Reise

Mach dich mal locker!

Archivartikel

Einsame Palmenstrände, türkisfarbenes Wasser in Badewannentemperatur und eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Ein Besuch auf der Vulkaninsel Nosy Be im Nordwesten Madagaskars ist vor allem eines: unglaublich entspannend.

Die Regeln sind einfach: Ein Kampf dauert drei Runden. Keine Schläge unter die Gürtellinie. Wenn der Gegner am Boden liegt, wird unterbrochen. Gewichtsklassen und Altersstufen? Alles Mumpitz, wenn die Kickboxer auf der Insel Nosy Be in den Ring steigen. „Immer sonntags“, erzählt unser 21-jähriger Reiseführer Franck Lalanarivong. „Morgens geht’s in die Kirche, nachmittags zum Kickboxen.“ Die Kämpfer nennen sich „Super Black“ oder „Rambo II“. Drahtige, muskulöse junge Männer, die wie Gockel um den Ring stolzieren, sich taxieren und provozieren. Die Show beginnt schließlich nicht erst mit Runde eins.

Während des Kampfs gibt es Hühnchenspieße und Koka-Blätter

Aus den Boxen dröhnt harter Rap, dazu werden gebackene Bananen, Hühnchenspieße, Bier und Koka-Blätter gereicht. Die Kämpfer kauen gleich die ganze Knolle. „Das macht einen schneller, und man spürt die Schmerzen nicht so – wenn der andere mal schneller war“, erklärt Franck fachmännisch und lacht. Während des Kampfs kennen die Kämpfer keine Gnade. Es hagelt Tritte und Schläge. Die Kickboxer umtanzen sich, verschwinden in dem aufgewirbelten Staub. „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.“ Das Publikum hält es schon nach dem zweiten Kampf nicht mehr auf den Sitzen. Und dann? Dann sticht die Biene, blitzschnell und gnadenlos. Der Getroffene sackt zusammen, liegt minutenlang bewusstlos auf dem Boden. Die Menge kaut weiter Koka-Blätter, nippt am Bier und beobachtet gespannt, wie das Drama ausgeht. Als der junge Mann wieder aufsteht, brandet Jubel auf.

Am Ende liegen sich die eben noch so erbitterten Gegner in den Armen. Denn Stress braucht auf Madagaskar kein Mensch. Alles geht ein bisschen gemächlicher zu. Ungeduld wird stets mit dem gleichen Spruch beantwortet: „Mora mora“ – „Immer mit der Ruhe“. Und wer die Ruhe bewahrt, wird belohnt: mit unberührten Palmenstränden, feinstem Sand zwischen den Zehen und türkisfarbenem Wasser, das so herrlich warm ist, dass der Nordseeurlaub wie ein ferner Albtraum aus der letzten Eiszeit erscheint.

Tags darauf geht es mit dem Motorboot zu der kleinen Insel Nosy Sakatia, wo wir uns den Ozean mit riesigen Schildkröten und bunt schillernden Fischen teilen. Grellgelb, orange, pink und himmelblau, jedes Tier eine Farbpalette. Wer den Katamaran nach Nosy Tanikely nimmt, trifft mit etwas Glück auch auf elegante Stachelrochen, pfeilschnelle Barrakudas und riesige Dickkopf-Stachelmakrelen.

Mit dem Einbaum geht es zu den Lemuren

An Land ist die Tierwelt nicht minder einzigartig. Schließlich spaltete sich Madagaskar vor 150 Millionen Jahren von Afrika und vor 90 Millionen Jahren vom indischen Subkontinent ab, entwickelte sich hier eine eigene Flora und Fauna. Nicht umsonst wird Madagaskar als achter Kontinent bezeichnet.

Wer ganz tief in den letzten Urwald der Insel Nosy Be eindringen will, schnappt sich einen der Lakaha genannten Einbäume, paddelt nach Lokobe und wandert mit Roger Sirice durch den dortigen Nationalpark. Eine überaus schweißtreibende Angelegenheit, vor allem für jene, die sich von Franck zu einem kleinen Bootsrennen überreden lassen, was die sonst knapp 45-minütige Überfahrt deutlich verkürzt.

Auf der Halbinsel angekommen, übernimmt Roger. Der 44-Jährige vom Stamm der Sakalawa – einer der 18 Ethnien des Landes – findet jeden noch so kleinen Gecko und jedes Chamäleon. Er weiß, wo die Lemuren ihr Mittagsschläfchen halten, und entdeckt unter einem Blatt auch noch eine Spinne mit Teufelshörnern. Dazu muss sich jeder langsam und vor allem möglichst leise bewegen. Möglichst mora mora also.

Lokobe bedeutet „viele Farben“, und der Name ist gut gewählt. Der Dschungel erstrahlt in jedem Grünton dieser Erde. Alle zwei Meter kreuzt ein knallbunter Frosch den Weg, drei Schritte weiter wickelt sich eine Schlange gemächlich um einen Ast, während ein Katta mit schwarz-weiß-geringeltem Schwanz durch die Baumkronen tollt. Die Besucher hoffen auf ein Selfie mit einem leibhaftigen King Julien, doch die Kattas, die der Figur aus dem Trickfilm „Madagascar“ als Vorbild dienten, bleiben auf Abstand. Schließlich hat keiner der Touristen an Bananen gedacht.

Tuk-Tuks auf den Straßen, Ylang-Ylang in der Luft

Franck, 21 Jahre alt und „im Dschungel aufgewachsen“, erklärt derweil, welche Pflanze für was gut ist. „Baobab-Rinde gegen Fieber, Terminalia für die Verhütung, und wenn deine Frau die ganze Zeit Bilimbi isst, brauchst du keinen Schwangerschaftstest mehr“, erzählt er. „Auf Madagaskar gibt es viele Früchte, die man probieren sollte“, fügt er hinzu und freut sich sichtlich über die Doppeldeutigkeit.

Auf der Rückfahrt endlose Felder mit Ylang-Ylang-Bäumen, deren Öl Grundstoff für Parfüms wie Chanel No. 5 ist und Nosy Be den Beinamen „Parfüminsel“ beschert hat. Ein lukratives Geschäft. 300 Liter Wasser und 500 Kilo Ylang-Ylang-Blüten ergeben 12,5 Liter Öl. Pro Liter werden auf Madagaskar knapp 100 Euro fällig, in Frankreich sind es bereits 1500 Euro. Ein süßlich-blumiger Geruch liegt über den Feldern, auf den Straßen tummeln sich Tuk-Tuks, allerdings deutlich gemächlicher als in Asien, denn auf Nosy Be geht es wegen der Schlaglöcher meist nur im Zickzack voran. Und wieder: Mora mora.

Am Straßenrand stehen bucklige Rinder, Zebus genannt, die am Abend auf dem Teller landen werden. Doch zuvor noch ein Abstecher auf den Markt von Hell-Ville. Wer auf der Insel ist, wo der Pfeffer wächst, sollte nicht ohne Gewürze heimkehren; und die gibt es dort reichlich: Zimt, Safran, Nelken, Muskat, Combava und natürlich alle Arten von Pfeffer. Am Abend ein letztes Zebu-Steak – und den Vorsatz, aus Madagaskar nicht nur Pfeffer mitzubringen, sondern auch etwas mehr Gelassenheit. Mora mora eben.