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Londons kreative Seiten

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Waltham Forest ist der diesjährige und erste „London Borough of Culture“ und überrascht mit viel Natur, Kunst und kreativer Power. Ein echter Geheimtipp.

Unmöglich, nicht von diesem köstlichen Mandelkuchen zu probieren, den Arlene Dunkley-Wood an ihrem Stand auf dem „Farmer’s Market“ verkauft. Jeden Sonntag bietet sie hier ihre selbst kreierten Sünden an, einen Steinwurf von der U-Bahn-Station „Walthamstow Central“ entfernt – die Endstation der Victoria Line im Nordosten Londons. Neben ihrem Backwerk leuchten Honiggläser. „Vom Imkern hatte ich keinen blassen Schimmer“, erzählt sie, „bis wir vor vielen Jahren von Hackney nach Walthamstow zogen. Der Vorbesitzer hatte uns seinen Bienenstock hinterlassen, so wurde ich zur Expertin.“ Dann begann sie, ihn auf dem Farmer’s Markt zu verkaufen.

Arlene, die ihren Stadtteil vor allem wegen dem Mix an Kulturen liebt, ist ein exemplarisches Beispiel für die kreative Power dieser Nachbarschaft im Herzen des Londoner Bezirks Waltham Forest. Er erstreckt sich von Chingford im Norden bis Leystonstone im Süden und wird flankiert von zwei „grünen Lungen“.

Während sich im Osten das kilometerlange Band des dichten Epping Forest erstreckt, schmiegt sich der Bezirk im Westen an die Walthamstow Wetlands. Das Naturreservat zählt zu den größten urbanen Feuchtgebieten Europas. Das ausgedehnte Reservoir ist ein Trinkwasserspeicher für über drei Millionen Londoner und Heimat vieler Wasservögel. Erst seit 2017 wurde das vormals abgesperrte Gebiet für die Öffentlichkeit freigegeben. Die zentrale Anlaufstelle: das „Engine House“, die 1894 erbaute Pumpstation – nach dem Umbau ein informatives Besucherzentrum samt Café.

Hier wartet bereits Kirsteen McNish, eine weitere Kreative aus dem Viertel. Seit fünf Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Waltham Forest und fühlt sich hier endlich „angekommen“. Die Kuratorin gehört zum Team des „Borough of Culture“, das gemeinsam mit Künstlern verschiedenste Projekte rund um den Stadtteil entwickelt. Den Titel verdankt Waltham Forest der Ausschreibung des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan, der auf diese Weise die lokale Kultur und Communitys ausgewählter Stadtteile fördern und sichtbar machen will. Waltham Forest gewann. Dabei gehe es nicht nur darum, Kunst zum Anschauen zu installieren, sondern um gemeinschaftliche Kulturprojekte, die aus der Community heraus entstehen, so Kirsteen.

Mit dem Programm „The People’s Forest“ kuratieren Kirsteen McNish und ihr Kollege und Schriftsteller Luke Turner außergewöhnliche Projekte, die durch den Epping Forest inspiriert sind. Geplant sind visuelle und Sound-Installationen, Tanz, eine Radioshow oder Nachtwanderungen durch den Wald – veranstaltet nur für Frauen.

Zurück an der alten Pumpstation muss Kirsteen zurück, um weiterzuarbeiten, und radelt mit ihrem knallroten Hollandrad davon. Zeit, ins quirlige Walthamstow aufzubrechen und ihren Insidertipps zu folgen. Entlang der zentralen Hoe Street klebt ein Geschäft am anderen. Karibische, chinesische, indische, nordafrikanische Restaurants, kunterbunte Läden neben kleinen Friseurläden und auch allerhand Immobilienbüros. Seit das Viertel, das in der Vergangenheit vor allem für seine Gangkriminalität berüchtigt war, innerhalb der letzten zehn Jahre immer mehr Menschen aus der Mittelschicht anzog, haben die Wohnungspreise auch hier angezogen. Walthamstow gilt als hip, immer mehr Londoner lassen sich hier nieder, um aus der verstopften City zu fliehen.

Die ethnisch bunt gemischte Community erschafft permanent Neues. Street-Art prangt von Hausfassaden, an Straßenecken sprießen Kräuter in Community-Gärten, die pompöse Eingangshalle des historischen Kinos an der Hoe Street wurde in eine Bar verwandelt. Nördlich endet die Hauptstraße mit dem bunten „One Hoe Street“-Info-Center, in dem sich Besucher über die schier unzähligen Events in Waltham Forest informieren können. Vorbei an bunten Eingangstüren kleiner Reihenhäuser, die sich durch ruhige Wohnstraßen schlängeln, präsentiert sich Walthamstow Village wie eine Zeitkapsel. Der verwilderte Friedhof der St. Mary’s Church oder das Tudor-Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert: Die Straßen erzählen von vergangenen Jahrhunderten, als Waltham Forest noch ein kleines Dorf vor den Toren Londons war.

Und wer von hier aus mit der Bahn weitere drei Stationen Richtung Chingford rattert, findet sich nach einem kurzen Marsch sogar unter dem dichten Blätterdach des Epping Forest wieder.

Nicht umsonst hat sich das Kreativ-Team des „Cultural Borough of London“ einen durchweg passenden Titel für das quirlige Viertel ausgedacht: „Welcome to the Forest“, einem Wald voller Ideen, Geschichte – und einem echten, in dem flinke Eichhörnchen von Ast zu Ast huschen.