Reise

Radeln im Weinland

Die Südsteiermark hat früher an den politischen Osten gegrenzt. Heute werden Kürbiskernöl und alte Geschichten verkauft.

Hand ans Gerät", ruft der Luigi seiner Gruppe immer zu, wenn sie wieder auf ihre Räder sitzen sollen. 40 Jahre Dienst im österreichischen Heer schimmern da noch durch, auch wenn der Luigi schon lange keine Rekruten mehr schleift, sondern als Pensionist Radtouristen durch seine Heimat leitet - die Südsteiermark.

Manchmal mag der Luigi, der ja noch in einer Zeit Dienst schob, als die Südsteiermark an den politischen Osten grenzte, so ein Déjà-vu haben. Wie in dem Moment, als die Gruppe an der Mur haltmacht und einen 27 Meter hohen Turm hinaufsteigt. Das gegenüberliegende Ufer gehört zu Slowenien - aber das Metallwerk mit einer Doppelwendeltreppe ist kein Ausguck zur Bewachung der Grenze, sondern eines der Leuchtturmprojekte im Steiermark-Tourismus.

Den mit Bill Gates in Verbindung zu bringen, mag erst mal etwas vermessen erscheinen. Aber im selben Jahr, als der Mann, der die technische Welt revolutioniert hat, geboren wurde, wurden in der Südsteiermark die ersten 2,5 Kilometer einer Straße genau entlang der Grenze eingeweiht und sie haben auch die Verhältnisse umgekrempelt - die in der südlichen Steiermark. Einziges Ziel dieser Straße war es, dieses damals sehr rückständige, ärmliche Gebiet dem Tourismus zu erschließen. Eine Erfolgsgeschichte: Vor allem im Herbst ist diese Gegend jetzt mitunter ausgebucht.

Das jüngste Kind der Steiermark-Touristiker ist die Weinland-Steiermark-Radtour. Eine 405-Kilometer-Runde, immer an den Rändern dieses österreichischen Südzipfels. Vom Turm aus sieht die Gruppe gleich mal das Hauptpfund, mit dem die Region wuchert: viel, sehr viel Gegend. Direkt am Fuß breiten sich die renaturierten Mur-Auen aus, dann schweift der Blick über Weinberge, Wälder und Hügelketten, die keck von Kirchen gekrönt sind. Alpinere Berge sieht man erst an der Grenze zu Kärnten - Wolken bleiben nirgendwo hängen, die Sonne flutet ungehindert von Süden rein. Auf einem Weg durch die Felder deutet der Luigi auf Pflanzen: "Das ist der Kukurruz, der Mais. Wenn der im Sommer mannshoch steht, ist das hier wie ein grüner Tunnel, in dem es schon mal 40 Grad heiß werden kann. Deshalb nennen die Leute diese Ecke auch die Hölle."

Aber bevor das falsche Assoziationen weckt, geht die Tour lieber weiter ins Paradies. Die Hartlieb-Ölmühle ist so ein Ort für viele. Martin Wippel empfängt sie, ein Biobauer, der Kürbisse anbaut. Eine Allzweckfrucht für die Landwirte hier, aus deren Kernen sie Öl pressen. Als der Mittvierziger Martin Wippel in seinen jungen Jahren auf Brautschau war, brachte er einem potenziellen Schwiegervater als Antrittsgeschenk eine Flasche seines Kernöls mit. "Dein Getriebeöl kannst du behalten", polterte der. "Auf meinen Salat kommt so etwas nicht!"

So lange her ist das also noch nicht, dass das nussige Kürbiskernöl ein eher mieses Image hatte. Heute hängen an den Wänden der Hartlieb-Mühle die Auszeichnungsdiplome des "Gault-Millau" in Serie. Das grüne Gold, wie das steirische Kernöl längst heißt, hat seinen Siegeszug nicht nur durch die Gastronomie angetreten, sondern auch in den Betriebsbilanzen: Seit der Jahrtausendwende hat sich die Kürbisanbaufläche verzehnfacht.

Nicht unwichtig für ein Land, das außerhalb des Grazer Speckgürtels kaum Industriegebiete hat und alle Voraussetzungen für eine massive Landflucht hat. Stattdessen sehen die Radler Dörfer und Gehöfte in einem geradezu geschleckten Anblick. Das Land dazwischen: eine Kulturlandschaft vom Feinsten, vor allem, wenn sie hügelig wird und Weinberge die Hänge gliedern. Die Steiermark kann gut leben von ihren Kulinarik-Produkten.

Die Steiermark-Touristiker haben deshalb ihren Radweg in Etappen mit 50-Kilometer-Happen unterteilt. Streckenmäßig eher ein Witz, vor allem wenn man mit dem E-Bike unterwegs ist, wohin der Trend geht. Aber so soll auch Zeit bleiben etwa für das Sulmtaler Huhn. Die Gruppe lernt es in Gleinstätten kennen, im Gasthof Brand. Einfach benannt nach der Familie, die diese Dorfwirtschaft seit Generationen bewirtschaftet. Der 82-jährige Senior-Chef steht selbstverständlich noch hinter dem Tresen, der Sohn trägt die Backhendl auf.

Nach so einem Mittagsmal steigt man erst mal sehr behäbig aufs Rad. Gemütlich rollt die Gruppe Schwanberg entgegen. Ein kleiner Ort mit großen Geschichten wie die von Samuel Schenk. Der Wiener Professor war ein Pionier der Embryonenforschung und kam immer wieder mit seiner Familie zur Sommerfrische nach Schwanberg. Wenn man vom Hauptplatz den ersten Hügel hinter dem Ort hochsteigt, kommt man an dem alten Friedhof vorbei, wo ein Monolith an Samuel Schenk erinnert. Aufsehen erlangte er mit seiner "Theorie der Geschlechtsbestimmung": Per Zuckerdiät oder Zuckerkonsum könne die Frau bestimmen, ob sie Söhne oder Töchter zur Welt bringe. Deshalb rief ihn die russische Zarin zu Hilfe - gebar aber statt des erhofften Thronerben eine weitere Tochter. Schenks Ruf war ruiniert. Er zog sich ins Exil zurück - in die Südsteiermark.