Reise

Moderne Zeit

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kamen mit der Bahnlinie Fremde ins Oberengadin. Und noch heute findet sich beides nebeneinander: die Bauernkate und das Luxushotel.

Am Julierpass ist bereits Schnee gefallen. Überraschend früh in diesem Jahr. Die Kühe drängen sich auf den kleinsten Erhebungen zusammen, auch sie scheinen verdutzt. Schneefall Anfang September sei nichts Besonderes in dieser Höhe, hört man, aber dass er dann liegen bleibt, sei eher die Ausnahme. Der zackige Theaterturm am Pass, fünf Stockwerke hoch und in kräftigem Rot gestrichen, wirkt im Weiß der Umgebung wie eine russische Variante der Schweizer Flagge.

„Es braucht schon besonderes Geschick, um hier Gemüse reif zu bekommen“, sagt Manuela von der Tourist-Information Celerina beim Dorfrundgang. Die steilen Hänge rund ums Dorf scheinen quer gestreift. „Früher hat man auf den schmalen Terrassen noch Erbsen angebaut“, erzählt sie, „aber das lohne längst nicht mehr.“ Im Juni der letzte Schnee, im September der erste neue.

Celerina liegt auf 1720 Meter Höhe und die umliegenden Berge sind Dreitausender. Vor allem vom Vieh lebten die Einwohner des Engadiner Dorfes. Und mit dem Vieh unter einem Dach: die Kühe und Ziegen ebenerdig, darüber die Wohnstuben, ganz oben die Schlafkammern. Die Luke wurde erst mit dem Zubettgehen geöffnet, um die Wärme nicht vorzeitig hinaufzulassen.

Der Dorfname Celerina komme von „Celar“, romanisch für Keller, erklärt Manuela. Der Zehnte, also die Steuer, musste mit der Ernte bezahlt werden. Das Wappen des Ortes zeigt die gemauerten Kellerbögen, dazu ein Mühlrad. Ein hartes und karges Leben schildert die Einheimische, nur wenige brachten es zu Wohlstand. Der Zuckerbäcker Frizzoni beispielsweise, der sein Handwerk in Venedig gelernt hatte, baute nach seiner Rückkehr ein prächtiges Haus. In den Sgraffiti der Fassade sind mehrere Rosetten als Zeichen für eine gute Ernte eingearbeitet, „die laufenden Hunde“ in der oberen Bordüre stünden für Fruchtbarkeit und den Gang des Lebens.

Die Hunde stehen für Fruchtbarkeit

Die kleine Gruppe staunt über die sorgfältig renovierten Engadiner Häuser im Dorfkern, mit rundem Kopfstein sind die Gassen gepflastert. Die alten Häuser wurden versetzt gebaut, die Mauern meterdick: Weiß gestrichene, trichterförmige Fensteröffnungen sollten so viel Licht wie möglich in die Zimmer lenken. Auffallend schön sind die schmalen Erker im Stüberl, die Gasse hoch und runter konnte man von dort aus sehen. „Das Facebook von früher“, sagt Manuela.

Die Zeitenwende kam mit dem Bau der Eisenbahn. 1903 erreichte die Albula-Linie das obere Engadin mit Celerina und ein Jahr später Sankt Moritz. 144 Brücken und 42 Tunnel waren allein von Thusis aus notwendig, um die Höhe zu überwinden, gebaut von mehreren Tausend Arbeitern. Das Langwasserviadukt wurde ein Meisterwerk, 65 Meter hoch erhebt es sich über dem Tal. Die Anreise mit dem Zug ist noch heute ein beeindruckendes Erlebnis, 2008 wurde die Albula-Linie zusammen mit der Bernina-Linie zum Unesco-Welterbe gekürt. Die Eisenbahn brachte die Feriengäste ins sonnige Hochtal, ein Grandhotel nach dem anderen wurde gebaut: Das Walther in Pontresina, 1907 eröffnet, genau wie das Cresta Palace in Celerina. 1908 folgte das Waldhaus in Sils-Maria, zeitweise Wohnsitz von Thomas Mann und Hermann Hesse, Mark Chagall und Richard Strauss.

