Reise

Altes Schauspielhaus Erstaufführung von Schirachs „Tabu“

Mord ohne Leiche

2013 ist der Psycho-Krimi „Tabu“ des 1964 in München geborenen Schriftstellers und Rechtsanwalts Ferdinand von Schirach erschienen. Jetzt wurde das gleichnamige Theaterstück, in der Bühnenfassung von Eva Hosemann, der designierten Intendantin der Burgfestspiele Jagsthausen, im Alten Schauspielhaus in Stuttgart erstaufgeführt. Ihre Herkunft vom Roman kann diese Version nicht verleugnen.

Es geht um einen vermeintlichen Mord, bei dem die Leiche nicht gefunden, der angebliche Täter aber angeklagt wurde. Im Grund keine Einmaligkeit, wenn auch zumindest etwas Besonderes. Dieser Fall ist das Thema des Romans und des Theaterstücks. Sebastian von Eschburg heißt der Angeklagte in dem Indizienprozess, der die Tat, unter Androhung von Folter durch den ermittelnden Polizeibeamten, gestanden hat, nachdem man ein zerrissenes Kleid, Blutspuren und ein überlebensgoßes Frauenporträt gefunden hat. Dabei muss man wissen, dass Sebastian von Eschburg Künstler und dazu Synästhetiker ist.

In der Geschichte selbst erfährt man einiges von der Person des wegen Mordes Angeklagten, von seinem Leben und seiner Familie. Das alles ist geschickt miteinander verknüpft und macht das Ganze spannend und interessant. Doch da gibt es noch den Rechtsanwalt Konrad Biegler, der den Angeklagten verteidigt und der zum Schluss auf Frage des Freigesprochenen: „Was ist Schuld?“, antwortet: „Schuld, das ist der Mensch“. Dieser Wahlverteidiger plaudert für Lieschen Müller auch noch Nähkästchen.

So behauptet er etwa: „Wenn man einen Freispruch von einer Mordanklage will, gibt es sechs Möglichkeiten“ und benennt dann diese oder er verkündet: „Wahrheit und Wirklichkeit sind verschiedene Dinge“. Dazu setzt sich dieser Rechtsanwalt als Verteidiger gekonnt, wenn auch nicht immer mit der Wirklichkeit und der Wahrheit der Prozessführung durch den Richter übereinstimmend, und selbstbewusst in Szene.

Nimmt man dann noch die Liebesgeschichte zwischen Sebastian von Eschburg und Sofie, der Geschäftsführerin einer PR-Agentur hinzu, die damit beginnt, dass er von ihr Nacktfotos macht und sie ihm einmal die Frage stellt: „Wer bist Du?“ und dann noch den Verteidiger fragt. „Warum sind Sie Anwalt geworden?“, dann kommen die Theaterbesucher in diesem Fall wirklich auf ihre Kosten.

Die Regie führende Eva Hosemann sorgt für einen zügigen Ablauf des Geschehens. Uwe-Peter Spinner und Tina Eberhardt treten gleich in mehreren Rollen auf, wobei er sich vor allem als Polizist profiliert, der, in Erinnerung an den Prozess gegen den Frankfurter Polizeivizepräsidenten nach der Entführung und Ermordung eines Kindes 2002, mit der Frage des Unrechts einer von ihm angeordneten „Folterung“ des Tatverdächtigen konfrontiert wird, und sie durch die differenzierte Gestaltung der fünf Rollen auffällt. Philip Wilhelmi ist der introvertierte Sebastian von Eschburg.

Mit beherrschendem, von sich und seinem Tun überzeugten Gehabe gibt Kai Maertens den Rechtsanwalt Konrad Biegler. Barbara Lanz ist die Sebastian Liebende, ihn aber nicht immer verstehende und ihm so gewissermaßen fremd bleibende Sofie. Als Richter lässt sich Udo Rau die Prozessführung nicht nur einmal aus der Hand nehmen. Dieter Schnabel