Reise

Mit Gisela in den Schlaf gondeln

Archivartikel

Camping kann cool sein. Im Schwarzwaldcamp am Schluchsee verteilen sich Tipis, Baumzelte und die Schlaf-Gondel Gisela.

Wer an deutsche Campingplätze denkt, hat schnell ein Bild vor Augen: Satellitenschüsseln, Weber-Grills, herumrangierende Hightech-Wohnmobile. Doch es geht auch ganz anders, wie das Schwarzwaldcamp am Schluchsee beweist. Motorisiertes kann unter den lichten Fichten und zwischen all den Wurzeln, Beeren und Büschen gar nicht stehen. Nur Zelte. Eigene Zelte, aber auch fest installierte. Besondere Zelte. Willkommen in Raphael Kuners Zeltwelt!

Und willkommen in der Parallelgesellschaft zum benachbarten Camping Schluchsee. Der ist nicht zuletzt dank Blick auf den 7,5 Kilometer langen Stausee eine beliebte Anlaufstelle für ebenjene klassischen Camper mit fahrbarem Untersatz und Komfortansprüchen. Er hat aber auch für unkonventionelle Zeltler sein Gutes. Zum einen macht er die unterschiedlichen Konzepte überdeutlich (was beiden Zielgruppen ein gutes Gefühl verleiht), und zum anderen dürfen die schicken Sanitäranlagen mitbenutzt werden. Die sind sicherlich mit ein Grund für die vier Sterne, die an dem leicht piefigen Rezeptions- und Restaurantbungalow prangen.

Zwischen ausgedruckten Wettervorhersagen und Flyern, die für E-Bikes und Geocaching werben, befindet sich hier auch ein Mini-Mini-Shop samt Brötchenholstation. Wobei um 9.30 Uhr in der

Regel alles leer geräubert ist. Immerhin wird „Kaffee über da Strass“ ausgeschenkt. Wichtig, um Kraft zu tanken, damit man es wenigstens bis zum Bäcker schafft. Der befindet sich ebenso wie ein Supermarkt in fußläufiger Nähe. Noch entspannter starten freilich diejenigen in den Tag, die gestern schon an heute gedacht und sich mit Müsli, Brot und Marmelade eingedeckt haben. Woran man auch denken sollte: Aufgrund fehlenden Stromanschlusses im Camp empfiehlt es sich, Kühlware nur in überschaubaren Mengen zu verwenden.

Das Zelt trotzt selbst heftigen Regenfällen

Essen und Trinken – um mehr muss man sich nicht kümmern, wenn man das für Pärchen gedachte Zelt „Chez Alfons“ oder „Paul“, das einzige Tipi für vier, mietet. Vor allem „Paul“ hat es in sich: sechs Meter Durchmesser, drei Meter Höhe an der Mittelstange, stabilstes Material, das selbst heftigen Regenfällen trotzt. Darunter: ein Holzpodest. Darin: kleine Teppiche, zwei Betten, eine Couch, die rasch zur Liegefläche umgeklappt werden kann; ferner Wasserkanister, Töpfe, Gaskocher, Geschirr inklusive Outdoor-Weingläsern! Davor: ein Holztisch mit Stühlen, eine zum Sofa umgebaute Europalette samt Schaffellen und überhaupt viel Platz.

„Wir nennen das Glamping – eine wundervolle Wortschöpfung aus glamorous und camping“, erklärt Raphael Kuner, der das Schwarzwaldcamp 2010 gegründet und in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt hat. Sein Motto im Badenser Originalsprech: „Warm, drogge, satt – so macht Camping Spaß!“ Damit das gelingt (und auch Unerfahrene das Zelten ausprobieren), sorgt der Endvierziger mit immer neuen Ideen für Wohlgefühl. So zählen auch Kaffeepulver und eine Thermoskanne zum Grundpaket, ebenso frisches Bettzeug, Streichhölzer, Kerzen, Schwämme – der ganze Kleinkram halt.

Wer je mit der Familie und eigenem Zelt unterwegs war, weiß, wie viel Planerei und Packerei einem dadurch erspart bleibt. Das Einzige, was zwingend ins Gepäck muss, sind Schlafsäcke. Und bitte nicht die Südeuropa-Sommer-Edition – selbst im Frühherbst droht im Hochschwarzwald durchaus Frost. Manch Unverfrorene zelten zwar selbst im Winter, doch „das sind die wenigsten“, berichtet Raphael, der sich als Paddel-Instruktor einen Namen, nämlich „Raff“, gemacht hat. „Eigentlich rentiert sich der Aufwand nicht. Deshalb kamen auch die Zeltöfen wieder raus.“

Geblieben sind die Feuerstellen, zu „Paul“ gehört sogar eine private. Ebenso wie ein Hackplatz, an dem sich Überschussenergie in Kleinholz umwandeln lässt, falls Raphaels Vorrat aufgebraucht ist. Lagerfeuer sorgen indessen nicht nur für Wärme, sondern auch für Heimeligkeit und Abenteuergefühl. Etwa, wenn die Eltern langstielige Pfannen mit Kartoffeln, Schwarzwälder Schinken und Raclettekäse über die Glut halten, und die Töchter im Anschluss die legendäre „Feuer-Popcornmaschine“ munitionieren – selten nur war ein Dinner so lustig und lecker!

Nach den Tipi-Erfahrungen steht eine Übernachtung in einem der vier Baumzelte an. Unser Favorit: „Willi“, das drei Meter über dem Waldboden hängt. Schön, aber auch ganz schön wackelig. Ob das an Slacklines mit Stoffdach erinnernde Dreieckskonstrukt zwei Erwachsene aushält? „400 Kilo trägt das Zelt locker“, beruhigt Raphael.

Ruhig wird es aber die folgenden Stunden dennoch nicht wirklich, schließlich hat jede Bewegung des Partners spürbare Auswirkungen. Fazit: Für eine Nacht witzig, für eine Woche schwer vorstellbar. Weitere Baumzelte heißen übrigens „Hans“ und „Franz“. Klatschspaltenleser mögen da an Heidi Klums Brüste denken, doch Raphael versichert: „Alles Reminiszenzen an Familienmitglieder oder Personen aus lokalen Erzählungen.“ Schließlich kam auch noch die erste Frau hinzu, die gelbliche Nostalgie-Sechsergondel namens „Gisela“. „Meines Wissens ist es die erste Schlafgondel überhaupt“, so Raphael.

Die „Knutschkugel“, die in Méribel 40 Jahre lang Skifahrer den Berg hinaufbeförderte, bringt nun also Gäste in den Schlaf. Dabei helfen eine maßgefertigte Matratze und eine ovale Liegefläche, die sich tagsüber seitlich hochklappen lässt, sowie Rundum-Vorhänge. 2018 hat Raphael der Gondel eine kleine Kochausrüstung spendiert. Damit man auf der kleinen Holzterrasse davor bei einem grandiosen Ausblick auf den Schluchsee auch etwas Warmes zu sich nehmen kann – Kaffee und Tee sind neben Tassen, Streichhölzern und Kerzen in der Basiskiste und im Preis inbegriffen. Kurz: alles entzückend, alles klein. Angesichts maximal 1,35 Meter Breite ist jedes Ehebett größer, der Romantikfaktor jedoch unschlagbar. Und das gilt eigentlich für das gesamte „Schwarzwaldcamp“.