Reise

Prager Zahlenspiele

Die tschechische Hauptstadt erinnert an schicksalhafte Jahreszahlen: 1918, 1938, 1948 und 1968 prägten Land und Nation. Der Besucher entdeckt Geschichten von Mut, Stolz und Widerstand.

Achtung, nicht drauftreten! Zwei Bauarbeiter kommen von der Renovierung des Nationalmuseums, der eine warnt den anderen, doch da ist der schon auf das auf dem Gehsteig liegende Bronzekreuz zum Gedenken an den Studenten Jan Palach getreten, der sich an dieser Stelle zwischen Museum und im Rücken der Reiterstatue des Heiligen Wenzel am Wenzelsplatz einst verbrannt hat - aus Protest gegen die blutige Unterdrückung des Prager Frühlings von 1968 durch Armeen aus fünf kommunistischen „Bruderländern“. Von dem Kreuz geht eine eigenartige Faszination aus, es ist unauffällig. Aber wie es da wie ein Mensch gewunden am Boden liegt, symbolisiert es Verletzlichkeit und gleichzeitig Stolz, Härte, passiven Widerstand.

Darf man einen Suizid überhaupt ehren? Ein Blumenstrauß und eine Kerze zeigen, dass Jan Palachs Tat sehr wohl im Gedenken der Tschechen ist. Gerade in diesem Jahr, wo sich am 21. August die Niederschlagung des Prager Frühlings zum 50. Mal jährt, wird seine Geschichte erzählt. „Er ist brennend ein paar Meter in diese Richtung gerannt“, sagt der Stadtführer Vladimir Handlir. Dann habe ihn ein Passant mit einem Mantel löschen können. Später starb Jan Palach im Krankenhaus. Er bat darum, seine Tat nicht nachzuahmen.

In Prag runden sich dieses Jahr vier schicksalhafte Daten der Zeitgeschichte: Da ist die stolze Ausrufung der Republik 1918 nach Jahrhunderten unter den Habsburgern; das Münchner Abkommen von 1938, das die Tschechoslowaken zutiefst als Verrat empfanden, weil es den Nazis den Einmarsch ebnete; dann der „Putsch“ der Kommunisten von 1948 sowie der Prager Frühling von 1968. Und all die Geschichten um diese Daten erzählen von unbändigem Freiheitswillen.

Aber noch mal zum Prager Frühling, der ja einen Vorgeschmack bot auf die 20 Jahre später erfolgte „Wende“ und dessen Ende im Westen als einschneidendes Ereignis im Kalten Krieg gesehen worden war. Man habe unter dem Reformpräsidenten Alexander Dubcek Freiheiten genossen, erzählt Jiri Hubicka, der 40 Jahre lang für den Tschechischen Rundfunk gearbeitet hat. Dubcek wollte einen Sozialismus mit „menschlichem Antlitz“, schaffte die Pressezensur ab. Hubicka erzählt, seine Familie sei beispielsweise nach Frankreich oder Italien gereist. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes war es damit aus. Es folgten zwei Jahrzehnte unter dem kommunistischen Hardliner Gustav Husak.

Auf der Spurensuche von 1968 sieht man Panzereinschüsse zwischen den Korinthersäulen des Nationalmuseums, denn die Russen feuerten angeblich darauf, weil sie das Gebäude für etwas Bedeutendes hielten. Oder man flaniert über die heitere Kampa-Insel, sieht dort die bunte John-Lennon-Graffiti-Wand, eine Spätfolge des Prager Frühlings, da hier Studenten in den 80ern ihre Beschwerden gegen das Husak-Regime mit Sprühdosen an die Wand malten – inspiriert von Beatles-Texten. Heute ist die Mauer ein beliebtes Fotomotiv für junge Touristen.

Oft spielte die Acht in der Stadtgeschichte eine Rolle

Wer historische Spuren in einer Stadt sucht, der darf Zeitsprünge machen. Es ist seltsam, wie oft die Acht in der Stadtgeschichte eine Rolle spielte: 1348, Gründung der Karls-Universität, der ersten Hochschule Mitteleuropas. 1648, zweiter Prager Fenstersturz auf der Burg, der als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gewertet wird. Die Reihe lässt sich fortsetzen. Flanieren wir über den Altstädter Ring, Prags zentralen Platz, wo riesige Eisbären Kinder für ein Selfie in den Arm nehmen und der Besitzer eines Hochrecks verspricht: „Wer sich zwei Minuten an der Stange hält, gewinnt 1000 Kronen!“ Die Ausdauer, das Warten auf die Freiheit, spielt auch in der tschechischen Geschichte eine große Rolle.

Am Altstädter Ring liegt das schmucke Kinsky-Palais, erbaut von einem Adeligen im Rokoko-Stil. Aber auch der Kommunistenführer Klement Gottwald schätzte im Februar 1948 wohl die Ästhetik, mit der der Klassenfeind baute, hätte er sonst auf dem Kinsky-Balkon seine berühmte Rede gehalten, die wenig später zur Proklamation eines kommunistischen Staates führte? Die tschechischen Demokraten klagten damals bitter über den Putsch der KP.

Die Leidenszeit unter dem Kommunismus lässt sich an vielen Orten beschreiben. Nur weil ein kommunistischer Bildhauer die Statue des beliebten Komponisten Smetana errichtete, spottet der Volksmund übrigens, dass der Smetana jetzt von einer Trauerweide verhüllt sei - das geschehe dem kommunistischen Erbauer doch ganz recht.

Als überaus positiv wird in Prag der 28. Oktober 1918 empfunden –die Ausrufung der Tschechoslowakei – ein Traum ging in Erfüllung, lange vorbereitet, beispielsweise in Volksversammlungen des berühmten Gemeindehauses in der Altstadt, einem Jugendstilbau, der eher an einen Palast erinnert. Neben Tomas Garrigue Masaryk, dem ersten Präsidenten, fällt auch dem ersten Premier des Landes, Karel Kramar, eine Rolle als „Errichter“ der Republik zu. Ihm zu verdanken ist ein neues touristisches Highlight in Prag: Die im Neobarock erbaute Kramar-Villa –innen mit viel Jugendstil – ist heute die Residenz des Ministerpräsidenten. Sie liegt hoch über der Stadt und ist seit Kurzem an Samstagvormittagen für Besucher geöffnet. Beim Gang durch ihren Garten bietet sich ein grandioser Blick. Der Museumsführer erzählt von Politik und Liebe, denn Kramar hatte sich einst in Moskau unsterblich in eine schöne Russin verliebt, die verheiratet war und schon vier Kinder hatte. Diese Story endete mit einem Happy End und die Geschichte der tschechischen Nation ebenfalls. Am 28. Oktober wird ihr 100. Geburtstag mit einer Militärparade gefeiert.

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