Reise

Reisen im Zeichen des Regenbogens

Archivartikel

Immer mehr Ziele stellen sich auf schwul-lesbische Gäste ein. Als besonders geeignete Länder gelten Kanada oder Österreich.

Am den Stränden von Mykonos, Sitges oder Gran Canaria hat man sich längst daran gewöhnt: zwei Männer oder zwei Frauen, die Händchen haltend durch ihren Urlaubsort spazieren. Bars, Hotels und Clubs haben sich längst mit Regenbogen-Fahnen vor der Tür und Partys auf das bunte Publikum eingestellt. Doch auch andere Urlaubsorte und -länder werben inzwischen aktiv um Kunden mit anderer sexueller Orientierung. Auf der Internationalen Tourismusmesse Berlin füllt das LGBT-Segment – das steht für lesbisch-schwul-bisexuell und Transgender – seit Jahren einen eigenen Pavillon.

Der Einsatz hat gute Gründe: „In Spanien haben Angebote für LGBT-Kunden allein 2017 nach Angaben der Reisemesse Fitur Gay einen Umsatz von 7,5 Milliarden Euro erzielt“, sagt Carmen Frentiu vom Spanischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt. Von 40 Millionen Gästen insgesamt kamen 6,5 Millionen aus der Gruppe der Schwulen und Lesben, berichtet die spanische Fachzeitschrift „Hosteltur“. Barcelona veröffentlicht inzwischen jährlich eigene Stadtpläne mit speziellen Tipps und Adressen.

„Spanien ist auch für deutsche Schwule und Lesben derzeit das beliebteste Reiseland, ebenso wie für die Deutschen allgemein“, beobachtet auch Dirk Baumgartl, Chefredakteur des schwulen Reisemagazins „Spartacus Traveler“ aus Berlin. Vor zwei Jahren habe es dazu eine große Marketing-Kampagne gegeben. Und auch in diesem Herbst wirbt Spanien mit einer Journalistenreise für unbekanntere schwulenfreundliche Ziele im Landesinneren. Doch auch die USA, Österreich, Island oder Kanada seien in der Community aus Deutschland besonders beliebt, weiß Baumgartl. Japan entwickle sich gerade zum eigenen Markt. Im jährlichen „Spartacus“-Ranking der schwulenfreundlichsten Länder haben dagegen 2018 Kanada und Schweden den Spitzenplatz erreicht. Dean Nelson von „Gay Travel Canada“ erklärt das mit der langen liberalen Tradition in seinem Heimatland.

„Schon 1967 sind wir dafür eingetreten, dass die Regierung im Schlafzimmer nichts zu suchen hat“, erklärt der Geschäftsmann aus Vancouver. Die Ehe für alle ab 2005 und die Olympischen Winterspiele in Vancouver mit einem eigenen Pavillon für schwul-lesbischen Sport und die entsprechende Lebenskultur hätten Durchbrüche gebracht. Inzwischen marschiert Premierminister Justin Trudeau bei den bunten Schwulen-Paraden regelmäßig mit. Diese Offenheit kommt an bei einer Zielgruppe, die sich vor allem im Urlaub nicht als Teil einer Randgruppe fühlen möchte. Nelson sieht das auch als ökonomischen Erfolg: Die World-Pride-Veranstaltungen im vergangenen Jahr in Toronto haben 268 Millionen Kanada-Dollar Umsatz gebracht. Bei einem geschätzten Bevölkerungsanteil von acht Prozent bieten Schwule und Lesben weitaus mehr potenzielle Kunden als Golfer, Reiter oder Taucher. Mit ihrem hohen Einkommen als Doppelverdiener gelten gleichgeschlechtliche Paare zudem als ideale Kunden.

Deutsche Veranstalter tun sich trotz steigender Zahlen mit der Zielgruppe noch schwer. Tui Cruises schickte zwar 2017 seinen Kreuzfahrtdampfer „Mein Schiff 2“ zur Regenbogen-Reise ins westliche Mittelmeer, doch auch Conchita Wurst, Tim Fischer und die Drag-Queens Cybersissy und BayBjane konnten die Stimmung nicht heben. „Der Termin Ende April war schlecht gewählt“, glaubt Baumgartl. Die Kontingente seien zum Schluss für Spottpreise auch an Heterosexuelle verschleudert worden und die Gäste hätten in Anoraks an Deck gestanden. „Ein solches Angebot in der Nebensaison ist verständlich“, sagt Baumgartl, aber als Lückenbüßer wolle die zahlungskräftige Kundschaft nicht herhalten. 2018 hat der Anbieter keine Wiederholung aufgelegt. Stefanie Holweg aus der Tui-Pressestelle verweist auf die Hotelmarke Sensimar und die All-inclusive-Kette Magic Life, die von der LGBT-Zielgruppe am liebsten gebucht würden.

Als einziger der großen Veranstalter kümmert sich Dertour aktiv um die LGBT-Kunden. Das Unternehmen hat aktuell 15 Produkte im Angebot, die sich ausschließlich an Schwule und Lesben richten. Dazu kommen 25 Hotels, die sich aktiv als „gay-friendly“ verstehen. Das Personal dieser Häuser habe „Kenntnisse über die lokale Szene und kann den Gästen Informationen geben“, sagt Produktleiter Jens Reinhardt, Auch die Frage an gleichgeschlechtliche Paare beim Check-in, ob ein Zimmer mit getrennten Betten bevorzugt wird, werde es in diesen Häusern nicht geben. Berlin, Wien, Barcelona, Madrid und Paris werden von LGBT-Gästen bei Dertour gerne gebucht.

Allerdings sind sich alle Touristiker darüber einig, dass nur ein gewisser Prozentsatz schwul-lesbischer Urlauber spezielle Angebote anstrebt. „Bei unseren Umfragen stehen Erholung und Kultur bei den Lesern stets an erster Stelle“, sagt Baumgartl. Das könne man in jedem guten Hotel. Allerdings würden sich einige Hotel-Ketten wie Marriott oder die Fluglinie KLM seit Jahren aktiv zur Diversität bekennen und gälten damit in der Szene als sympathisch.

Bei Kreuzfahrten sieht Baumgartl hingegen noch einiges Potenzial. Internationale Anbieter wie Celebrity Cruises oder Royal Caribbean veranstalteten Kennenlern-Treffs für LGBT-Gäste und seien schon jetzt damit sehr erfolgreich. „Vor allem in Ländern wie Ägypten oder den Emiraten, in denen die sexuellen Freiheiten nicht toleriert werden, bietet ein Kreuzfahrtschiff einen gewissen Rückzugsraum“, erklärt er. Tagsüber geht es für Kultur und Natur aufs Land, abends dann zur Party in den Schiffsclub.