Reise

Reise nach Münster Auf den Spuren von Boerne, Thiel und Wilsberg / Vom Turm der Sankt-Lamberti-Kirche bläst die Turmwächterin ins Horn

Martje Saljé ist Europas einzige Türmerin

Archivartikel

Münster ist Krimistadt, Fahrradstadt und Studentenstadt in einem. Und angeblich regnet es dauernd. Tatsächlich hat die Westfalenmetropole viele Klischees – aber noch viel mehr zu bieten.

Martje Saljé ist eine außergewöhnliche Frau. Und sie hat einen noch außergewöhnlicheren Beruf: Als erste Frau ist sie die Türmerin von Münster in Westfalen.

„Ein Beruf mit der besten Aussicht, die man sich vorstellen kann“, weiß die sympathische Musikerin inzwischen, die aus 75 Metern Höhe vom Turm der spätgotischen Lamberti-Kirche Ausschau nach Bränden hält und jeden Tag, außer Dienstag, zwischen 21 Uhr und Mitternacht mit ihrem orn in drei Himmelsrichtungen bläst.

Ohne Atemnot auf den Turm

Die Stadt mit ihren wunderschönen Häusern liegt ihr zu Füßen, nachdem sie allabendlich die vielen Stufen zum Turm hinaufgestiegen ist. „Das ist mein Step-Aerobic“, lacht die Musikerin und läuft, vollkommen ohne Atemnot, voraus. Damit setzt sie eine Tradition fort, die vor mehr als 600 Jahren begonnen hat. Ihr Gehalt bekommt sie von der Stadt Münster, die diese Tradition fortführen, aber auch weiter entwickeln will.

„Spannend finde ich, dass das Alte und das Neue so nah beieinander liegen“, verdeutlicht Martje Saljé. Zwar ist ihr Beruf ein mittelalterliches Amt, aber das Bloggen aus der alten Türmerstube gehört einfach dazu. Und sie stößt bei ihrer Arbeit als Türmerin immer wieder auf interessante Geschichten.

Gemütlich ist es in der Türmerstube. Ein altes Radio, eine Lichterkette, verschiedene Musikinstrumente und zahlreiche Bücher verraten einiges über die Türmerin. Ursprünglich hat sie Musik und Geschichte studiert.

Klavier, Gitarre und Gesang sind ihre Lieblingsdisziplinen. „Lampenfieber kenne ich nicht. Ich stand schon als kleines Mädchen auf der Bühne“, erzählt Martje Saljé. Und man glaubt es ihr. Nachdem sie viele Jahre mit Rock- und Pop-Bands in der Welt unterwegs war, ist es für sie jetzt „Zeit, Wurzeln zu schlagen“.

Der Wecker quakt. Das ist das Zeichen für Martje, die nächste Runde um den Turm der Sankt-Lamberti-Kirche anzugehen und ins Horn zu blasen. Neun langgezogene Töne bedeuten Entwarnung, ein kurzes Stakkato dagegen heißt: Alarm! Zwei Mal schon hat sie ein Feuer gesichtet. Grundsätzlich ist Münster für sie die „lebenswerteste Stadt auf der Welt“. Und sie muss es wissen. Denn mit Musik und Gesang ist die 38-Jährige schon ganz schön in der Welt herumgekommen. „Aber jetzt bin ich gelandet. Hier in Münster will ich auf jeden Fall bleiben. Es ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte“, schwärmt sie von der sympathischen Studentenstadt in Nordrhein-Westfalen. Damit ist sie als einzige hauptberufliche Türmerin in Europa auch eine echte Botschafterin für die Stadt.

Aber auch Tatort und Wilsberg-Fans stehen ihr mit der Begeisterung für Münster nicht nach. Und selbst, wenn es tatsächlich mal zu einem Mordfall kommen sollte, wissen sie, dass die Fälle immer innerhalb von 90 Minuten aufgeklärt werden. So kann der Münsteraner Tatort mit Boerne, Alberich, Thiel und der ewig rauchenden Staatsanwältin mit der tiefen Stimme schon mal 15 Millionen Zuschauer verbuchen. Ähnlich wie ein deutsches Fußball-Länderspiel. Die pfiffige Krimiführerin aus dem Tourismusamt bringt ihre Gäste jedenfalls mehrmals „um die Ecke“ und zeigt ihnen auch das Antiquariat von Wilsberg, das zurzeit renoviert wird.

Vorbei geht es an Straßen mit witzigen Namen – Drubbel, Krummer Timpen – Giebelhäusern und Kirchen. Dazwischen gibt es moderne Glasbauten. Und in Münster funktioniert dieser Mix sogar.

Die Altstadt mit Prinzipalmarkt und Spiekerhof wirkt wie ein Miniaturmodell. Außerdem ist Münster die Fahrradhauptstadt der Welt, die Glocken läuten ständig und angeblich regnet es immer. Was nicht stimmt.

Aber selbst, wenn es doch mal regnen sollte, ist Münster auf jeden Fall eine Reise wert.