Reise

Mehr als nur Zwischenstation

Archivartikel

Garmisch-Partenkirchen liegt im wahrsten Wortsinne im Schatten von Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, und olympiaerprobter Skipisten. Dabei hat auch der 1935 durch Fusion entstandene Ort am Fuße des Gebirgsmassives Einiges zu bieten.

Es gibt Orte, die sind weltbekannt für ihre Schönheit und dadurch Besuchermagnete. Und es gibt Orte, die sind eher Durchgangsstationen zu ihnen. So geht es Garmisch-Partenkirchen. Wer in Sichtweite der Olympiaschanze Ski fahren will, der wohnt eben hier – 1,2 Millionen Übernachtungsgäste tun das pro Jahr. Und wer als Tagestourist zur Zugspitze will, der muss hier starten. Doch auch der Ort selbst hat noch mehr Interesse verdient, wie ein Spaziergang zeigt.

Denn GAP – nicht das gleichnamige Modelabel, sondern das offizielle Autokennzeichen – weist einige Besonderheiten auf. So zählt es zwar stattliche 27 000 Einwohner, ist aber trotzdem keine Stadt, sondern ein Markt. Damit einziger Ort in Deutschland, der Sitz eines Landkreises ist, ohne selbst Stadt zu sein.

Und es ist eine Fusionsgemeinde aus zwei Dörfern, die sich lange spinnefeind waren. Ihre Kirchen, so referiert ein Reiseführer die Legende, „erbaute man bewusst mit dem Hinterteil in Richtung des jeweils anderen Ortes.“ 1935 wurden beide auf Geheiß der Nazis vereinigt, um die nötige Größe zur Ausrichtung der für sie so wichtigen Olympischen Winterspiele 1936 zu bekommen.

Bahnhof als Wegbereiter

„Garmisch-Partenkirchen“ hieß jedoch zuvor bereits der Bahnhof, 1912 erbaut auf halber Strecke zwischen München und Innsbruck. So alt er ist, so hochmodern seine heutige Gestaltung: In der Unterführung machen farbige Großfotos der Landschaft sogar den Gang zu den Gleisen zum Vergnügen.

Eine Gedenktafel erinnert an den Wirt der Bahnhofskantine, Johann Mordstein; in den letzten Wochen des Krieges 1945 verhalf er KZ-Häftlingen zur Flucht. Heute befindet sich in den Räumen der Bahnhofskantine ein Schnellimbiss; die jungen Gäste, die ihre Burger kauen, ahnen nichts von seiner Geschichte.

Die ewig lang erscheinende und überraschend öde Bahnhofstraße führt zum Rathaus, erbaut zur Fusion 1935, im Stil irgendwo zwischen Mittelalter und 1930er Jahren. Auf dem Vorplatz prangt in leuchtendem Blau jene Lokomotive, die bis 1990 die Zugspitzbahn zog. 1929 von der AEG in Berlin erbaut, 27,5 Tonnen schwer, 300 PS stark, 50 Stundenkilometer schnell oder korrekter gesagt: gemächlich.

Über die riesige Kreuzung, von der aus der Blick auf die Sprungschanze fällt, geht es in den alten Ortskern – zur Kapelle St. Sebastian, errichtet 1637 auf dem Friedhof für die Pesttoten, bewusst außerhalb der damaligen Besiedlung. Die vier Apokalyptischen Reiter auf dem Fresko über der Giebelwand jagen noch heute Ehrfurcht ein.

Historische Ludwigstraße

Der Platz vor der Kirche bietet die richtige Position, um die Schönheit der historischen Ludwigstraße zu erkennen. Einen Kilometer lang, Teil einer uralten Handelsroute zwischen Venedig und Augsburg. Gleich an mehreren Gebäuden wird hier an den berühmten Kniefall von Friedrich Barbarossa vor Heinrich dem Löwen im Jahre 1176 erinnert.

Überhaupt die Fassaden! „Lüftlmalerei“ nennt sich die Gestaltung. Nahezu jeder Giebel ist verziert mit Darstellungen historischer Ereignisse und Persönlichkeiten oder Sinnsprüchen ihrer Besitzer, manche sehr persönlich. „Ich habe mir vorgenommen/Grad durch die Welt zu kommen/Es wollte mir nicht glücken/Ich muss mich oftmals bücken“, heißt es auf einer Wand. Auf einer anderen, an Haus Nr. 27, auch in Fraktur, aber wohl eher aus unseren Tagen: „Mit jedem Tag, den ich älter werde, wächst die Zahl derer, die mich am Arsch lecken können.“

Neben Geschäften reiht sich hier Gasthaus an Gasthaus, darunter der „Werdenfelser Hof“, wo es die beste Weißwurst des Ortes geben soll. Auch das Werdenfels-Museum liegt hier, angemessen in einem Haus des 17. Jahrhunderts, das als eines von nur wenigen das Großfeuer von 1865 überstanden hat. Heute gilt es als eines der schönsten nichtstaatlichen Museen Bayerns, legt zuweilen den Finger in manche Wunde; seine Ausstellung über die Winterolympiade von 1936 zeigte unter den fünf Ringen ein Originalschild mit dem Schriftzug „Juden unerwünscht“.

Erinnerung an Richard Strauss

Der Rückweg führt vorbei an jenem Institut, das den Namen Richard Strauss trägt; ab 1908 bis zu seinem Tode 1949 hat der Komponist in dem Dorf gewohnt und den „Rosenkavalier“ verfasst. Jedoch nicht in diesem Haus, wie viele glauben; es beherbergt lediglich das nach ihm benannte Institut, hat aber auch eine interessante Geschichte: 1893 entworfen vom Mannheimer Architekten Manchot im Auftrag des Mannheimer Zigarrenfabrikanten Georg Ludwig Mayer-Doß. Auch ein Nachfahre, der kurz vor Kriegsende 1945 ermordete Widerstandskämpfer Albrecht Haushofer, hat hier gewohnt.

Unter der Eisenbahnbrücke hindurch geht es nach Garmisch – und damit in eine andere Welt: weniger ursprünglich – oder weniger puppenstübchenhaft, wie andere sagen mögen. Dafür mondäner, mit mehr Leben oder dem, was manche dafür halten, mit Geschäften, wie es sie in Metropolen gibt: Gerry Weber, Swarowski, Betty Barclay. Statt Gassen wie in Partenkirchen breite Straßen, aber auch viele kleine Plätze; auf einem, neben der Kirche St. Martin, ist im Winter eine Eisbahn aufgebaut.

Der Rückweg führt durch den Kurpark, benannt nach dem 1995 verstorbenen Sohn des Ortes: Michael Ende, Autor der „Unendlichen Geschichte“ und von „Jim Knopf“. In seinem Zentrum: das Kurhaus, um die Jahrhundertwende erbaut; auch Königin Margarethe von Italien (1851-1926) war hier Gast. Die Dame kennt zwar kein Mensch mehr, doch sie gab der Pizza Margherita ihren Namen. Und die kennen sogar die Jungs im Bahnhofsimbiss.