Reise

Neues von der Geisterinsel

Archivartikel

Spinalonga, eine ehemalige Leprainsel, will Weltkulturerbe werden. Im benachbarten Kreta beleben innovative Jungunternehmer derweil ausgestorbene Dörfer neu.

Gemächlich nähert sich das Holzboot der Insel Spinalonga. Je näher es dem Ufer kommt, umso deutlicher werden die Überreste der 1589 auf einem Hügel erbauten venezianischen Festung in der kargen Landschaft sichtbar. Nach dem Anlegen passiert der Besucher einen dunklen Tunnel, bevor er plötzlich eine griechische Dorfstraße mit blau gestrichenen Krämerläden vor sich sieht, eine Geisterstadt, verwildert und einsam wie eine verlassene Western-Stadt.

Von der Antike bis 1957 war die kaum einen Quadratkilometer große Insel durchgehend bewohnt – seit 1903 als Leprakolonie. Wer die Leprainsel im Nordosten Kretas in der tiefblauen Bucht von Mirabello besucht, nur 750 Meter vom Land entfernt, wird erstaunt auf eine Region im Wandel treffen. In einem der ältesten touristischen Gebiete, nahe Agios Nikolaos, gibt es zwar immer noch Auswüchse wie das Örtchen Malia, den „Ballermann“ der Insel mit einer 1500 Meter langen Partystraße; viele andere Lokalitäten und Hotels der Region haben jedoch bereits auf grüne Küche und regionale Produkte umgesattelt. Wegen der Finanzkrise in Griechenland beleben innovative Jungunternehmer kleine, fast ausgestorbene Dörfer neu. Sie bauen Biowein an, unterziehen Hotels, die in die Jahre gekommen sind, einem Öko-Relaunch, führen in Restaurants neo-kretische Küche ein oder versehen Souvenirs mit innovativem Look. So stylish ist etwa der Thymian-Honig von „Minoan Spora“ verpackt, einem jungen Start-up aus Heraklion, dass ihm dafür der prestigeträchtige Deutsche Designpreis 2018 zuteilwurde. Inhaberin Maria Adamaki (42), die nach 15 Jahren in Italien 2016 in ihre krisengeschüttelte Heimat zurückkehrte, musste nach Vorbildern nicht lange suchen – sie entdeckte ihre Firmenmotive auf minoischen Wandzeichnungen und auf Goldschmuck der Paläste von Knossos und Malia.

„Dekonstruiertes Moussaka“ nennt Jungunternehmerin Agapi Sbokou Zombanaki die Bewegung der jungen Grünen in Griechenland. Als Hotelerbinnen sind sie und ihre Schwester Costantza, eine Architektin, zwar keine Start-up-Frauen im klassischen Sinne, bringen aber ihr großes Familienunternehmen gerade auf radikal neuen Kurs. Das mit fünf Sternen ausgezeichnete Blue Palace Resort & Spa mit Blick auf die Leprainsel gehört ebenso dazu wie das Familienhotel Cretan Malia Park nahe dem als Partyort verschrienen Malia.

Gäste ernten und schnippeln Gemüse

„Wir besinnen uns auf unsere Wurzeln“, sagen die Schwestern. Sie ließen sämtliche Plastikmöbel durch Naturholzschränke ersetzen, pflanzten Zucchini, Erdbeeren und Kräuter im Hotelgarten. Die Kinder der Gäste ernten Gemüse, ihre Eltern schnippeln, und Chefkoch Lefteris Iliad freut sich über die Mitmachatmosphäre in seinen kretischen Kochkursen: „Das schafft Respekt vor den Zutaten.“

Die Leprainsel Spinalonga, ein pittoresker Ort mit tieftrauriger Geschichte, hat momentan die wohl größte Strahlkraft im nordöstlichen Kreta. Die Anerkennung als erstes Weltkulturerbe der Insel könnte noch in diesem Jahr erfolgen. Schon jetzt zieht die Insel in der Hochsaison bis zu 3500 Besucher täglich an, so viele wie es hier insgesamt Verbannte gegeben haben soll.

Margeriten, Geranien, Mohn und Butterblumen gedeihen in den Ruinen und schmiegen sich an halb verfallene Türen. Die Hinterlassenschaften der Leprakranken wirken berührend. So aussichtslos ihr Dasein gewesen sein mag, „es gab ein Leben hier“, schreibt die britische Autorin Victoria Hislop in ihrem millionenfachen Bestseller „Insel der Vergessenen“. Priester Nikolas in der Dorfkirche Sankt Panteleimon auf der Hauptstraße bestätigt: „Hier wurde geheiratet und Kinder wurden getauft.“

Ein anderes, beliebtes Ausflugsziel im Nordosten Kretas ist die Lassithi-Hochebene. Zwischen Olivenbäumen, mit dem Blick auf grüne Hänge, windet sich die Straße von Elounda aufwärts, auch das ursprüngliche Bergdorf Kritsa und die Höhle von Psychro, dem angeblichem Geburtsort von Göttervater Zeus, liegen hier. Im Bergörtchen Kastelli servieren die Neu-Wirtsleute Irene und Prodoron in einer blau bestuhlten Dorftaverne griechischen Kaffee. Man kommt ins Gespräch und Prodoron sagt: „Der Laden läuft, wir haben es nicht bereut, hierhergekommen zu sein.“

200 000 junge Griechen sind seit der Krise aus Athen und großen Städten ins Ausland abgewandert –einige aber auch zurück ins Dorf wie die Aussteiger Irene und Prodoron. Auch sie führen Kreta zurück zu seinen Wurzeln.