Reise

Mehr als eine Seebrücke

Sellin gehört zu den Hotspots der Ostsee-Insel Rügen – und dies aus gutem Grund: Seine historische Bäderarchitektur vermag ebenso zu begeistern wie die attraktiven Sandstrände und die urwüchsigen Wälder.

Der junge Mann an der Hotelrezeption bekennt es lächelnd: „Das ist auch für uns neu.“ Im zweiten Jahr in Folge erlebte Rügen im Juni mehr als 30 Grad. Aber im Unterschied zum Binnenland kühlt es auf der Ostsee-Insel nachts erholsam ab. Die Meeresküste im deutschen Nordosten ist Urlaubs-Refugium im Klimawandel. Bleibt nur die Frage: Wohin auf Rügen? Wir versuchen es mit Sellin.

Schon die Anfahrt ist ein Erlebnis – sei es mit dem historischen Zug, dem „Rasenden Roland“, oder mit dem Bus, der eine Besonderheit bietet: Die Stationen werden von einer Kinderstimme angesagt; sie erinnert an den imaginären Erzähler Oskar Matzerath im Film „Blechtrommel“.

Den Ortskern betritt der Besucher über die Wilhelmstraße, 1895 angelegt. Das historische Kopfsteinpflaster mag für Radfahrer ein Graus sein; nach Kriegsende von der sozialistischen Planwirtschaft wegen Materialmangels nicht asphaltiert, komplettiert es heute jedoch den historischen Eindruck der Straße, deren einheitliche Bebauung zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte.

Schon Albert Einstein zu Gast

Und zwar als Paradebeispiel der Bäderarchitektur: Schneeweiße Gebäude im Jugendstil, wobei die hölzernen An- und Aufbauten ein wenig an die Saloons aus Wild-West-Filmen erinnern. Schon früh war Sellin beliebter Badeort, wovon der Besuch von Albert Einstein 1915 zeugt.

Nahezu unversehrt überstanden diese Gebäude die Stürme der Geschichte, etwa die gewaltsame Enteignung ihrer Besitzer durch die Kommunisten 1953 und die Umwidmung der Pensionen in Ferienheime der Staats-Gewerkschaft. Selbst unvermeidliche Neubauten unserer Zeit passen sich im Bäder-Stil ein. Zwei, drei übrig gebliebene Relikte der Ära des Sozialismus unterstreichen nur, welches System auch architektonisch das schlechtere war.

In den Häusern finden sich schicke Boutiquen wie Wellensteyn, aber auch uralte Geschäfte. Etwa das 1916 eröffnete Fotoatelier Knospe. Sein Gründer Hans Knospe, 1899 geboren und 1999 kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben, war ein fotografischer Chronist der Geschichte Sellins über alle Systeme hinweg: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR, wiedervereinigtes Deutschland. „Ich bin die vierte Generation“, berichtet der junge Mann, bei dem man nun Reprints der Postkarten seines Urgroßvaters aus den 1930er Jahren erwerben kann.

Die Gastronomie in der Straße ist breit gefächert von maritim bis mexikanisch; auch ein „Böhmisches Brauhaus“ gibt es. Selbst Imbisslokale haben Stil, wie der „Glückswinkel“ mit seinem Hamburger Schnitzel (Schnitzel mit Spiegelei).

Doch vor allem beherbergen die Häuser Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels. Die beiden größten setzen architektonische Akzente am Ende der Wilhelmstraße: das ehemalige Kurhaus und das Appartement-Haus „Living First“, erst vor kurzem fertiggestellt. Seine Terrasse nutzt eine überraschend exquisit bestückte Weinwirtschaft, in dieser Ecke Deutschlands eher selten, mit Blick auf Sellins Wahrzeichen.

Wo die Wilhelmstraße endet, beginnt eine neue Perspektive. Auf 87 Stufen, der „Himmelsleiter“ (barrierefrei auch im Fahrstuhl), geht es zur Seebrücke und auf ihr fast einen halben Kilometer weit ins Meer. Seebrücken gibt es viele an der Ostsee; sie wurden errichtet, damit Schiffe ungeachtet der flachen Ufer anlegen können. Doch mit 400 Metern ist die Selliner die längste und dank ihrer Bebauung auch eine der schönsten. Ein Postkartenmotiv wie in Berlin das Brandenburger Tor. Nicht ohne Grund lautet denn auch der Hashtag für Selfies „#Ich bin ein Selliner“.

Großformatige historische Fotos (zumeist von besagtem Knospe) zeigen ihre wechselvolle Geschichte. 1906 eingeweiht, wurde sie mehrmals zerstört – durch Gewalt der Natur und des Menschen. In der Endphase der DDR gab die Verwahrlosung der sozialistischen Planwirtschaft ihr den Rest. 1992 begann der Wiederaufbau – größer und schöner denn je. Wer fragt, wo die von Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ im Osten sind – hier findet er ein Paradebeispiel.

Die Seebrücke ist Herzstück des Lebens am Ort, vor allem dank des Restaurants. Es ist mehr als ein Ausflugslokal, dank seiner geschmackvollen Einrichtung und seiner Aktivitäten. Hier gibt es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Live-Musik und Vorträge, sogar Heiraten kann man hier. Schiffe legen ab zu ihren Ausflügen in der Region.

Apropos Ausflug: Attraktion ist die Tauchgondel. Sie führt vier Meter unter den Wasserspiegel, trockenen Fußes erlebt der Passagier das quirlige Leben im Meer. Wenn sie sich langsam nach oben windet, das Wasser verdrängt und die Wellen gegen ihren Stahlmantel schlagen, dann fühlt sich der Betrachter an Jules Vernes Klassiker „20 000 Meilen unter dem Meer“ erinnert.

Doch die meisten Besucher gehen lieber auf andere Weise ins Wasser: An den zwei Kilometer langen Stränden, die fast schon Karibik-Ambiente atmen – mit strahlend weißem Sand und an einigen Stellen smaragdgrünem Wasser, wie man es von den Steilküsten aus sehen kann. Diese sind – bis zu 30 Meter hoch –ebenfalls ein Spezifikum Sellins.

In einer abgeschiedenen Ecke am Ende des Strandes liegt ein besonderer Bau: Der riesige, 250 Zimmer umfassende Komplex des Cliff-Hotels, 1978 erbaut als Erholungsheim des Zentralkomitees der Staatspartei SED. Ihrem damaligen Chef Erich Honecker ist es zu verdanken, dass ein Fahrstuhl von der Steilküste direkt an den Strand führt – ein einmaliger Luxus, den die Gäste des heutigen Nobelhotels zu schätzen wissen.

Ein weiteres Kennzeichen des Ortes, das auf Luftbildern zu erkennen ist: Sellin ist grün. Unmittelbar hinter den Stränden beginnen Wälder, urig und idyllisch, erschlossen durch Alleen, die charakteristisch sind für den gesamten Nordosten Deutschlands. Zu erleben gibt es also genug – auch und gerade bei einst klassischem, zuweilen gefürchtetem Ostsee-Wetter von weniger als 30 Grad.