Reise

Mit Hirn und Herz

Archivartikel

Fahren Sie nicht vorbei: Brixen zeigt, wie Schönheit und Vernunft zum Wohl von Urlaubern und Bewohnern harmonieren.

Das Netz von Fernstraßen hat unseren Bewegungsspielraum massiv vergrößert, zugleich aber auch sehenswerte Orte von unserer inneren Landkarte verschwinden lassen. Besonders an der Transitachse, die über den Brenner nach Süden führt. Wer nicht gerade eine Autopanne hat, fährt an Sterzing, Neumarkt und Trient einfach immer nur vorbei, kennt die klassischen Stationen einer Italienreise allenfalls vom Hörensagen.

Unter diesem Kollateralschaden des Mobilitätsfortschritts leidet auch Brixen, die älteste Stadt Südtirols. An Gästen aus dem Norden mangelt es zwar nicht, die meisten sind aber Wochenendurlauber aus München, die mal wieder Schlutzkrapfen und Speckknödel essen oder einfach nur das mediterrane Klima genießen wollen.

Ein Domplatz, zwischen alle Zeiten gefallen

Der Domplatz ist dafür auch wie geschaffen. Wer sich hier niedergelassen hat, mag gar nicht mehr aufstehen. Schließlich befindet man sich in einem städtebaulichen Gesamtkunstwerk, das aus der Zeit gefallen oder, besser gesagt, zwischen alle Zeiten gefallen ist: Bescheiden wirkende Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert stehen neben opulenten Baudenkmälern aus Barock und Historismus, als gehörten sie immer schon zusammen.

Brixens früher Aufstieg verdankt sich den deutschen Kaisern, die ihre Krönungsroute sichern wollten, dem lokalen Landadel aber nicht über den Weg trauten. Folgerichtig wurden die Grafschaften an Inn, Eisack und Etsch im 11. Jahrhundert unter bischöfliche Verwaltung gestellt. Wie Trient verwandelte sich nun auch Brixen in ein strahlendes Fürstbistum, in dem der geistliche Oberhirte eine nahezu unbegrenzte Machtfülle besaß.

Wie immer man dazu stehen mag – der Stein gewordene Reichtum der Geistlichkeit hat touristische Attraktionen hinterlassen, die ihresgleichen suchen: den Kreuzgang aus dem 11. Jahrhundert, den barocken Neubau des Doms und die Hofburg genannte Bischofsresidenz, die nach den Bauernaufständen des 16. Jahrhunderts zu einem Renaissance-Palast umgebaut wurde. Seit der Verlegung des Bischofssitzes nach Bozen dienen die prächtigen Säle als Diözesan-Museum und Veranstaltungsort.

Nicht weniger beeindruckend ist das kompakte mittelalterliche Ortsbild, für das man das geistliche Viertel verlassen und in die Bürgerstadt eintauchen muss. Im Unterschied zu den historischen Zentren von Bozen und Meran ist die Patina der Jahrhunderte überall erhalten geblieben und der Zauber der Vergangenheit ungebrochen.

Brixen hätte also wahrlich einen Schönheitspreis verdient. Ausgezeichnet wurde es letztes Jahr aber für Vernunft und Weitsicht - als „Alpenstadt des Jahres“. Vergeben wird der Titel vom gleichnamigen Verein, der seit 1997 neunzehn Alpenstädte ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gestellt hat. Mit ihrer Kandidatur verpflichten sie sich, ihre Kommunalpolitik konsequent an den Grundsätzen der internationalen Alpenkonvention auszurichten. Das heißt, den naturräumlichen und kulturellen Besonderheiten des Alpenraums Rechnung zu tragen und Entwicklungen einzuleiten, die dem Prinzip der Nachhaltigkeit genügen. Vieles davon dient auch dem Urlaubsgast: die Sperrung des gesamten Altstadtkerns für Motorfahrzeuge, die Ausweitung des Radwegenetzes und der Einsatz von City-Bussen, der so erfolgreich ist, dass inzwischen jährlich eine Million Fahrgäste gezählt werden - bei gerade mal 22 000 Einwohnern. Dazu eine Brixen Card, mit der man alle Verkehrsmittel Südtirols gratis nutzen kann.

Bemerkenswertes hat sich in den letzten Monaten auch am Eisack-Ufer getan. Bei dem EU-geförderten Projekt geht es nicht nur um Hochwasserschutz und Gewässerökologie, sondern auch um die Erhöhung der Freizeitqualität. Bisher war der kanalisierte Etschzufluss eher ein Fremdkörper, der hinter den mit Steinmauern erhöhten Dämmen kaum bemerkt vor sich hindümpelte. Jetzt wurden in einigen Uferpassagen Sandstrände angelegt und amphitheaterähnliche Sitzmöglichkeiten geschaffen. Die Elemente der Natur sind nun wieder willkommen – solange sie nicht als Hochwasser daherkommen, zumindest. Die Plose musste hingegen nicht wiederentdeckt werden. Der mit einer Gondelbahn erschlossene Hausberg ist bei Einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt. 2500 Meter über dem Meer reicht das Panorama vom Schlern bis zum Peitlerkofel, im Hintergrund ragt sogar die Spitze des Monte Pelmo auf. Dass die Plose ein renommierter Skiberg ist, ist nicht sogleich zu erkennen. Die Weichen stehen nämlich auf „Downsizing“ – von den ehemals zwölf Aufstiegsanlagen sind nur noch sieben übrig geblieben. An traumhaft gelegenen Einkehrmöglichkeiten fehlt es aber auch im Sommer nicht.

Auch nicht an einem neuen Tophotel, das sich in der Nähe der Talstation im Bergwald versteckt. Ein Brixner Gastronom hat hier einen einzigartigen Architekturentwurf umgesetzt – ein lang gestrecktes Gebäude, das am steilen Westhang auf so hohen Stelzen steht, dass sich die Gäste des obersten Stockwerks inmitten der Baumwipfel befinden, wenn sie auf ihren Holzbalkon hinaustreten.

Wer hier abends ins Tal schaut, beginnt zu ahnen, warum Brixen für viele Nordlichter auch in Zukunft Terra incognita bleiben wird: 500 Meter tiefer leuchtet die endlose Lichterkette der Brennerautobahn, auf der jedes Jahr zweieinhalb Millionen Lastwagen und Pkw durchs Tal donnern. Wer sich daran gewöhnt hat, im Sog des Schnellverkehrs an Brixen vorbeizurasen, kann sich nun mal kaum vorstellen, dass es in einer solchen Transithölle auch ein kleines Idyll geben kann – eine urbane Preziose in einer wundervollen Berglandschaft.