Reise

Menü mit Andenblick

Archivartikel

Von Gaucho-Romantik ist in der Provinz Mendoza in Argentinien wenig übrig geblieben. Hochmoderne Weingüter verknüpfen stattdessen atemberaubende Landschaft mit avantgardistischer Architektur.

Aus gutem Grund bestehen die Wände des „Piedra Infinita“ an zwei Seiten aus Glas. So haben die Gäste freie Sicht auf die Weinberge vor den schneebedeckten Andenkolossen. Der Blick schweift nach draußen, bevor die exzellenten Fleischmesser erneut durch das „Bife de chorizo“ gleiten und der nächste Schluck des hervorragenden Malbec durch die Kehle rinnt. Piedra Infinita (etwa: unendliche Steine) heißt nicht nur das Restaurant, sondern auch der „Icon“-Wein der Bodega Zuccardi aus dem gleichnamigen Weinberg in Altamira, der berühmtesten Lage des Anbaugebietes Valle de Uco.

Dort, etwa 80 Kilometer südlich von Mendoza, begann vor 20 Jahren die Revolution im argentinischen Weinbau. Experten entdeckten die enormen Chancen, die Weinberge im Valle de Uco auf über 1000 Meter Höhe bieten können. Tausende Hektar Reben wurden angelegt, Dutzende neuer Weingüter gebaut. Vor allem aber nutzten die Bodegas Landschaft, gastronomische Tradition und wachsende Bekanntheit des Malbec, um weininteressierten Besuchern ihr einzigartiges Gesamtkunstwerk zu bieten.

Kunst im Weinkeller

Die 2015 eröffnete Bodega der Familie Zuccardi beispielsweise ist nicht irgendeine Kellerei. Das futuristische Bauwerk inmitten der Weinberge mit einer silbern glänzenden Kuppel und erstaunlichen Lichtspielen im Inneren gewann Architekturpreise und wäre auch ohne Anden, Restaurant und Wein sehenswert. Zuccardi gehört zu den am höchsten bewerteten Weinerzeugern Argentiniens. Die Verkostung kann im Proberaum oder im Restaurant stattfinden. Dort werden die Weine dem jeweiligen Menü angepasst. Bei der Hauptspeise fällt die Weinauswahl leicht: Der Grillmeister zaubert wunderbares, auf den Punkt gegartes Rindfleisch von der „Parilla“, dem offenen Grillofen. Dazu passt ein Malbec.

José Zuccardi, mit italienischen Vorfahren wie viele Mendociner, setzt seinen Mario-Adorf-Blick auf und hält einen kleinen Vortrag: „Wir Argentinier haben bei der letzten WM nicht sehr gut abgeschnitten. Aber an der Parilla sind wir Weltmeister. In Mendoza grillen wir grundsätzlich über Holzglut aus einem Feuer seitlich des Rostes, die fein dosiert unter den Rost geschaufelt wird. Dabei kommt es auf die Holzart, die Größe der Holzstücke, den Abstand des Grillrostes von der Glut, auf Glutmenge und Größe der Glutstücke an.“

Die Zuccardis stehen mit ihrem Konzept nicht allein. Ähnlich futuristisch präsentieren sich Gebäude und Restaurants der Bodegas Salentein und O. Fournier, beides Entwürfe des angesehenen Architekturbüros Bórmida & Yanzón und ebenfalls im Valle de Uco gelegen. Salenteins Restaurant und die Sammlung moderner argentinischer Kunst in einem eigenen Museum sind für sich eine Reise wert. Im angeschlossenen kleinen Hotel bekommt man Abendessen.

Ein besonderer Vorteil, denn die Bodega-Restaurants sind fast alle ausschließlich mittags geöffnet. „Das Ufo“ nennen Kollegen die preisgekrönte Kellerei von O. Fournier. Die Bodega, ebenfalls eine der besten Argentiniens, besitzt kein eigenes Kunstmuseum, dafür aber regelmäßige Kunstausstellungen im 25 Meter hohen Barriquekeller. Statt Hotelzimmern gibt es kleine Ferienhäuschen mitten in den Weinbergen.

Einige Kilometer Schotterstrecke

Nun aber rasch in Richtung Mendoza. Die Weinerzeuger um Lujan de Cuyo haben den Trend nicht verschlafen. Vor allem die erst in jüngeren Jahren erschlossenen Lagen bei Agrelo boten Platz für Neubauten in den Weinbergen, teilweise mit schönem Blick auf schneebedeckte Gipfel. Als wenn ein ganzes Gebäude gläserne Augen aufreißen würde, gibt das schräge Dach der Bodega Melipal einem kleinen Restaurant Raum. In der Bodega Vistalba kocht mittags der Küchenchef des nur abends geöffneten Brindillas, dem besten Restaurant von Lujan de Cuyo. Wen einige Kilometer Schotterstrecke nicht abschrecken, den belohnt das Weingut des Schweizer Exzentrikers Dieter Meier in seiner Bodega Ojo de Agua mit einem gemütlichen Restaurant und Grillfleisch aus eigener Rinderzucht.

Auch ohne direkten Andenblick haben einige Bodegas neben ihren Restaurants Besonderes zu bieten. Die alteingesessene Kellerei López verfügt über den schönsten Holzfasskeller Argentiniens. Die Bodega Lagarde bietet eine urgemütliche Gartenwirtschaft sowie ein modernes Restaurant mit anspruchsvoller Autorenküche. Das Restaurant der großen Kellerei Norton hat zwar keinen Blick nach draußen, dafür gehört es zu den besten Restaurants der Region.

Rafting im Rio Mendoza

Vor allem Nordamerikaner und Brasilianer machen sich einen Spaß daraus, möglichst viele der sehr guten Bodegas mit Restaurant in ihren Urlaub zu packen. Morgens und nach dem Essen bleibt ihnen natürlich noch Zeit für andere Aktivitäten, etwa eine Fahrt über die unbefestigte Nationalstraße 89 von Potrerillos nach Tupungato mit großartiger Landschaft, ein Besuch in den Thermen von Cacheuta, eine Cabalgata (Reittour) in die Berge mit oder ohne asado (grillen, was sonst?). Oder Rafting im Rio Mendoza, ein Spaziergang durch die Alleen von Mendoza oder ein Besuch der Reptiliensammlung mit einer Vielzahl von Schlangen. Wahlweise auch ein Besuch im direkt gegenüberliegenden Aquarium oder ein Abstecher zur Messerfabrik KDS in Tupungato. Dort stellt man Fleischmesser her. Für zu Hause, versteht sich.