Reise

Radeln an der Riviera

Archivartikel

Drei unscheinbare Dörfer liegen im Schatten der Cinque Terre und lassen sich daher in Ruhe erkunden. Am besten auf einer alten Bahnstrecke, heute ein Küsten-Radweg.

Es erinnert ein wenig an Paul Klees farbenfrohes Bild „Häuser am Meer“, dieses Ensemble aus pastellfarbenen Fassaden, grünen Fensterläden, grauen Dächern und einem vorwitzig hervorlugenden, quittengelben Kirchturm, das da aufgestapelt am grünen Hang liegt und in der milden Abendsonne leuchtet. Es ist die Sundowner-Seite des nur aus wenigen Parallelstraßen bestehenden Seebades Levanto, sozusagen seine Hinterhof-Ansicht aus dem Hotelzimmer. Wie muss dann erst der Blick vorne raus sein – zum sicherlich azurblauen Meer? Mit dümpelnden Jachten, einem Strand voller Liegen und bunten Sonnenschirmen?

Aber – Moment mal: Wer hat denn diesen architektonischen Betriebsunfall verbockt? Die Sicht zur Meerseite ist komplett verstellt – durch eine Hochstraße! Immerhin keine auf Betonstelzen, sondern eine mit gemauerten Backsteinbögen, Marke römisches Viadukt. Ganz so alt ist diese Trasse zwar nicht, hatte aber ab ihrer Eröffnung im Jahre 1874 einen ähnlichen Zweck: Eine Eisenbahnlinie verband Levanto oben mit seinen Nachbardörfern Bonassola und Framura. Etwa 100 Jahre rollten Züge über die Gleise. In den 1970er Jahren verfielen die Tunnel, wurden mit Brettern vernagelt.

Nichts erinnerte mehr an die historischen Schwarz-Weiß-Fotos mit den Zügen, die sich elegant an der Küste entlang schlängelten. Kurz nach der Jahrtausendwende wollten Menschen aus Levanto und Umgebung sich mit dem Verfall ihrer alten Ferrovia nicht mehr abfinden und kamen auf die Idee, diese Bahntrasse zu einem Rad- und Wanderweg umzugestalten. 2010 wurde sein erster Abschnitt nach jahrelangen Bau- und Renovierungsarbeiten eröffnet.

In Levantos quirligem Ortszentrum zwischen Straßencafés, Fahrradverleih und Schwimmflügel-Ständen geht’s die Treppe hoch auf den Ex-Bahndamm, inzwischen veredelt mit klangvollem Namen: „Passeggiata a Mare“ – Promenade am Meer. Nun ja, im vorderen Teil eher eine für Autos, denn hier ist Levantos größter Parkplatz. Aber dann: Holzbänke mit Blick auf die im Minihafen schaukelnden Jachten, duftende Blumenbeete und gut getrennte Zonen zum Flanieren (links) und für Radfahrer (rechts).

Also los, in Richtung Bonassola, dem nächsten Ort. Entspannt rollen Familien, Rennradler, E-Biker einträchtig die asphaltierte Strecke entlang, geradewegs auf ein schwarzes Loch zu. Und erleben erstmals auf dieser Tour, wie schön Aircondition à la Radel-Röhre ist: Gerade brannte noch Liguriens Sonne in den Nacken, da umweht dieselbe Stelle ein kühles Lüftchen. So als würde man den Kopf in die geöffnete Eisschranktür stecken.

Angenehm, durch diesen ersten von mehreren ovalen Ex-Eisenbahn-Tunneln zu rollen! Schummriges Deckenlicht statt praller Sonne, von irgendwo da oben unter der Decke scheint jemand mit einer Sprühflasche kühlen Wassernebel herunterzuspritzen. Bei genauerem Hinsehen wird klar: Hier schwitzt nicht der Radler, sondern die Bergwand, durch die der Tunnel getrieben wurde: Wasser rieselt in der Röhre das schroffe Granitgestein herunter und bildet kleine Pfützen auf dem Radweg. Zurück im Tageslicht wartet hinter dem Tunnel eine Bank – eine Art Logen-Sitzplatz für den kleinen Strand gut zehn Meter darunter.

Auch bei so einem Rundumblick im Sitzen kann es warm werden. Darum gleich weiter mit dem Rad in den nächsten Tunnel! Er ist länger und kühlt daher intensiver runter. Genau richtig für das Bewegungsangebot, das hinterm Tunnelausgang wartet: Der Fuß-Wanderweg „Punta Levanto“. Er schlängelt sich 20 bis 30 Meter hoch über dem Meer einen Fels hoch. Mit 180-Grad-Panoramablick auf das wellenlos daliegende Mittelmeer, lediglich kurz vor der Küste durchschnitten von einem weißen Gischtstreifen, den ein heimkommendes Fischerboot hinter sich herzieht.

Nächstes Etappenziel mit dem Rad: Bonassola. Noch ruhiger als Levanto. Nach einem Cappuccino im Stehcafé oberhalb vom Strand geht’s auf die letzte Tunneletappe. Sie ist wieder anders als die vorherigen, denn der Tunnelabschnitt zwischen Bonassola und Framura hat Galeriefenster. Im ersten ankert – wie gemalt – eine Luxusjacht. Könnte von Paul Klee sein, dieses Bild.