Reise

Paradies aus Natureis

Archivartikel

Der Weissensee in Kärnten lockt jedes Jahr im Winter Tausende Eisläufer und Wintersportbegeisterte in den Süden Österreichs.

Es knirscht ein wenig, es knackt. Risse sind zu sehen und unter der glatten Eisfläche das klare Wasser des Sees. Angst ist unbegründet, mit oder ohne Eislaufschuhe. Das Eis ist mit etwa 40 cm dick genug, um Pferdekutschen, Autos und Schneepflüge zu tragen. Und genauso auch Hunderte Eisläufer oder Eisschnellläufer zur selben Zeit, das garantiert „Eismeister“ Norbert Jank. Er weiß das so genau, weil er schon seit mehr als 30 Jahren am Kärntner Weissensee für wohlpräparierte Eislaufbahnen und Sicherheit zuständig ist.

Jedes Jahr Ende Januar, Anfang Februar findet seit Ende der 1980er Jahre die „Alternative 11-Städte-Tour“ der Holländer statt. 6000 Menschen aus den Niederlanden kommen dann zu dem Natureis-Langstreckenrennen im Eisschnelllauf, 4000 davon nehmen auch an den unterschiedlichen Bewerben teil. Davor und danach ist das Natureisparadies wieder frei für alle anderen Besucher und Wintersportler.

Begonnen hat Janks Beschäftigung mit dem Eis, als Ende der 1960er Jahre der Tourismus am See begann, so der 71-Jährige. Er wollte mit Kutschen auf dem in 930 Meter Meereshöhe gelegenen See fahren. „Dafür musste ich aber, schauen, ob das Eis stark genug ist.“ Seitdem prüft und beobachtet er das Eis mittels Karten, Bildern und Bohrungen. Ende November beginnt der kleinere und flachere Teil des Sees, das „kleine Meer“, zuzufrieren.

Etwa einen Monat später bildet auch der große, bis zu fast 100 Meter tiefe, Teil eine Eisschicht. Jank und sein Team beseitigen den Schnee mit Pflügen, bis die Bahnen spiegelglatt sind und bereit fürs Eislaufen, Eisschnelllaufen, Eisstockschießen und für Eishockey. Bis Mitte März stehen die Eisbahnen – auf einer potenziellen Fläche von 6,5 Quadratkilometern – auf dem Weissensee zur Verfügung. Dann wird es gefährlich.

Im Naturpark Weissensee, wie die Region genannt wird, setzen die Verantwortlichen auf „Sanften Tourismus“. Ein intakter Naturraum und Kulturlandschaft ist ihnen wichtig, genauso auch ein vielfältiges Angebot an heimischer Kulinarik. Der See gilt als einer der saubersten Seen in Österreich. Nicht zuletzt kommt das auch der Küche zugute: Über 20 Fischsorten werden angeboten. Und im Sommer sind der See und seine Umgebung Spielwiese für Urlauber: Wassersport, Tauchen, Fischen, Wandern, Mountainbiken sorgen für ein abwechslungsvolles Aktiv- oder Erholungsprogramm. Genauso wie im Winter auch 55 Kilometer Doppelspur- & Skatingloipen für Langläufer zur Verfügung stehen. Schneeschuhwanderer kommen genauso auf ihre Kosten wie Skifahrer im „familiären“ Skigebiet. Die Vierer-Sesselbahn bringt die Skifahrer hinauf auf 1324 Meter Meereshöhe und zu leichten und mittleren Abfahrten, Schleppliften und zur Naggler Alm. Auch Kinderskischule und Kinderclub gibt es. Dennoch ist die Piste nicht zu unterschätzen: Auch das österreichische Slalom-Team trainiert erfolgreich an einem der steilen Hänge.

Eine Variante des Wintersports ist auch eine Tour mit dem Fatbike. Die Mountainbikes mit breiten Reifen oder Spikes erlauben Fahrten über gefrorene Wiesen, Waldwege und, wer sich traut, auch über den See. Wolfgang Wernitznig, Mountainbike-, Langlauf- und Eisschnelllauf-Guide, warnt: „Da kann es auch rutschig sein.“

Er ist es auch, der die Besucher in die Kunst des Eisschnelllaufens einweiht. Die Kufen sind länger und schmäler als bei normalen Schlittschuhen und werden an die entsprechenden Schuhe geschnallt. Schritt für Schritt freunden sich die Anfänger respektvoll mit dem gefrorenen Untergrund an. Geübtere hingegen sind nach wenigen Minuten gleich in ihrem Element und ziehen – so elegant wie möglich – ihre Kurven auf dem See. Es ist ja ganz leicht, meint Wernitznig: „Das Wichtigste ist: entweder auf dem rechten Bein oder auf dem linken Bein fahren. Die Position mit beiden Beinen auf dem Eis gibt es eigentlich nicht.“ Und dann: „Der ganze Körperschwerpunkt wechselt von einem Bein auf das andere – in der Abdruckphase zur Seite hin über die Ferse in die sogenannte Powerbox wegdrücken. Und nicht nach hinten – sonst verliert man die Balance.“ Ganz einfach eben. Und was tun mit der Angst? „Mit der Angst muss man arbeiten und versuchen sie zu beseitigen. Die meisten Leute kämpfen mit der Angst vor einem Sturz und sind verkrampft. So verlieren sie aber das Gefühl für die Schiene.“