Reise

Nur Mut!

In Athen herrscht derzeit eine Stimmung wie in Berlin nach dem Fall der Mauer. Kreative wagen Neues, an jeder Ecke eröffnen spannende Lokale, die ganze Stadt ist im Aufbruch und stolz auf ein neues architektonisches Großprojekt.

Da war diese Baulücke im Athener Stadtviertel Kerameikos. Und da war die Idee, zentrumsnah skaten zu können, ohne sich mit den Eltern kleiner Kinder zu zoffen. Beruflich lief es gerade nicht gut, also brachte der Architekt Zachos Varfis (40) seinen Herzenswunsch ins Rollen. 2016 mietete er das Gelände für kleines Geld und zimmerte ein Jahr lang an einer maßgeschneiderten Halfpipe. Er entwarf alles selbst, Freunde halfen beim Aufbau. Das nötige Kapital wurde per Crowdfunding gesammelt. „Wir haben hier in Griechenland eine Wirtschaftskrise. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen“, sagt Zachos Varfis.

So wie er denken viele. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Obwohl es noch immer vielen Menschen schlecht geht. Obwohl die Renten niedrig sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Nur nicht unterkriegen lassen – sagt sich vor allem die junge Generation. „Wir pendeln zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Im Moment hat die Zuversicht die Oberhand“, sagt Thodoris Andritsos. Wie viele junge Griechen hat der 33-Jährige nach dem Studium keine Anstellung gefunden. Also studierte er weiter. Thodoris Andritsos hat ein Examen in Philosophie, eines in Geschichte und eines in Tourismuswirtschaft. Statt an der Universität über Platon zu forschen, zeigt er Besuchern die Stadt. „Die Zukunft liegt im Tourismus“, sagt er, „man muss flexibel sein.“ So flexibel wie der Architekt Zachos Varfis. In dessen Skatepark mit Café kommen auch viele Leute, die nichts mit Rollen am Hut haben.

Sie sitzen in der Sonne und bestellen typische Hipstergerichte wie mit Avocado, Halloumi oder Rote-Bete-Hummus belegte Brote. In Kerameikos, dem Viertel nordwestlich der Akropolis, tut sich einiges: Kreative ziehen her, weil die Mieten günstig sind. Ein Großteil der Häuser ist verfallen, manche besetzt, und es gibt so viel Street-Art, dass eine unbemalte Wand richtig auffällt. Viele gesprühte Parolen richten sich gegen die Sparpolitik der Regierung. Die Krise ist hart, aber zugleich der Nährboden für Kreativität.

Auch Giouli Svirinaki suchte ihr Glück in der Gastronomie. Die gebürtige Kreterin verlor ihren Job als Verkäuferin und machte sich daraufhin selbstständig. In ihrer kleinen Taverne stehen nur zehn Tische. Giouli Svirinaki fungiert als Köchin, Bedienung und Barkeeperin. Die Gerichte sind improvisiert, aber köstlich. Es gibt Mezze – die griechische Variante von Antipasti. Würzigen Käse, richtig saftige Tomaten, kross gebackenes Brot. „Ich bekomme fast alle Waren vom Bauernhof meiner Eltern aus Kreta“, erzählt die 33-Jährige. So erklärt sich, dass sie bei moderaten Preisen etwas verdienen kann.

„Es gibt hier in Athen den Trend, sich beim Essen auf die eigenen Wurzeln zu besinnen“, sagt Carolina Doriti. Die 38-Jährige ist eine Kennerin der Athener Gastroszene und hat als solche gut zu tun: Denn ständig eröffnen neue Läden, andauernd gibt es ein neues, spannendes Konzept. Alle können irgendwie überleben - weil die Griechen so gerne ausgehen. Außerdem hat sich außerhalb des Landes herumgesprochen, dass Athen ein cooles Ziel für eine Städtereise ist. Ein bisschen schrill, ein bisschen versifft, aber dafür ständig im Wandel. Wie in Berlin nach dem Fall der Mauer.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist gut, und man muss sich nicht mit Tausenden anderer Besucher durch die Gassen schieben. Natürlich gibt es auch touristische Gegenden wie Plaka. Doch schon zwei, drei Straßenecken weiter wartet das authentische Athen mit echten Einheimischen und Straßenschildern nur auf Griechisch. Um sich hier zurechtzufinden, ist noch echter Pfadfindergeist gefragt.

