Reise

Porto statt Lissabon

Portugal

Soll niemand glauben, dass es in Porto, im grünen Norden Portugals, keine Warteschlangen gibt. Dafür genügt ein Besuch des Regionalbahnhofs São Bento, in dem auf Azulejos in riesigen Wandgemälden historische Schlachten, aber auch friedliche ländliche Szenen dargestellt sind.

Hinter der grandiosen Bahnhofshalle beginnt die Geduldsprobe. Langsam schiebt sich die Menschenschlange Richtung Verkaufsschalter. Doch niemand verlangt hier einen Fahrschein für den Nachtzug nach Lissabon, begehrt sind vielmehr im Fanshop des FC Porto Tickets fürs Stadion, besonders wenn es gegen Benfica oder Sporting geht, die ewigen Rivalen aus der ungeliebten Hauptstadt, und wenn man, wie 2018, Lissabon den Meisterpokal wegschnappen kann.

Historisch lagen zwischen Porto und Lissabon immer Welten. Während am Tejo die Eroberer von einem Weltreich träumten, das von Brasilien über Angola bis nach Indien und ins ferne China reichen sollte und rasch zugrunde ging, blieb man am Douro immer realistisch und wurde durch den Handel mit Portwein wohlhabend. Das Selbstbewusstsein des Bürgertums war in Porto bereits im Mittelalter so ausgeprägt, dass selbst der König und der Adel hier nur Gastrecht hatten. Die Folge: Porto kann nicht mit Schlössern und Palästen glänzen, sondern abgesehen von Kirchen und Kathedralen besonders mit Zweckbauten wie Bahnhöfen oder Brücken. Die Gusseisenkonstruktionen der Ponte Maria Pia und Ponte Luis I. des Eiffel-Schülers Théophile Seyrig sind unübersehbare Hingucker, unter denen die Schiffe zur Flusskreuzfahrt auf dem Douro aufbrechen.

Portos Schmuckstücke aber sind die kleinen, liebevoll gepflegten und im Jugendstil gehaltenen Geschäfte wie der Lebensmittelladen A Pérola do Bolhão oder das Café Majestic. Dass Porto längst nicht mehr im touristischen Abseits liegt, wird in der Livraria Lello deutlich. Vor der angeblich drittschönsten Buchhandlung weltweit stehen chinesische Touristen und die Instagram-Jugend der Welt Schlange. Nur weil sich auf der Jugendstil-Holztreppe die Autorin Joanne K. Rowling Inspirationen für „Harry Potter“ geholt haben soll, herrscht hier in bedrückender Enge Tag für Tag Selfie-Alarm.

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