Reise

Nichts für Verlierer

Siegen sei zum Abwinken, so äußern sich die Verächter der Stadt. Doch der Ort hat sich gemacht: An der Sieg ist ein neues Ufer mit Fußgängerbrücke entstanden.

Sommerlicht, weiße Betonstufen, junge Grüppchen picknickend. Man braucht eine Sonnenbrille, so grell ist die Reflexion. Unten plätschert der Fluss, als wäre nie etwas gewesen. Oben an der autofreien Straße rascheln die Silberweiden im lauen Lüftchen. Ein älteres Ehepaar steuert eine Parkbank an. Vom Café an der Brücke schallt heiteres Stimmengewirr herüber. Siegen empfängt seine Besucher im Schlenderschritt.

Ja, Sie lesen richtig, Siegen! Mancher mag sich wundern, wenn er den Namen der Stadt überhaupt auf der Landkarte entdeckt. Und wer sie tatsächlich kennt, der verbindet damit eher gemischte Gefühle. David Werker etwa, der als Germanistikstudent kam und als Comedian ging, weil es so vieles gab, über das man sich hier aufregen konnte. Oder Bernd Becher, 1931 in der schwarz-weißen Stadt mit ihren Fachwerkfassaden und schwarzen Schieferdächern geboren, der ein Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie wurde. In Siegens Garagen gebe es eine auffällig hohe Sportwagendichte, verrät ein zugezogener Autohändler im Vertrauen. „In der Woche wird gearbeitet – und samstags rasen sie damit nach Köln.“

Siegen, im südwestlichsten Zipfel von Nordrhein-Westfalen gelegen, sei kurz gesagt eine Stadt zum Abwinken, glauben viele. Eine, die schlimmer sei als Verlieren, von calvinistischem Geist geprägt und ohne rheinische Lebensfreude, wo die Menschen angeblich maulfaul sind bis zur Unverständlichkeit. Garantiert kein Ausflugsziel also. Auch das Wetter mitten im Westerwald sei schlecht. Vielleicht aber ist all das nur Understatement.

Tatsächlich nämlich geht es Siegen ziemlich gut: Das durchschnittliche Industrieeinkommen im Kreis liegt fast zehn Prozent über und die Arbeitslosenquote unter dem Bundesschnitt. Viel „alte“ Industrie ist hier ansässig, macht in Stahlverarbeitung und Zulieferung. Im Kreis zahlen die Bürger im Schnitt 757 Euro Gemeindesteuern. In ganz Deutschland sind es im Durchschnitt nur 494 Euro. Keine Stadt der Loser also.

Keine Frage – es wird Zeit für einen Ortsbesuch. Rumpelnd kurvt der Triebwagen vom Rhein her durchs Tal der Sieg, teils eingleisig, eine späte Kriegsfolge. Immer am Fluss geht es entlang, der viel zu klein ist für den Schiffsverkehr und deshalb in Ruhe gelassen wurde. Tiefe Täler, tief hängende Wolken, schließlich Industrieruinen und eine aufgestelzte Autobahn wie ein Lindwurm, die im engen Tal lange Schatten wirft.

Der Bahnhof ist derzeit große Baustelle. Ab 2019 sollen hier wieder Fernzüge halten, hat die Bahn versprochen. Einiges andere hat sich schon verändert. Siegen hat die schwere Betonplatte abgetragen, 6500 Tonnen Schutt, die seit 40 Jahren mitten im Zentrum als schnöder Parkplatz die Sieg abdeckte wie ein verstrahltes Atomkraftwerk. Ein neues Ufer ist entstanden – 180 Meter lang, mit neuer Fußgängerbrücke und neuem Selbstbewusstsein. Darüber im Unteren Schloss ist jüngst die Universität eingezogen, an der inzwischen 20 000 junge Leute längst nicht mehr nur Hochbau und Ingenieurwissenschaften studieren. Und oben in der Altstadt auf dem Siegberg am Marktplatz mit der Nikolaikirche und der markanten goldenen Krone auf der Turmspitze übt im Rathaus Bürgermeister Steffen Mues neues Selbstbewusstsein. „Als größte Stadt in Südwestfalen sollte Siegen ein starkes, urbanes Zentrum mit Strahlkraft für die Region sein“, sagt er und hat der Stadt ein neues Logo verordnet: „Siegen pulsiert“.

Für Neugierige hat die Stadt tatsächlich einiges zu bieten. Im Oberen Schloss, wo einst die Nassauer einen Zwergstaat regierten, hängen zum Beispiel neun Originale von Peter Paul Rubens. Rubens ist ein Sohn der Stadt, wenn auch mehr aus Versehen. Sein Vater Jan, ein Rechtsanwalt aus Antwerpen, hatte nach einer angeblichen Affäre mit Anna von Oranien hier ein paar Jahre in Hausarrest verbracht. Wo bis zum Krieg das Geburtshaus war, steht jetzt eine Realschule. Interessanter: Im Museum für Gegenwartskunst pflegt man, ausgehend vom Werk Bernd und Hilla Bechers, die künstlerische Avantgarde. Und das Café im Dunkeln verspricht ganz neue Erfahrungen jenseits der sichtbaren Welt.

Auch der Bergbau, der das Siegerland einst zum ersten Industrierevier Deutschlands machte, lässt sich nacherleben. Gleich auf der Siegbrücke stehen mit dem Bergmann Henner und dem Hüttenwerker Frieder in Bronze gegossen die Symbole der Region.

Sonntags kann man im Stadtteil Eiserfeld 700 Meter tief in den alten Reinhold-Forster-Erbstollen eindringen. Und vom Dach des alten Förderturms auf dem fast 500 Meter hohen Pfannenberg schweift der Blick in den Wald. Siegen ist nämlich auch Deutschlands Großstadt mit dem höchsten Grünanteil. Die Hälfte des Stadtgebiets auf acht Hügeln des Rothaargebirges ist von Wald bedeckt. Für Spaziergänger, Jogger und Radfahrer bieten sich viele Möglichkeiten. Auf dem Fernwanderweg E 1 kann man von Siegen aus sogar direkt das Nordkap oder Sizilien ansteuern – oder etwas nahe liegender die Lahnquelle oder die Freusburg. Nur wetterfühlig sollte man nicht sein, denn das mit dem Mistwetter ist ungelogen ein Problem. In Bonn im Rheintal – nur 60 Kilometer entfernt – ist es im Vergleich 1,4 Grad wärmer im Jahr und es fallen 80 Millimeter weniger Regen.