Athen ist für eine Hauptstadt relativ klein und für Reisende daher leicht zu erobern. Als Orientierung dient die Akropolis, die auf einem Hügel in der Mitte thront. Drum herum schmiegen sich viele unterschiedliche Stadtviertel. Die Grenzen sind fließend. Manchmal macht nur eine Gasse den Unterschied aus zwischen Anarcho-Viertel und Schickimicki-Gegend, zwischen Touri-Falle und Hipster-Tummelplatz. Viele Straßen sind von Pomeranzenbäumen gesäumt. Die sehen mit ihren orangenartigen Früchten nicht nur hübsch aus, sondern verströmen auch einen angenehmen Zitrusduft.

Unabhängig von Wochentagen oder Uhrzeiten sind die Gassen und Plätze ständig voller Menschen. Der Stadtführer und Philosoph Thodoris Andritsos erklärt das mit der griechischen Kultur: „Zu Hause eine Depression pflegen und jammern, das liegt uns nicht.“ Der typische Athener mit Tagesfreizeit sitzt stundenlang im Kafenion vor einem Glas Frappé und füllt den starken, kalten Kaffee immer wieder mit dem kostenlos servierten stillen Wasser auf.

Manchmal werden bei diesen Kaffeehaus-Sitzungen auch Weichen für die Zukunft gestellt. Freunde schmieden Pläne, tun sich zusammen, mieten ein günstiges Ladenlokal. „Kooperativen werden steuerlich begünstigt. Daher haben die meisten Cafés oder Kneipen mehrere Besitzer, aber keine Angestellten“, erklärt Carolina Doriti. Die 38-Jährige ist auch so eine typische Vertreterin ihrer Generation. Sie hat mehrere Uniabschlüsse und lange im Ausland gelebt. Dennoch kam sie zurück nach Athen und könnte sich nicht vorstellen, woanders zu leben. „Wir haben das Meer direkt vor der Tür, es ist angenehm warm, selbst im Winter. Meine Familie und meine Freunde leben hier“, sagt sie. Sie glaubt fest daran, dass das Schlimmste überstanden ist.

Das neue Stavros Niarchos Foundation Cultural Center (SNFCC) symbolisiert den Neubeginn nach der schweren Zeit. Wo früher Rennpferde um die Wette galoppierten, steht nun ein begehbares Kunstwerk aus Glas und Stahl, entworfen von Stararchitekt Renzo Piano. Im Bauch des Gebäudes durften die Nationalbibliothek und die Nationaloper einziehen. Das Kulturzentrum steht jedermann offen. Es soll ähnlich wie das Pariser Centre Pompidou ein Tempel des Wissens sein. Oder gleich eine Art neue Akropolis.

Kritiker schimpfen, das SNFCC sei wie ein Meteorit im Süden Athens eingeschlagen. Im eher armen und zubetonierten Vorort Kallithea, eingeklemmt zwischen Mittelmeer und Häusermeer, wirke der architektonische Leuchtturm fremd und unpassend. Dennoch wird die Anlage ein Jahr nach ihrer Eröffnung gut angenommen. Großfamilien lümmeln in den niedrigen Sesseln des Cafés, Schulklassen drängeln vor den Aufzügen, Touristen schießen Selfies. 600 Millionen Euro soll das Ensemble gekostet haben. „Wahrscheinlich wollten die Niarchos-Erben Steuern sparen“, witzelt Thodoris Andritsos. Aber egal. Stolz ist man trotzdem. Athen ist wieder da.