Reise

Reisen ohne Fahrplan

Archivartikel

Es gibt nur wenige afrikanische Länder, die Touristen mit dem Zug durchqueren können. In Tansania geht das – und es ist ein echtes Abenteuer. Eine Schienen-Reise vom Indischen Ozean zum Victoriasee.

Wer mit der Bahn durch Tansania reist, braucht viel Zeit. Und das bereits, bevor es überhaupt losgeht. „Seien Sie zwei Stunden vor Abfahrt am Bahnhof“, sagt der Schalterbeamte in Daressalam einen Tag vor der geplanten Abreise. Warum, sagt er nicht.

Die Einheimischen kümmert es nicht. Mit Kindern an den Händen und Taschen auf dem Kopf trudeln sie pünktlich am Bahnhof ein. Sie belagern die Bänke, mit dabei riesige Mengen an Wasser und Toastbrot für die Reise. Die Kinder spielen zwischen den Koffern.

Der Zug verlässt Daressalam mit knapp vier Stunden Verspätung. Gar nicht schlecht. Manchmal ist es sogar ein ganzer Tag. Und das, obwohl die Verbindung hier startet. Begründungen oder gar Entschuldigungen dürfen Passagiere nicht erwarten.

Mindestens 40 Stunden soll die Fahrt von der Metropole am Indischen Ozean bis nach Mwanza am Victoriasee dauern. Sie kostet rund 75 000 Tansania-Schilling, das sind etwa 29,40 Euro, in der ersten Klasse. Von Luxusabteil kann keine Rede sein: zwei abgenutzte Liegeflächen aus Lederimitat, ein kleines verrostetes Waschbecken, ein Ventilator. Polster und Decken sind sauber, der Rest wirkt ein wenig schmuddelig. Ein Stock hält das Schiebefenster zusammen. Die sanitären Anlagen am Ende des Abteils beschränken sich auf ein Loch im Boden.

Unter dem Abendhimmel rattert der Zug von der Küste ins Landesinnere. Für kleines Geld serviert ein Bahnmitarbeiter ein Abendessen: Reis mit Fleisch und Gemüse – einfach, aber gar nicht schlecht. Entspannung und Schlaf zu finden, ist nicht einfach. Der Zug schaukelt und rüttelt über die Gleise. Die Tür des Abteils schließt nicht richtig und klackert während der gesamten Fahrt. In jedem Dorf hält die Bahn etwa zehn Minuten, in größeren Städten auch mal eine halbe Stunde oder länger. Einen Fahrplan gibt es nicht. Ruckeln und die Hupe des Lokführers begleiten jede neue Anfahrt in der Nacht.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch den grauen Dieseldampf leuchten, streift der Zug eine karge Landschaft. Leere Reisfelder sehnen sich nach Regen. Nur wenige Bäume tragen noch Grün, einige Bauern treiben ihr Vieh durch die Weite. Nach etwa 16 Stunden und 465 Kilometern erreicht der Zug die tansanische Hauptstadt Dodoma. Die Wartezeit hier reicht locker für ein Mittagessen in der Stadt.

Das Eisenbahnnetz in Tansania ist seit der Unabhängigkeit des Landes 1961 geschrumpft. Das Zugsystem stammt noch aus der Kolonialzeit. Die Central Line nach Kigoma am Tanganyikasee bauten einst die Deutschen, die Northern Line nach Mwanza später die Briten. Mit Chinas Hilfe kam am Ende der 1970er Jahre die Tazara-Bahn dazu. Sie führt durch einige Nationalparks im Süden Tansanias bis nach Sambia.

In der Regel fahren die Züge zweimal in der Woche. Wann genau, wissen eigentlich nur die Beamten am Bahnhof. Sie verkaufen auch die Fahrkarten. „Kaufen Sie das Ticket ein oder zwei Tage vorher“, lautet die Empfehlung dort. Die Abfahrtzeiten können sich auch kurzfristig noch ändern. Doch Besserung ist in Sicht: Von Ende 2020 an soll eine neue zuverlässige Schnellverbindung Daressalam und Dodoma verbinden – in etwa drei bis vier Stunden Fahrzeit.

Einige Einheimische werden bei dieser Innovation wohl auf der Strecke bleiben. Für viele Menschen in Tansania reicht das Geld schon jetzt nur für die dritte Klasse. Zusammengequetscht hocken sie dort auf den Bänken. Säcke, Taschen und unruhige Kinder füllen den Gang. Einige Passagiere stehen am Fenster und lassen die Weite des Landes an sich vorbeiziehen. Für viele von ihnen ist der Zug eine gute Möglichkeit, ihre Heimat zu erreichen: Dörfer, die nur wenige Landkarten kennen.

Wer mit den Leuten in Kontakt kommen will, ist hier richtig. Das Abenteuer wartet jedoch vor allem neben den Gleisen.

In Saranda, einem kleinen Ort, verwandelt sich der Bahnhof in Sekundenschnelle in eine Freiluftkantine. Anwohner grillen Mishkaki (Fleischspieße), kochen Chipsi Mayai (Omelett mit Pommes) oder Reis mit Bohnen. Viele Passagiere sind vorbereitet: Mit Besteck und Dosen in den Händen stürzen sie sich in das Outdoor-Restaurant. Wer nicht aussteigen will, wird auch am Fenster bedient.

Immer wenn der Zug hält, und das ist etwa alle 20 bis 30 Minuten, beginnt das Spiel von vorne. Vor allem Frauen und Kinder laufen die Fenster ab, verkaufen Körbe, Kekse und Krimskrams. „Mzungu“, rufen die Kleinen vom Rand der Gleise – so nennen sie die Weißen hier.

In den ländlichsten Gegenden fragen die Kinder nach leeren Wasserflaschen. Fliegt mal eine aus dem Zugfenster, entsteht mancherorts ein regelrechter Kampf um das Plastikgold. Denn die Flaschen füllen die Kinder auf und verkaufen sie an Passagiere im nächsten Zug, der das Dorf passiert. Für sie ist es ein gutes Geschäft. Doch auch abseits der Dörfer werfen viele Passagiere ihren Müll sorglos aus dem Fenster. Plastik und Verpackungen zerstören so ein wenig das Bild der unberührten Landschaft Tansanias.

Auch die zweite Nacht im Zug verläuft eher unruhig. Gegen 2 Uhr erreicht der Zug Tabora. Erst nach mehr als zwei Stunden geht es weiter. Das hat zwei Gründe: Zum einen teilt sich der Zug hier auf. Ein Teil fährt nach Westen weiter nach Kigoma, der andere Richtung Norden nach Mwanza. Die Waggons müssen dafür aufwendig rangiert werden. Zum anderen aber hat eine hochschwangere Frau kurz vor Tabora ihr Kind zur Welt gebracht. „Ein Arzt musste in den Zug kommen, aber allen geht es gut“, klärt eine Mitreisende am Morgen darauf auf.

Je näher der Zug Mwanza kommt, desto grüner wird die Landschaft. Baumwolle, Mais und Spinat wachsen auf den Feldern. Immer mehr Passagiere stecken den Kopf aus dem Fenster. Sie beobachten die Bauern mit ihren Kühen und Ziegen und winken den Kindern, die aus den Lehmhütten sprinten und den Zug ein Stück begleiten.

Die Fahrt durch Tansania entschleunigt. Wer aufmerksam und geduldig ist, kann das Land im Zug von vielen verschiedenen Seiten kennenlernen.

Nach knapp 50 Stunden und gut 1200 Kilometern hupt sich der Lokführer durch den Stadtverkehr von Mwanza. Die Sonne steht tief über dem Victoriasee.