunder sind.“ Dabei meint er vor allem die Spätburgunder des Radebeuler Winzers Karl Friedrich Aust, der eines der schönsten historischen Weingüter in Radebeul bewirtschaftet.

Aust ist gelernter Steinmetz und entstammt einer sächsischen Hobbywinzerfamilie. „Meine erste Terrasse, die ich bereits als kleiner Junge bewirtschaften konnte, besaß 73 Rebstöcke der Sorte Müller-Thurgau“, erzählt Aust. 2002 machte er die private Leidenschaft zum Beruf und gründete das Weingut. Mittlerweile gehören auch ein Restaurant und ein Hofladen dazu. Die Glücksgöttin Fortuna ziert das Haus als Wetterfahne und heute auch das Etikett der Flaschen. Das Gut umfasst über sechs Hektar Rebflächen in den besten Lagen Radebeuls, in die Aust schon viel Geld und Arbeit gesteckt hat. „Das ist meine Heimat. 30 Prozent dessen, was wir Winzer hier tun, ist Regionalförderung, das ist Erhalt der Kulturlandschaft“, sagt Aust.

Weinbau in Sachsen hat eine über 800-jährige Tradition, der heute rund zwei Dutzend Weingüter und 2500 Kleinwinzer folgen. Bereits im Mittelalter wurden in der Region Trauben gekeltert. Die erste Weinbauschule Europas eröffnete 1811 in Meißen. Im 17. Jahrhundert umfasste das Weinanbaugebiet 6000 Hektar. Durch Kriege und Schädlingsbefall schrumpfte es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf 70 Hektar. Erst nach der Wende erlebte der Weinanbau eine Renaissance und wuchs auf über 490 Hektar an. Neben bekannten Größen wie dem Staatsweingut Schloss Wackerbarth machen vor allem einige unkonventionelle Winzer von sich reden. Neben Karl Friedrich Aust zählt zu ihnen auch Martin Schwarz.

Schwarz ist über Umwege zum Wein gekommen. Interessanter als Elektrotechnik fand der Hesse nämlich Rotweine, machte ein Praktikum beim Weingut Dr. Heger in Baden-Württemberg und kam 1996 nach Meißen, wo er mit dem Prinzen Georg zur Lippe das Weingut Schloss Proschwitz aufbaute. Vor 15 Jahren begann er, Weinberge selbst zu bewirtschaften. Überregional bekannt ist er für seine Cuvées. 14 verschiedene Weinsorten baut er auf zweieinhalb Hektar an. Das dürfte in Deutschland einmalig sein. Von Milliardär Karl-Erivan Haub von der Unternehmensgruppe Tengelmann hat er den Weinberg am Berghaus Neufriedstein in Radebeul gepachtet. Dort hat Schwarz als Experiment auch Nebbiolo angepflanzt, eine Rebsorte, die höchste Ansprüche an Standort und Klima stellt. Im Piemont steht sie für Rotweine von Weltklasse. 19 Kilometer entfernt in Pillnitz hat sich der Autodidakt Klaus Zimmerling im Anbaugebiet den Ruf erarbeitet, den besten Riesling zu machen. Zimmerling verdiente seinen Lebensunterhalt als Maschinenbauer, bis er 1992 am Königlichen Weinberg Reben mit perfekter Südlage erwarb. Von dort reicht der Blick bis in die Sächsische Schweiz. „Unsere Rieslingreben sitzen hier wie im Amphitheater“, sagt der gebürtige Leipziger. Bei ihm gedeihen auch Grau- und Weißburgunder, Kerner, Gewürztraminer und Traminer – ohne Herbizide und synthetische Pestizide. „Ich bin sehr experimentierfreudig. Zehn verschiedene Weißweinrebsorten bauen wir hier auf vier Hektar an“, sagt Zimmerling und fügt an: „Das ist eigentlich völlig verrückt, macht aber Spaß.“

Die Trauben lässt er meist länger stehen als andere Winzer, manchmal bis in den November hinein. Abbildungen der weiblichen Holzskulpturen seiner Frau, der Künstlerin Malgorzata Chodakowska, zieren die Etiketten der Weine. Während Zimmerlings 30 000 Flaschen pro Jahr schnell vor Ort vergriffen sind, verkaufen sich die Skulpturen seiner Frau mittlerweile in der ganzen Welt.