Reise

Rauschendes Wasser

Archivartikel

Um zu zeigen, was Wasser vermag, wenn man es lässt, hat sich die Isel offenbar diesen Findling ins Bett gelegt: riesengroß, tonnenschwer, kaum zu bewegen – es sei denn von jener Lawine, die ihn 1985 mitgerissen und in der Klamm eines Wildbachs vergessen hat, den nichts aufhalten kann. So schien es seit Menschengedenken. Und jetzt? Dazu später mehr. An dieser Stelle reicht es, einem Gletscherfluss zu lauschen, der vom Ursprung 57 Kilometer westwärts reist, bevor ihn die Drau ruhig Richtung Donau befördert. Hier oben aber, an den Umbalfällen, ist nichts ruhig, hier ist alles ein Tosen und Wirbeln, Rauschen und Strudeln.

„Hörst du?“, fragt Matthias Berger im Lärm von 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. „Das ist der Charakter der Isel.“ Zehn Jahre ist er schon Ranger im Nationalpark Hohe Tauern, und diese Erkenntnis lehrt ihn Osttirols flüssige Drama Queen jeden Tag: „Sie hat ein Herz, ein Gedächtnis, eine Seele.“ Wie er das zwischen den Gipfeln von Großglockner und Großvenediger sagt, klingt es nüchtern betrachtet zwar esoterisch; gewiss aber klingt es so folkloristisch, wie Naturburschen mit Seppelhut und Wanderstock aus Städtersicht nun mal wirken, wenn sie von ihrer Heimat schwärmen, als wäre die lebendig.

Nur: Wer den Charakter der Isel vom Ursprung bis zur Mündung abwandert, abradelt, abreitet, abfährt, wer sich also darauf einlässt, den Fluss zu spüren, erkennt in ihm tatsächlich was Lebendiges. Schon der Weg zur Quelle ist von einer wilden Pracht, die man buchstäblich auf der Haut spürt. Schließlich wird es dank der Steilstufen so rasant, dass die Gischt wie in der Autowaschanlage spritzt. Matthias Berger lacht. Kein Wunder. Er kennt hier jeden Fels, jede Biegung, jedes Gewächs und liebt all dies mit unverbrüchlicher Hingabe. Dennoch hält der 30-Jährige das Lauftempo dort am höchsten, wo die Isel besonders atemberaubend ist.

Die Seele des Gewässers; per Kanu erkunden

Es geht ihm bei dieser Tour um was anderes als ein natürliches Schauspiel; es geht um die Natur an sich. Ums Ganze. Und das ist nirgends spürbarer in Gefahr als am Fuß der Dreiherrenspitze, die sich nach einer sportlichen, aber familienfreundlichen Wanderung mit Übernachtung in der urigen Clarahütte aus den Wolken schält. Bevor das Rinnsal dank Dutzender oft spektakulärer Wasserfälle zum Fluss anschwillt, speist ihn der Umbalkees auf 2400 Metern zunächst mit Schmelzwasser. Zu viel Schmelzwasser. „Viel zu viel“, klagt Berger.

Ein Bartgeier verfolgt den ähnlich mächtigen Steinadler, als er zur grauen Gletscherzunge zeigt. Allein im Jahrhundertsommer 2003 verlor sie 86 Meter. Kann passieren, sagt der drahtige Ranger und kaut seine Speckjause. Doch weil alle Sommer Jahrhundertsommer sind, müsse der Frühling „dringend mal draufschneien“. Nur: Es schneit ja nicht mal mehr im Winter richtig. Der Kees schwindet, und ohne Kees keine Isel. So einfach, so bitter geht die Gleichung. Den Naturburschen Berger bringt sie trotzdem nicht aus der Ruhe. Warum auch?

Die Reise vom Anfang zum Ende der Isel mag eine zum Wesen des Wassers sein. Sie führt aber auch ins Gemüt von Anwohnern wie Berger, der da, wo das bemooste Gestein keine drei Generationen zuvor dick unter Eis begraben lag, versichert: „Natur ist Veränderung.“ Pause. „Ob mit oder ohne uns.“ Doch grad weil der Wandel dazugehört, bekämpft er ihn so vehement. Schon aus Familientradition. Seit jeher ist die Isel Ziel lokaler Fortschrittsträume. Erst 2012 sollte sie für ein Kraftwerk aufgestaut werden, wogegen schon Bergers Vater Adi kämpfte und damit in die Fußstapfen von Opa Gottlieb trat, der das Gleiche in den Achtzigern tat.

Es waren Leute wie sie, denen Tirol das letzte frei fließende Alpengewässer verdankt. Eingeborene, zu denen sich ein Zugereister gesellte, als er 2014 ein Fanal gegen die energiewirtschaftliche Nutzung drehte. „Der Iselfilm“, sagt Thomas Zimmermann, „soll den Befürwortern des Kraftwerks zeigen, was ihnen verloren ginge.“ Da die Dokumentation von Berg und Fluss, Mensch und Tier indes eher Gefühle anspricht, fügt der Regisseur hinzu: „Unser bestes Argument gegen das Wasserkraftwerk ist das Wasser selbst.“ Der Schliff, den die Isel auf ihrer Tour aus dem Fels wasche, „macht auf Dauer alle Turbinen kaputt“. Von wegen Fortschritt. Weil sein Film den Riss durch die Region schließen half, ist es also nicht nur dem ländlichen Matthias, sondern auch dem städtischen Thomas zu verdanken, dass die Isel eben die Isel ist.

Ein Gewässer, dessen Seele man perfekt mit Kanu und Schlauchboot erkunden kann. Unter Matrei zeigt sie sich am Ende in ihrer ganzen Vitalität. Von eng bis breit, still bis wild, klar bis trüb schlängeln sich die letzten Kilometer Richtung Lienz, wo sie inmitten der Altstadt zur kleineren Drau wird. Wer kurz zuvor ins mehlige Nass greift, spürt den Unterschied. „Fühlt sich unbehandelt an“, findet Thomas Zimmermann. „Wie das Leben“, ergänzt Matthias Berger 1000 Höhenmeter entfernt. Dort, wo ein Findling im Umbalfall von der Kraft des Wassers zeugt. (von Jan Freitag)