Reise

Nicht ohne Piepser

Archivartikel

Der Schweizer Skiort Engelberg propagiert das Fahren abseits der Pisten als Alternative für gute Skifahrer, denen platt gewalzte Einheitsbuckel zu langweilig werden. Doch ist das sicher? Und für wen eignet sich Freeriden?

Es ist kalt an diesem Januarmorgen in Engelberg. Nur knapp spitzt die Sonne über den imposanten Titlis. Die Skihänge liegen im Schatten des 3239 Meter hohen Berges und werden es auch bleiben, hier auf der Nordseite des Massivs. Für Tiefschneeliebhaber ist das perfekt, denn wo keine Sonne hineinbrezelt, bleibt der Schnee lange fluffig frisch. Erst recht, wenn keine Pistenraupen die weiße Pracht zu kompakten Pisten zusammenstauchen. In den Genuss der ungespurten Hänge kommt freilich nur, wer sich abseits der ausgewiesenen Pisten begibt. Und das sollte nur tun, wer davon eine Ahnung und die richtige Ausrüstung hat.

Asiaten kennen den Titlis aus einer Bollywood-Serie

An der Gondelbahn drängt sich eine Gruppe chinesischer Touristen, Senioren, die ihr Reiseleiter in die Gondel dirigiert. Sonst sind da noch eine überschaubare Zahl „normaler“ Skitouristen und ein Häuflein meist junger Menschen mit Lawinenrucksäcken. „Vor allem im Sommer kommen viele Inder und Chinesen, denn der Titlis ist durch eine Bollywood-Serie bekannt“, verrät Engelbergs Touristikmanagerin Nadia Sommer. Die Asiaten füllen zunehmend die Hotelbetten, wenn sie auf ihrer Europatour zwischen Rom und Paris ihren Schweizer Alpen-Stopp in Engelberg einlegen, wo man den Titlis entsprechend gerüstet hat: Eine runde Gondel, die sich bei der Auffahrt einmal dreht und so das Bergpanorama perfekt ins Bild rückt, führt auf die Gipfelstation. Dort warten Schokolade-, Uhren- und Souvenirshop, Aussichtsplattform und fotogener Skywalk. Im Winter kommen vor allem Schweden. Die haben Engelberg zu ihrem Freeriding-Treff gemacht, weshalb man schwedische Pensionen findet und sich nach dem Skitag in der In-Bar des Ortes mit einem schwedischen Glögg (Glühwein) aufwärmt.

Bei der Gondelfahrt hinauf zum Klein Titlis, gut 200 Meter unterhalb des Hauptgipfels, schaut man direkt auf die „Laub“, berühmt-berüchtigter Steilhang mit mehr als 60 Prozent Neigung an der Nordflanke des Titlis-Massivs. Der leicht konkave Hang fängt den Neuschnee förmlich ein, ein Traum für Tiefschneefreaks. Dann freilich herrscht Lawinengefahr und die wird in Engelberg nicht durch Sprengungen beseitigt. Man setzt darauf, dass die Freerider, die ein Drittel der 220 000 Übernachtungen im Winter ausmachen, entsprechend gerüstet sind. Was das konkret heißt, erklärt Bergführer Thomas Odermatt. „Wichtigstes Teil der Ausrüstung ist das Lawinenverschüttetensuchgerät, kurz LVS“, sagt er. Nähert man sich mit einem auf Suchen eingestellten LVS dem Verschütteten, beginnt es zu piepen und zeigt Abstand und Richtung des Verschütteten an. „90 Prozent der Lawinenopfer überleben die Lawine, erdrückt werden nur etwa zehn Prozent“, sagt Odermatt. Doch bis die Luft unter dem Schnee ausgeht, bleibe nur etwa eine Viertelstunde. „Deshalb ist es wichtig, dass sich Freerider gegenseitig helfen können“, erklärt er.

Ist Freeriden das, was man früher Tiefschneefahrt und Jägerslalom nannte? „Im Prinzip ja“, sagt der 55-jährige Odermatt, doch habe man heute breitere Ski und einen Lawinenrucksack.

So weit die Theorie, jetzt aber ab in den Tiefschnee. Das ist fein für alle, die sich auf platt gewalzten Pisten langweilen und deren Können mehr hergibt als elegante Carvingschwünge und Geschwindigkeitsrekorde. Oben am Steintäli lupft Thomas das Seil, damit seine Schützlinge unter dem Schild „auf eigene Gefahr“ durchtauchen können. Die Freeride-Aspiranten erwartet kein hüfttiefer Puder, aber 30 Zentimeter lockerer Schnee. Natürlich von Spuren durchzogen, denn wer der Erste sein will, muss auch in Engelberg sehr früh aufstehen.

Allein die Sicherheitsausrüstung befähigt jedoch nicht zum Freeriden. „Wir haben leider viele Leute, die neben der Piste fahren, ohne sich so richtig mit der Sache beschäftigt zu haben“, klagt der Bergführer. Zum Freeriden gehöre neben täglicher Lektüre von Wetterbericht und Lawinenbulletin auch Ortskenntnis – weshalb die Engelberger neuen Gästen einen Tag mit Bergführer empfehlen. Oder den Snow-and-Safety-Kurs. Da kann aber nicht jeder kommen. Oder er sollte nicht an Thomas Odermatt geraten. Denn der sagt langjährigen Skifahrern ganz direkt, „lern erst mal Skifahren“, wenn sie sich im Steilhang schwertun mit flottem Schwingen. Man müsse schon ein guter Skifahrer sein, um Freeriden auszuprobieren - das hatten die Leute vom Tourismusbüro gesagt. Nur was ist gut? Thomas wertet zehn Skitage pro Jahr als sehr wenig, für Nicht-Alpenbewohner wäre das wohl eher regelmäßig.

Doch auch wenn es nicht perfekt klappt, man kann auf den Geschmack kommen: leere Hänge, ein weicher, weil nicht vielfach verdichteter Schnee, Landschaft ohne Liftschneisen und nach einem Aufstieg auf Engelbergs Sonnenseite mit Tourenski und Fellen eine Abfahrt im Winterwunderwald.