Reise

Nach der Braunkohle:  Rund 20 Seen in der Lausitz entstanden

Archivartikel

Der Braunkohle-Abbau ist in der Lausitz heute weitestgehend Vergangenheit. Dafür sind im Zuge eines massiven Strukturwandels mehr als 20 Seen entstanden: geflutete, renaturierte „Restlöcher“. Wer diese Seen erkundet, entdeckt idyllische Natur und Sandstrände.

Was für ein Kontrast! Als die Radfahrer ans Ufer kommen, liegt vor ihnen nicht nur idyllisch umwaldet der Bärwalder See mit dem roten Leuchtturm. Im Hintergrund baut sich auch unübersehbar imposant das Kohlekraftwerk Boxberg, einst das größte in der DDR, auf.

Ein halbes Dutzend mächtiger Türme ragt dort am Horizont in die Luft und spuckt mächtige Rauchsäulen in den Himmel, die sich in der Oberfläche des Sees spiegeln. So irreal dieser Ausblick erscheint, so sehr bringt er die Entwicklung der Lausitz im Osten Deutschlands auf den Punkt: In diesem Bild kollidieren Braun und Grün, Vergangenheit und Gegenwart. Die Landschaft, die lange Zeit von der Braunkohle und deren Abbau geprägt wurde, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch einen mächtigen Strukturwandel komplett verändert.

„Das war fast alles Tagebau, das wurde alles abgebaggert“, erklärt Fahrrad-Guide Eckhard Hoika von „iba-aktiv-tours“, als er mit der Hand quer über die Landkarte streicht. Der gebürtige Lausitzer wuchs im nahe gelegenen Sedlitz auf und kann sich an den Kohledreck und die Geräuschkulisse von damals genau erinnern.

Vernarbte Landschaft

Die klaffenden Landschaftswunden und die gigantischen Löcher, die die Lausitz vernarbten, wurden und werden nach wie vor renaturiert – in Form einer riesigen Seenplatte. Viele sind schon komplett geflutet. Manche werden derzeit noch geflutet – der Vorgang dauert Jahre. Über 20 Seen umfasst sie jetzt, die größte, künstliche Seenlandschaft Europas.

Ein paar Tage lang und auf unterschiedlichen Touren wird die Gegend mit dem Fahrrad durchkreuzt, die vom südöstlichen Brandenburg über die Bundeslandgrenze hinweg ins nördliche Sachsen reicht.

Ausgangspunkt ist der Senftenberger See, das touristische Zentrum, bei dem bereits zu DDR-Zeiten Pionierarbeit für den Strukturwandel geleistet wurde. 1973 war er schließlich der erste See, der aus einer gefluteten Kohlegrube entstand. Am Ufer stößt man auf Strände und versteckte Buchten für FKK-Anhänger. Man kann an einem Aussichtsturm anhalten, von dem aus man einen weiten Blick über Wälder und Gewässer hat. Das Naherholungsgebiet mit der Stadt Senftenberg, nach Hoyerswerda der zweitgrößten der Gegend, hält bis heute das wahrscheinlich größte Angebot für Touristen in der Seenlandschaft bereit.

Von Land aus drängt es sich geradezu auf, die Seen über die asphaltierten Wege mit dem Rad zu erkunden. Je nach Route wird an manch einem See nur ein Stück entlang des Ufers gefahren. Andere werden ganz umrundet, oft sind sie von Wald umgeben. Manchmal erahnt man den See nur hinter den Bäumen, wenn das Wasser zwischen den Stämmen glitzert. Dann wiederum geht es direkt am Ufer entlang. Die Naturerfahrung aus See und Wald steht bei all diesen Abschnitten im Mittelpunkt. Die Ufer sind in der Regel nur sehr dosiert bebaut. Jeder See hat seinen eigenen Charakter – und auch wenn keiner als Naherholungsgebiet so erschlossen ist wie der Senftenberger See, sind an vielen anderen Seen Campingplätze, Beachbars, Restaurants und Bootsanleger zu finden.

„Früher hat mein Großvater im Tagebau geschuftet, Jahre später gehe ich an der Stelle baden“, sagt Fahrrad-Guide Hoika, der ebenfalls im Tagebau arbeitete und mit seinen Erfahrungen auf der Tour die Geschichte erfahrbar macht. Am Scheibe-See stoppt er kurz an einer Plakette, die an das Ende des Dorfs Scheibe erinnert: „1568 - 1986“ steht da. Nach fast 500 Jahren wurde es vom Wasser verschluckt. Insgesamt sind laut Hoika über 130 Ortschaften dem Tagebau zum Opfer gefallen oder wurden zumindest von ihm beeinträchtigt. Entsprechend viele Menschen wurden umgesiedelt.

Während bei vielen Seen nicht mehr zu erkennen ist, dass sie künstlich angelegt wurden, erinnern auf dem Weg viele spannende Spuren und Industriedenkmäler an die Braunkohle-Vergangenheit: Mal in Form des ungewöhnlichen Aussichtsturms „Rostiger Nagel“, einem braunroten Stahl-Riesen am Sornoer Kanal. Mal in einer Brikettfabrik, die vor dem Abriss gerettet wurde. Heute ist die imposante „Energiefabrik Knappenrode“ eine eindrucksvoll in der Zeit konservierte Produktionsstätte.

Ein Gästeführer erinnert sich

Wo früher Kohle getrocknet und zu Briketts gepresst wurde, war auch Frank Arnold tätig. Heute ist er mit seinem detaillierten Wissen Gästeführer und teilt seine Erinnerungen mit Touristen. Bei seiner Tour erklärt er Historie und technische Hintergründe, berichtet von der damals körperlich schweren Tätigkeit und wenn er dann die alte, rumpelnde Anlage anschmeißt, bekommt man bei knapp 100 Dezibel einen Eindruck, wie es gewesen sein muss, in diesen Hallen zu arbeiten. „Ich gehe hier nicht raus, ohne Krach zu machen“, sagt er lachend, nachdem er die Maschine abgeschaltet hat.

In Großräschen hingegen reicht am gleichnamigen See nicht nur die Seebrücke als Blickfang in den See, die aus einem Teil einer umgebauten Tagebaumaschine konstruiert wurde. Überraschenderweise sieht man auch Weinreben, die gleich dahinter entlang des Ufers wachsen. Landwirt Andreas Wobar und seine Frau Cornelia bauen dort ihre Weine an – in Brandenburgs einziger Steillage. Bei einer Weinprobe in den IBA-Terrassen stellen sie ihre handgelesenen Weine aus besonderen, unbekannteren Rebsorten wie Johanniter, Solaris und rotem Pinotin vor. Es ist noch einmal ein ganz anderes Beispiel dafür, was aus durchwühlter Erde so alles entstehen kann.