Reise

Prost Gammelhai!

Archivartikel

Mit der Einsamkeit von Islands Halbinsel Snaefellsnes ist es vorbei. Heute treten sich Selfiestick-schwingende Serienfans hier auf die Füße, probieren Gammelhai und hören tolle Geschichten.

Respekt einflößend thront er da, der Snaefellsjökull, ein 1446 Meter hoher Stratovulkan mit einer mächtigen Haube aus Eis. Auch sein Gletscher schrumpft und auch er gilt längst Bergsteigern als beliebtes Ziel. Aber meist ruht der Hingucker unbehelligt und überlegt, wann er zum nächsten Mal Lava spucken soll. Obwohl der letzte Ausbruch 1800 Jahre her ist, gilt er als aktiv. „Auf Snaefellsnes herrscht gemäßigter Vulkanismus, es gibt nur alle 1000 bis 10 000 Jahre einen Ausbruch“, weiß der Reiseführer Dietmar Schäffer, ein Wahl-Isländer aus Franken.

Der Süden sei aktiver mit Ausbrüchen etwa alle fünf Jahre – das weiß man vom Eyjafjallajökull, dessen Asche 2010 den Luftraum über Europa lahmlegte. Der Ausbruch zeichnet neben den sympathischen Auftritten der Nationalkicker bei EM und WM und den Serien-Drehorten verantwortlich für den Touristenboom in Island. Kamen vor der Finanzkrise 2008 kaum 300 000 Gäste pro Jahr, zählte man 2018 fast 2,8 Millionen. Dagegen stehen 300 000 Einwohner, 70 000 Pferde und 500 000 Mutterschafe. Das hat Island verändert.

An Sehenswürdigkeiten wie Wasserfällen, heißen Quellen, schwarzen Stränden oder Gletscherseen parken Reisebusse mehrreihig. Wo früher ein Trampelpfad den Weg durch Nationalparks eher erahnen ließ, lenken heute breite, abgezäunte Bohlenwege die Besucher: Island versucht, der Massen Herr zu werden, die sich zu Beginn des Booms mangels Alternativen in Vorgärten erleichterten und Hinweise auf Privatgrund für ein Instagram-Foto auch gerne mal ignorierten.

Doch vielerorts dominieren noch urgewaltige Natur und Stille. Stundenlang fährt man über die Halbinsel Snaefellsnes, vorbei an einzelnen Häuschen, die noch die Siedlungsstruktur der Landnahmezeit widerspiegeln, als die Siedler entlang der Küste Höfe bauten und große Flächen bewirtschafteten, statt Städte zu gründen. Grünbemooste Felsen, glasklare Bäche und schneebedeckte Gipfel gestalten die Szenerie. Viele der Lavafelder sind noch scharfkantig – also relativ jung, sonst hätte die letzte Eiszeit sie glatt geschmirgelt. Schäffer erzählt, dass in den Basalt-Lavahöhlen der Halbinsel früher die Bauern während der Fischfangsaison wohnten. Außerdem lebten dort die Trolle Glamur und Glompa, die gerne Lava und gelegentlich auch Wissenschaftler futterten – so erklären es Tafeln im Besucherinformationszentrum den Kindern.

Wirklich film- und fotoreif präsentiert sich die Küste beim kleinen Fischerdorf Arnarstapi, zu Deutsch Adlerfelsen. Pechschwarze Lavatürme kontrastieren mit hellblauem Himmel. Es sind die Kerne ehemaliger Vulkane, innen erstarrt und abgekühlt. Den Vulkan außen herum trugen Wind und Wasser über die Jahrhunderte ab. In der zerklüfteten Steilküste reiht sich Grotte an Grotte, unten bedecken rund geschliffene Kiesel in allen „shades of grey“ schmale Strände. Davor bilden Torbögen aus Lava pittoreske Fenster, durch die man einen grünen Atlantik mit weißen Schaumkrönchen sieht.

In diesem Meer leben neben Hering und Co. Wale, Delfine und Haie – unter anderem der Eishai. Aus diesem bis zu 100 Kilo schweren und bis zu drei Meter langen Hai entsteht die isländische Spezialität Hakarl, fermentierter Hai oder etwas respektloser: Gammelhai. Da dieser Hai keine Nieren hat, steckt er voller giftigem, übel riechendem Harnstoff. Um den loszuwerden, zerlegt man den Hai, stapelt die Stücke in Holzkisten und vergräbt sie für einige Wochen im Boden. Dort siedeln sich Bakterien an, die den Harnstoff in Ammoniakgas und Milchsäure umwandeln. Letzteres konserviert den Hai, Ersteres macht ihn ungiftig.

Allerdings stinkt es bestialisch, was man beim Ausgraben merkt. „In dieser Zeit gehe ich von der Arbeit ohne jeden Umweg direkt nach Hause unter die Dusche“, erzählt Kristjan Hildibrandsson von Bjarnarhöfn. Der Hof verarbeitet etwa 70 Haie pro Jahr und ist der größte Produzent in Island für die sehr spezielle Delikatesse aus Zeiten, als man im armen Island alles irgendwie Essbare auch aß. Bjarnarhöfn beliefert Supermärkte und Souvenirshops, die Haie stammen aus dem Beifang der heimischen Fischer. „Wir töten nicht extra, sondern verarbeiten Tiere, die sonst auf dem Müll landen würden“, sagt Hildibrandsson.

Nach dem Fermentieren hängen die Haifladen zwei Monate in einem offenen Schuppen, wo sie im Wind trocknen. Die braunen Klumpen an den Holzbalken könnten auf den ersten Blick auch Räucherfleisch sein, nur ein schwacher Geruch erinnert an die Vorgeschichte. Ein bisschen speziell riecht es auch im Hakarl-Museum, das Vater Hildibrandsson einrichtete, um die alte Tradition nicht aussterben zu lassen. Heute betreiben es seine Söhne Kristjan und Gudjon. Drinnen steht das alte Boot aus Schwemmholz, mit dem der Großvater als Letzter einer 400 Jahre alten Haifischer-Dynastie hinausfuhr. Daneben stehen ausgestopfte Robben, füllen Haigebisse Regale, gucken glibberige Haiaugen aus Einmachgläsern.

Ein Video illustriert, was Kristjan über die Zubereitung des Hais erzählt, und dann gilt’s: Wer traut sich zur Probe? In weichem Singsang erklärt Kristjan, wie das kleine gelbweiße Stückchen Hai aufgespießt und kurz in Brennivin, einen starken Kartoffelschnaps, getunkt wird. „Je länger, umso stärker wird der Snack“ – und dann wird gekaut und mit dem Restschnaps verdaut. Bei Kristjan sieht das harmlos aus, also los: spießen, tunken, kauen. Erster Eindruck: komische Konsistenz, ein bisschen gummiartig. Dann melden sich die Geschmacksnerven: strenges Aroma! Nicht fischig, eher wie überreifer Camembert gepaart mit alter Socke. Das Zeug zur Lieblingsvorspeise hat der Hai definitiv nicht, das Prädikat interessant verdient er allemal. Und die Bewahrer der Hakarl-Tradition freuen sich jedes Mal über die Gesichter der Testkandidaten. „Wir haben in Island Platz für noch mehr Touristen – bloß nicht alle gleichzeitig am gleichen Ort. Schickt sie alle zu mir“, wünscht sich Hildibrandsson. Wer Gammelhai mag, mag auch Touristen . . .