Reise

Prag in fünf Stunden

Archivartikel

Kann eine solch kurze Zeit ausreichen, um der tschechischen Hauptstadt halbwegs nahezukommen oder ist dies in der Tat ein eher unmögliches Unterfangen? Ein Versuch.

Das traditionelle Attribut „Goldene Stadt“ scheint für sie längst zu bieder; „Paris des Ostens“ kommt ihr näher. Denn Prag ist „in“. Ein Freilichtmuseum mit Shoppingmeile und Kulturevents. Die Ära der Kegelclub-Busreisen ist vorbei. Der Geist, ja die Bohème, kehrt zurück in diese Metropole, die ja bereits vor dem Zweiten Weltkrieg dafür berühmt war.

Bill Clinton hat 1994 im „Redute“ zum Saxofon gegriffen, Mick Jagger im „Duplex“ am Wenzelsplatz seinen gefühlt 90. Geburtstag gefeiert. Daniel Craig drehte in den schmalen Gassen „James Bond: Casino Royal“, Tom Cruise „Mission impossible“. Ist es eine „unmögliche Mission“, dieser Stadt in nur fünf Stunden nahezukommen? Ein Feldversuch.

10.15 Uhr: Start auf dem Wenzelsplatz, dem Herzen Prags. Vor dem Reiterstandbild des im 10. Jahrhundert wirkenden Nationalheiligen Böhmens eine Gedenktafel für zwei junge Männer: Jan Pallach und Jan Zajic. Beide hatten sich selbst verbrannt, um gegen die Invasion der Sowjetarmee 1968 zu protestieren. Heute sind sie Helden des demokratischen Tschechien. Stets liegen an der Stelle frische Blumen.

Kultur in jedem Sinne

Bereits hier erhält man einen Eindruck von der Stadt. An Wien erinnernde Jugendstil-Bauwerke, zur Rechten etwa das Grand Hotel „Evropa“, bei dem allerdings nicht nur die ockerfarbene Fassade verblasst. Ein zum Imbissstand umgestalteter Straßenbahnwaggon bietet Gelegenheit zum Ausspannen, denn das Beste kommt ja erst noch.

10.45 Uhr: Ankunft in der Altstadt. Der Jugendstil wird von Barock und Gotik abgelöst. Prag war bei Kriegsende 1945 nahezu unzerstört. Und im Gegensatz zu anderen Metropolen des Ostblocks blieb die Altstadt auch von der Baukunst des sozialistischen Realismus verschont.

Der Weg führt durch die Melantrichova, an der Kreuzung zur Kosna-Gasse eine interessante Station: Über dem Schaufenster des Geschäftes „Bohemian Crystal“ (Böhmisches Kristall) erinnert eine Tafel an Egon Erwin Kisch (1886-1948); der legendäre „rasende Reporter“, Vorbild eines engagierten Journalismus, wurde hier geboren. Nur ein Schritt weiter das „Sexmaschinen-Museum“ – jeder Besucher kann für sich definieren, was Kultur ist.

11.15 Uhr: In der Straße herrscht ein Gedränge wie in der Kölner Schildergasse an Rosenmontag. Denn der Weg führt zum mittelalterlichen Rathaus. Auf seiner Uhr drehen sich zu jeder vollen Stunde zwölf Apostel und blicken aus 70 Metern Höhe wohl voller Staunen auf die Massen unter ihnen; derzeit bleibt ihnen der Anblick erspart: Der Turm wird saniert und ist daher eingerüstet.

Weiter geht es durch die Karlova, vorbei am „Museum für mittelalterliche Folterpraktiken“ in Nr. 8 und dem Haus des berühmten Astronomen Johannes Kepler in Nr. 4 – Größe menschlichen Geistes und dessen Verirrung ganz eng beieinander.

11.45 Uhr: Der Höhepunkt jeder Prag-Visite: die mittelalterliche Karlsbrücke. Porträtmaler und Jazz-Combos teilen sich die 500 Meter lange und zehn Meter breite Trasse mit Touristen. Diese strömen auf der rechten Seite zur achten Figur, der des Heiligen Nepomuk; wer sie berührt, so heißt es, erfährt Glück.