Das Jugendstilhotel Cresta Palace in Celerina überragt noch heute das ganze Dorf. Von der Bergseite aus fotografiert, scheint es allein im Grünen zu stehen, der gesamte Ortskern verschwindet dahinter. Wer zwei Nächte oder länger logiert, bekommt eine Fahrkarte für Bus und Bahn dazu. So ist es eine Kleinigkeit, mal eben zum Bummeln nach Sankt Moritz zu fahren oder zum Sundowner mit der Standseilbahn auf den Muottas Muragl. Für die Einheimischen wiederum sei es bis heute nicht gerade einfach, im Oberengadin zu leben, erzählt Manuela. Die Kosten seien hoch, aber das Arbeitsangebot gering. Wer nicht gerade in der Hotellerie tätig oder Handwerker sei, habe wenig Möglichkeiten.

Hier trifft sich der internationale Jetset

So blieben viele nach der Ausbildung im Unterland. Die Gemeinde versucht gegenzusteuern: mit den niedrigsten Gemeindesteuersätzen in ganz Graubünden. Rund 1500 Einwohner hat Celerina heute, viele junge Familien sind darunter. Der Ort liegt schön und sonnig am Inn, er verfügt über einen großen Bäcker und einen kleinen Supermarkt, Schulhaus und Gemeindesaal. Sommers kann man wandern und biken, im Winter langlaufen und Ski fahren. Oder den Bobfahrern zusehen: Die weltberühmte Natureis-Bobbahn, schon 1904 eröffnet, startet in Sankt Moritz und endet in Celerina. Mit Sport und Wellness versucht auch das Cresta Palace neue Kundschaft zu erschließen: Im Untergeschoss des Jugendstilhotels wurden die Natursteinwände freigelegt und ein geräumiges Sportzentrum eingebaut.

Bequeme Rampen führen hinunter, die Türen öffnen sich für Hausgäste berührungsfrei: „Wer die Arme voller Kinderski hat, weiß das zu schätzen“, sagt Philip Esseiva, Fitnesscoach des Hauses, und grinst. Er leitet seine Gäste morgens zum Yoga an und abends zu den Fünf Tibetern, tagsüber begleitet er Touren.

Eine seiner Lieblingswanderungen startet in Champer, führt steil hinauf zur Alp Suvretta, wo man rechts abbiegt und entspannt Richtung El Paradiso spaziert: im Winter Treffpunkt des internationalen Jetsets. Mit der Signalbahn schwebt man wieder hinunter, wandert entlang des Sankt Moritzer Sees und des kleinen Sees Lej da Staz zurück nach Celerina.

Oder aber es geht ab Maloja entlang des Silsersees: Die frisch beschneiten Berggipfel spiegeln sich im Wasser, die Wände werfen dramatische Schatten. Ein kleines Kursschiff kreuzt über den See, die höchstgelegene Kursschifflinie Europas! Seit 1907 verkehrt die Linie zwischen Sils Maria und Maloja, prominente Kundschaft verzeichnet die Chronik.

Hinter dem Weiler Isola tobt ein Wasserfall in die feuchte Schlucht und lässt die Gewalt der Natur ahnen. Vorne in Isola herrscht derweil das pure Idyll: Ein Kellner deckt gerade die Tische der Ausflugswirtschaft. Im Brunnen kühlen die Kannen voller Ziegenmilch, in der Wirtschaft wird es zu Mittag Salat mit Ziegenkäse geben. Die Holzhäuser sind schlicht gebaut, im Winter reicht der Schnee oftmals bis zum Giebel.

Und auch hier kann man es sich wieder sehr gut vorstellen: das harte bäuerliche Leben im oberen Engadin. Bevor die Fremden kamen.