Reise

Parade der Großköpfe

Der Karneval in Viareggio in der Toskana ist bunt, laut und einfach überwältigend.

Ein Wal steigt über den Menschenfluten empor, aber er ist in keinem guten Zustand. Eine schwarze Schmiere rinnt über seinen Rücken, in der Flosse hat sich ein Fischernetz verfangen und vom Unterkiefer baumeln weiße Kanister, grüne Paddel, rote Fischkisten und gelbe Schlappen - der ganze Plastikdreck der Meere als quietschbuntes, widerliches Geschwür. Dazu dröhnt dumpfe, apokalyptische Musik, bricht abrupt ab und in der plötzlichen Stille hört man nur noch den klagenden Gesang des Tieres. „Flut“ nennt sich der Wagen von Roberto Vannucci. Die Botschaft bedarf keiner weiteren Interpretation. Bei anderen Installationen ist sie längst nicht immer so eindeutig. Was etwa meint „Chaostheorie“, wenn über den nackten, goldenen Körpern älterer Frauen Bildschirme als Köpfe wackeln und ein Schwein auf einer Discokugel tanzt? Warum verbirgt sich hinter der Maske der „Sirenen“ eine Frau mit Vampirzähnen und Schlangenhaaren? Und wer die gespaltene Büste der „Medea“ unter dem goldenen Widderkopf verstehen will, muss sich in der griechischen Mythologie auskennen.

Es ist Karneval in Viareggio, und es hat sich wieder einiges versammelt, was die Welt an Beklagenswertem bereithält. 15 Themenwagen, manche bis zu 20 Meter hoch, ziehen im Schritttempo über den zwei Kilometer langen Rundkurs der Piazza Mazzini. Dazwischen sind kleinere Gruppen mit Einzelmasken unterwegs, die etwa den andalusischen Hund von Dalí nachstellen oder den Weg der Frau von der umworbenen Schönheit bis zur geschlagenen Kreatur im Käfig. Über eine halbe Million Menschen sehen sich das Spektakel in der Stadt am Tyrhennischen Meer jedes Jahr an.

Nach der Gründerlegende beschlossen im Jahre 1873 gelangweilte junge Männer, auf geschmückten Wagen kostümiert durch die Stadt zu ziehen und Bonbons zu werfen. Ob sie dies aus reiner Lust am Jux unternahmen oder damit, wie behauptet, gegen den obersten Steuereintreiber protestieren wollten, sei dahingestellt. Egal, das Reiche-Jungs-Ding kam an und fand von da an, mit Ausnahme der Kriegszeiten, Jahr für Jahr statt. Die heimischen Bootsbauer mit ihrem Wissen um Statik und Materialien schufen aus Holz, Stoff, Glas beeindruckende Figuren. 1925 kam der große Sprung: Man entdeckte Pappmaché als Baumaterial, und plötzlich ließ sich viel leichter, größer und gewagter bauen. 1931 gilt als weiterer Meilenstein. In diesem Jahr erfand Ulberto Bonetti die beiden Symbolfiguren der Umzüge: Ondina, die kleine Welle, und den Burlamacco im rot-weiß-karierten Anzug mit weißer Halskrause und schwarzem Umhang.

Seit 2001 gibt es ein Karnevalsmuseum

Das alles erfährt man in der Cittadella del Carnevale. 2001 wurde dieses weitläufige Rund von drei halbkreisförmigen Bauten errichtet. Hier werden in 16 großen Werkstätten die Wagen hergestellt. Ein Museum zeigt berühmte Skulpturen der Vergangenheit und erklärt den Herstellungsprozess. Bereits im Juli reichen die Konstrukteure Ideenskizzen ein. Denn es dauert Monate, bis aus einem Gerüst aus Drahtstreifen und Ton etwa die Form eines Politikers entsteht und mit verschiedenen Lagen Pappmaché umkleidet wird. 280 Menschen arbeiten in der Cittadella. Bezahlt werden sie von einer Stiftung, die ihr Geld wiederum von der Regierung, der Stadt und aus dem Verkauf von Eintrittskarten erhält.

Im Februar geht es los: Gequälte Natur, Lebensphilosophisches, wir alle als Gefangene des Smartphones – es sind Themen, auf die man sich leicht einigen kann.

Perfektion und Schauwert scheinen dabei wichtiger als Kritik. Früher, heißt es unter der Hand, seien die Wagen politischer gewesen. Viele der Macher hätten mit der Fünf-Sterne-Bewegung sympathisiert. Jetzt, wo diese – nicht besonders glücklich – mitregiert, seien sie zahm geworden.

Am heftigsten umjubelt wird die mexikanische Malerin Frida Kahlo, eine Linke. Gelassen, in sich ruhend hat sie ihr Herz in die Hände genommen. Ein Vorbild: Weibliche Schönheit und Energie trotzen dem Zynismus und der Brutalität der Welt.