Kein Wunder: Das Bronzerelief ist längst so sauber, ja blank gerieben, dass die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau in Verzückung geraten würde. Manchem reicht das Berühren aber nicht. Oft werden von den 30 Brückenfiguren Finger abgebrochen und geklaut; um für Ersatz zu sorgen, neue Finger rasch anzukleben, beschäftigt die Stadtverwaltung einen eigenen „Anleimer“.

12.15 Uhr: Der Magen knurrt. Einkehr in ein uriges Lokal: „U tri zlatych Hved“ („Drei Sterne“). Ein zu serviler Kellner weist den Tisch zu, die Gruppe junger Leute dagegen ab; Touristen, die sich an einer Cola festhalten, sind unerwünscht. Zumindest gibt es hier keine doppelte Buchführung, also getrennte Speisekarten für Einheimische und Auswärtige. Was isst man? Natürlich Knödel mit Gulasch. Trotz Stärkung empfiehlt sich ein Taxi zur nächsten Station. Denn es geht steil bergauf.

13.30 Uhr: Ankunft vor dem Hradschin, dem größten Burgareal der Welt, tausend Jahre altes Symbol der tschechischen Nation und heute Sitz ihres Staatschefs. Auf dem Vorplatz: das Standbild von Thomas Garrigue Masaryk, Gründer und erster Präsident der Republik. 2018 feiert sie ihren 100. Geburtstag; nicht nur deshalb liegt derzeit ein Blumenmeer zu Füßen von „TGM“.

Wer Glück hat, erlebt vor der Burg die Wachablösung der Gardisten in ihren blauen Uniformen, übrigens 1990 vom Filmkostümbildner und „Oscar“-Preisträger Theodor Pistek entworfen. Sonst verharren die Soldaten unbewegt vor den Wachhäuschen; nicht nur japanische Touristen platzieren sich gerne für ein Handyfoto verschämt neben sie. All dies erinnert an die berühmten Bärenfellmützenträger in London.

Ein Ort der Freiheit

Von der Terrasse des Cafés darf ein einzigartiger Blick schweifen auf das undurchdringliche Dächermeer der Altstadt. Mittendrin ein Palast mit schwarz-rot-goldener und Europaflagge: Palais Lobkowitz, seit 1974 deutsche Botschaft. Zu Fuß geht es zu ihr die steilen Gassen hinab.

14.30 Uhr: Ankunft vor ihrer riesigen Tür in Lila. Ein Schild weist freundlich auf zwei wichtige Dinge hin: dass Schusswaffen hier nicht gestattet sind und dass man die Mauer weiter entlang gehen muss, um zur Rückseite zu gelangen und den Garten der Botschaft einzusehen.

Und jenen „Genscher-Balkon“, wie er auf dem Schild genannt wird, an dem der Bundesaußenminister am 30. September 1989 verkündet hat: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .“ Der Rest des Satzes „. . . möglich geworden ist“ ging im Jubel der 4000 hierher geflüchteten DDR-Bürger unter – quasi der letzte Sargnagel für die DDR. Steht man heute an jenem Zaun, über den Eltern ihre Babys in den Garten und damit in die Freiheit gereicht haben, ist ein Hauch Geschichte zu spüren.

15.15 Uhr: Abschluss am Bahnhof. Seine gigantische Kuppel mit Figuren in den Wandnischen und Malereien an den Decken erinnert eher an den Pantheon in Rom. Wunderbar, hier einen Kaffee zu genießen.

Dafür reicht die Zeit, für manch anderes, so die Bilanz, leider nicht. Aber die fünf Stunden genügen, um Appetit zu machen auf mehr. Man sieht sich wieder. Oder um es mit der literarisch verewigten Verabredung des braven Soldaten Schweijk und seines Kameraden Woditschka zu sagen: „Um 6 Uhr nach‘m Krieg“ – aber natürlich: bitte ohne Krieg.