Reise

Qual am Dach der Welt

Archivartikel

Grandiose Bergwelten, Leidensfähigkeit und Glücksgefühle sind die prägenden Elemente einer Mountainbike-Tour durch den indischen Himalaja von Manali nach Leh.

DJeder Meter zählt. Nur nicht darüber nachdenken, wie weit es noch ist oder ob die Kraft reicht. Auf den letzten Kilometern zum Kardung-La-Pass zählt ausschließlich eines – nicht aufzugeben. Der 39 Kilometer lange Anstieg auf 5359 Meter ist die letzte Herausforderung einer geführten Mountainbike-Tour von Manali nach Leh. Der Trip über 560 Kilometer gilt als eines der anspruchsvollsten Bike-Abenteuer im indischen Himalaja, er ist aber für gut trainierte Freizeit-Radfahrer machbar.

Der Kraftakt hinauf zum Kardung-La-Pass ist das Finale und gleichzeitig die härteste Prüfung dieser Tour. Wer bis hierher gekommen ist und nun den dritthöchsten zu befahrenden Pass der Erde vor Augen hat, will diese letzte Anstrengung bewältigen. Zu beeindruckend war in den vergangenen zehn Tagen der Anblick der kahlen Hochebenen und der fast senkrecht aufsteigenden Felswände, zu intensiv das Erlebnis, in der Gruppe von drei Mountainbikern in täglich höhere Regionen mit immer weniger Sauerstoff zu strampeln.

Zugleich ist es spannend wie faszinierend, auf teils unfassbar schlechten, von großen Schlaglöchern gesäumten Straßen unterwegs zu sein. Manchmal scheint es kaum möglich, einen fahrbaren Weg auf verschlammten Pisten zwischen Lastwagen, Autos, Motorrädern und Militärkonvois zu finden. Bis dahin haben die Biker einige der höchsten Bergpässe der Erde hinter sich gebracht. Am zweiten Tag steht der 3978 Meter hohe Rohtang La auf dem Plan, später der Baralacha La mit 4892 Metern, dann der Lachulung La mit 5059 Metern und der Tanglang La, der auf 5325 Meter führt.

Die sieben Stunden lange Steigung nach dem Auftakt im Städtchen Manali in Richtung Rohtang-La-Pass ist konditionell machbar. Die Nachricht, dass das vorgesehene Camp abgebrannt ist und keine andere ebene Fläche in der Nähe den Aufbau der Zelte zulässt, zehrt dagegen gewaltig an den Nerven. Anstatt der ersehnten Regeneration steht den drei Teilnehmern, dem Guide, dem Koch, einem Helfer und dem Busfahrer eine drei Stunden lange, schauklige Fahrt über grobes Gestein zur nächstmöglichen Camp-Fläche bevor. Dort angekommen werden die Zweimannzelte sowie das Koch-, Essens- und Toilettenzelt aufgebaut. Immerhin ist die Verpflegung gut – der Koch zaubert ein dreigängiges indisches Menü mit Linsenbrei, Hähnchen, Reis und Gemüse sowie frittierten Bananen auf den Tisch.

Am zweiten Tag bringt nasskalter Dauerregen erneut die Pläne durcheinander. In reißenden Bächen schießt das Wasser quer über die ungeteerte Piste. Die gut 1000 Höhenmeter hinab führende Passstraße verwandelt sich in ein einziges, kilometerlanges Chaos aus Wasser und Schlamm.

Tiefe, wassergefüllte Schlaglöcher und mannshohe, auf die Straße gestürzte Felsbrocken machen eine Abfahrt mit den Rädern unmöglich. Also wieder ein paar Stunden Busfahrt, hin- und hergeworfen von einer Piste, die diesen Titel nicht verdient.

Der Rohtang-La-Pass ist eine Wetterscheide. Einige Tage später werden die Niederschläge geringer, die Straßen deutlich besser und die Landschaft ist grandios. Ein Fluss windet sich zwischen meterhohen Felsen durch das Tal, und aus den an den Bergflanken liegenden, gewaltigen Gletschern ergießen sich Wasserfälle donnernd ins Tal. Intensiver ist die gewaltige Kraft und Energie der Natur nur selten zu spüren.

Dieses Hochgefühl verleitet dazu, voller Euphorie in die Pedale zu treten. Genau das ist der Fehler, vor dem der Guide Harish Sing Mehra gewarnt hat: „Ihr müsst euch erst an die Höhe gewöhnen. Das klappt nicht, wenn ihr euch stark anstrengt oder schnell fahrt. Ihr verbraucht viel zu viel Energie.“

Die Strafe, eine knappe Stunde lang nicht auf seinen Rat gehört zu haben, folgt: rasende Kopfschmerzen, die kaum zu ertragen sind bei der Fahrt über die vielen Kiespassagen und ständigen Schlaglöcher. Die leichte Vorstufe der Höhenkrankheit ist höllisch. Sie laugt den Körper innerhalb von zwei Stunden bis zur völligen Kraftlosigkeit aus, und die Kopfschmerzen sind selbst nach einer weitgehend schlaflosen Nacht nur unwesentlich besser. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als in das Begleitfahrzeug zu steigen und eine unfreiwillige Pause einzulegen.

Tage später ist das beinahe vergessen – man will die Schlussetappe zum Kardung-La-Pass durchstehen. Auch wenn der Radcomputer bald prophezeit, dass diese Etappe nicht sechs, sondern neun Stunden dauern könnte. Momentan scheint das kaum zu schaffen zu sein. Eine geschotterte Piste führt in weiten, steilen Schlangenlinien nach oben. Die Luft ist spürbar dünner. Es hilft, zusätzlich tief einzuatmen, um mehr Sauerstoff in die Lungen zu pressen.

Irgendwann an diesem Tag bewegen sich die Füße nur noch mechanisch. Stundenlang. Scheinbar endlos. Nach vier Stunden gibt es keine Pausen mehr. Der Guide füllt die Wasserflaschen nun aus dem fahrenden Begleitauto heraus auf und reicht Energieriegel. Es geht trotzdem immer langsamer vorwärts, immer mühsamer nach oben, selbst im ersten der 36 Gänge. Irgendwann verpesten schwarze Abgaswolken einer langsam überholenden Kolonne von Militärlastwagen die ohnehin so knappe Luft. Egal, nur weiter.

Kurz nach Mittag wachsen die Zweifel, ob das Ziel noch zu erreichen ist. Der Schweiß läuft über die Stirn, die Brust und Arme nach unten, das Gesicht ist verklebt von Sonnencreme und Staub. Außerdem zehren weitere heftige Steigungen gewaltig an den Nerven. Immer wieder sind nach einer Kurve neue Serpentinen, die sich viel weiter oben am Berg entlangschlängeln, zu sehen. Es ist zum Verzweifeln.

Doch nach gut sieben Stunden sind hinter einer weiteren Biegung blechbeschlagene Baracken mit Cafés, olivgrüne Militär-Unterkünfte, Panzer und Räumfahrzeuge zu sehen: der Kardung-La-Pass. Er ist ein trostlos karger Flecken Erde - und an diesem Tag dennoch das Ziel aller Träume.