Reise

Neptuns Rasen

Archivartikel

Die Domaine du Rayol an der Mittelmeerküste ist ein bezaubernder Garten Eden. Staunen macht die klimafreundliche Unterwasserpflanze Posidonia.

Wie glitzernde Wolken rollen die Wellen aus der Unterwasserperspektive heran. Plötzlich schießt ein Oktopus vorbei, versprüht einen dunkelvioletten Tintenschleier zur Tarnung, der noch lange dahin treibt, als der Kopffüßer längst in einem Felsspalt verschwunden ist. Nur wenige Meter vom Felsenriff entfernt ist das Wasser wieder still und glasklar. Als dichter grüner Teppich wogt das Neptungras am Meeresgrund.

Der Landschaftspark Domaine du Rayol ist ein sieben Hektar großes Naturschutzgebiet an der Côte du Var zwischen Toulon und Saint-Tropez. Die Gegend ist derzeit Corona-Risikogebiet. Dieser Garten Eden liegt an der Küste mit einer Mischung aus Felsen und kleinen Sandbuchten. Dass das riesige Areal an einem der schönsten Küstenabschnitte der Côte du Var heute für die Öffentlichkeit zugänglich ist, grenzt an ein Wunder.

Die Geschichte des Gartens beginnt 1909, als der Unternehmer Alfred Courmes Paris verlässt, um sich hier als solventer Aussteiger mit seiner Frau Thérèse niederzulassen. Das Paar begründet eine Oase. Zierpflanzen wechseln sich ab mit Nutzgärten. Zwei Villen entstehen ebenso wie ein Bauernhof. 1940 verkauft die nun verwitwete Madame Courmes das Anwesen an den Flugzeughersteller Henry Potez, der die Gärten weiterentwickelt. 1974 geht das herrlich gelegene Grundstück dann an eine Versicherungsfirma, die dort einen riesigen luxuriösen Wohnkomplex entwickeln will. Die örtliche Bürgerinitiative „Freunde der Domaine du Rayol“ kämpft erfolgreich dagegen an. Das gesamte Gelände wird 1989 von der Küstenschutzbehörde Consérvatoire littoral aufgekauft und unter strengen Schutz gestellt.

Seither ist die Domaine das ganze Jahr über für jedermann geöffnet. Wer will, kann sich neben der sehr guten Broschüre „Handbuch für die Besucher“ zusätzlich einen Audioguide (beides auch in deutscher Sprache) geben lassen und an den einzelnen Stationen kurzen, auf Wunsch auch längeren Erklärungen lauschen. Die erstaunlichste Erkenntnis: Das Mittelmeer ist überall, jedenfalls in Sachen Botanik. Denn das „mediterrane Biom“ findet sich rund um den Globus zwischen dem 30. und 45. Breitengrad Nord und Süd. Deshalb gibt es in der Domaine Gärten aus allen fünf Erdteilen mit Pflanzen aus Asien, Australien und Neuseeland, Südafrika, Südamerika und den Kanarischen Inseln. Für weitere Variationen sorgen die Jahreszeiten.

Im milden Winter entzücken die sonnengelben Bällchen der Mimosen. Später sprießen ganze Teppiche von Freesien, deren filigrane Kelche an die sich nur alle Jubeljahre öffnenden Blüten des Neptungrases erinnern. Im Sommer aber, wenn die Eukalyptusriesen die Luft parfümieren, verlängert sich der Garten bis zum Meeresgrund. Eigentlich darf niemand die bildschöne Sandbucht vor dem historischen Strandhaus betreten. Wer aber das Abenteuer „Sentier marin“ gebucht hat, für den geht die Pforte zur Bucht auf. Zuerst werden die Gäste mit Neoprenanzügen, Brillen und Flossen ausgerüstet.

Und dann geht es zum Schnorcheln ins Wasser, zu gut getarnten Muränen, grellroten Drachenfischen, über Felsen kugelnden Seeigeln und riesigen Perlmuttmuscheln. Das Wertvollste im maritimen Garten ist das Neptungras, jener Stoff, den das Meer im Winter zum Schutz der Küste in dicken Polstern auf den Strand wirft. Als Unterwassergärten binden die Teppiche der Wunderpflanze Posidonia weltweit doppelt so viel CO2 wie der Regenwald.