Reise

Orca-Flüsterer

Archivartikel

In Norwegens Nordlichtmetropole Tromsø gibt es eine neue Naturattraktion. Zwischen Heringsschwärmen, Buckelwalfontänen und Gekreische der Möwen können mutige Touristen jetzt mit Orcas schnorcheln.

Olav Stromsholms Lieblingsfisch ist Hering. Denn wo es Hering gibt, sind Orcas. Und da der alte Norweger mit Kapitänsmütze die gefleckten Riesen mag, folgt er ihnen, wo immer sie hinschwimmen. Dazu muss Olav wissen, wie er die Heringsschwärme findet - wo sie laichen, was sie fressen - das ist der Schlüssel. „Seit drei Jahren kommen die Orcas nach Tromsø“, erzählt er, während im Sichtfeld des Fernglases die pechschwarzen, schwertartigen Rückenflossen auf und ab gleiten. „Der Fjord ist für sie wie McDonald’s: Fast Food“.

Im Dämmerlicht läuft die „M/S Sula“ aus, Olavs ganzer Stolz. 27 Meter geballte Power aus Stahl. Das ehemalige Fischerboot fungiert als schwimmende Tauchbasis, als Orca-Suchschiff und in den Wintermonaten als Zuhause für den gebürtigen Westnorweger. Zwölf Gäste plus sechs Mann Besatzung haben Platz auf dem Expeditionskahn. Die Enge stört dabei nur wenige, schließlich hat man das gleiche Ziel: Schwertwale – möglichst viele und möglichst nah. Reisegruppen aus der ganzen Welt gastieren auf dem Schiff. Nirgendwo sonst hat man quasi eine

Garantie, mit den Orcas zu schwimmen. Killerwale nennt man die Räuber auch, erbarmungslose Tötungsmaschinen. Doch sind sie nicht mehr „Killer“ als jedes andere Raubtier. Sie töten nicht, weil sie mit der falschen Flosse aufgestanden sind oder das Frühstück nicht geschmeckt hat. Die Kolosse mit der außergewöhnlichen Zeichnung töten, weil sie Hunger haben. Und da sie nicht wie Wale riesige Mengen an Meerwasser ein- und den Fisch dabei heraussaugen können, haben sie andere Techniken entwickelt. Zum Beispiel die Karussell-Fütterung. In bester Schäferhund-Manier trennen Orcas eine Gruppe Heringe vom Schwarm und leiten sie in Richtung Wasseroberfläche. Wie einen Fußball treiben sie die Heringskugel blitzschnell vor sich her. Umkreisen sie wie ein wild gewordener Mob, jagen den Fischen Angst ein: mit Luftblasen, durch Schreie, durch das Vorzeigen der blendend weißen Bäuche. Mit Erfolg: Die Heringe rücken immer enger zusammen, bis die runde Kugel voller Verzweiflung nach oben, in ungewohntes Terrain, zu flüchten sucht. „Das Meer gleicht einer kochenden Suppe“, schildert Olav und seine Augen leuchten. „Die Vögel kommen, um ihren Anteil zu holen, und schießen im Sturzflug ins Wasser.“

Jetzt beginnen die Schwertwale, den Heringen mit ihren Schwanzflossen eine vor den Latz zu knallen. Das Resultat: betäubte Omega-3-Nahrung auf dem Präsentierteller. Zuschnappen. Gräten entfernen. Fertig. Das Skelett spuckt der 8-Meter-Koloss nach der Mahlzeit wieder aus – als Ganzes. „Wir sind uns nicht sicher, wie sie das schaffen“, erzählt Pierre Robert De Latour fasziniert. Der Tauchlehrer arbeitet als Sicherungsschnorchler an Bord und er liebt seinen Job. „Einmal kam ein Orca mit dem Hering im Maul zu mir geschwommen und präsentierte stolz den Fang, bevor er ihn verschlang.“

Um die besten Dates für seine Gäste zu arrangieren, analysiert Pierre die Schwimmmuster der Riesen. „Schwimmst du direkt auf einen Schwarm Orcas zu, tauchen sie ab und sind weg. Schwimmst du aber seitlich in dieselbe Richtung wie die Tiere, störst du sie nicht und sie lassen dich mitschwimmen. Manchmal wird ein Tier neugierig und kommt näher, um zu schauen, wer du bist.“ Zu aufdringlich werden die großen Delfine dabei aber nie. Die einzigen Angriffe auf Menschen gab es in Einrichtungen, in denen man die großen Säuger in kleine Becken sperrte und versuchte, ihnen Kunststückchen beizubringen. Der Orca, der traurige Berühmtheit erlangte, war das Männchen Tilikum - weitergereicht von einem Meeresvergnügungspark zum nächsten, aufgrund seines aggressiven Verhaltens. Eine Trainerin bezahlte sein frustrierendes Dasein mit dem Leben. In freier Wildbahn sind jedoch keinerlei Angriffe auf Menschen bekannt.

Die Tage in Tromsøs Winter sind kurz. Nur drei Stunden erlaubt das dämmrige Licht überhaupt, mit den Tieren zu schwimmen. Danach ist es wieder stockfinster. Wie Herumsitzen fühlt sich die restliche Zeit aber nicht an. Daniel Klaredel aus Pforzheim kann sich kaum entscheiden, ob ihm die Schneespaziergänge an Land oder die tanzenden Nordlichter besser gefallen. Robin Weng ist großer Fan der kulinarischen Spezialitäten der Bordküche. Und für Rebekka Zingg steht schon am dritten Tag fest: „Das absolutes Highlight ist das Hydrophon.“

Mit einem langen Kabel lässt die Crew einen Empfänger in die Tiefen des pechschwarzen Wassers hinab. Vor einem kleinen Radio, das aussieht, als sei es einer amerikanischen Küche der sechziger Jahre entsprungen, sitzen die Gäste gespannt und lauschen dem Tröpfeln und Knirschen, bis es losgeht. „Muuaahh!“ - „Das ist ein Buckelwal“, ruft Olav begeistert. „Hört sich an wie eine Kuh!“ Das Muhen erhält Antwort. Ein anderer Wal ruft zurück. Dazwischen fiepende hohe Töne wie von einem Haufen Meerschweinchen. „Das sind die Orcas“, erklärt Olav. Alle Augen leuchten. Und während seine Gäste sich anschließend müde und zufrieden von den sanften Bewegungen des Wassers im Hafenbecken in ihren Kojen in den Schlaf wiegen lassen, sitzt er noch eine Weile auf der Brücke und schaut den Polarlichtern beim Tanzen zu.