Reise

Rimini neu entdeckt

Archivartikel

Um das italienische Seebad war es jahrelang ruhig. Dabei hat es mehr zu bieten als Strand: eine Tausende Jahre alte Geschichte.

Wie jeden Morgen klappt Mauro Vanni die Liegen an seinem Strandabschnitt Nummer 62 auseinander, öffnet die weiß-grünen Sonnenschirme. Um die 250 solcher Strandabschnitte gibt es in Rimini. 40 000 Sonnenschirme in Reih und Glied finden sich von Torre Pedrera bis Miramare, dazu zig Wasserparks wie Mauro Vannis „Boabay“ und 240 Bagninos, die alles bewachen. Wie das Kokosöl zum Braunwerden gehörten die Bagninos einst zur Szene, machten ihrer auserwählten Urlaubsliebe das Zehn-Quadratmeter-Sonnenplätzchen schön und die Ferientage gleich mit. Das Klischee sei veraltet, sagt Vanni, Chef von 160 Strandaufpassern: „Ich habe nie einer Versuchung nachgegeben, bin seit 28 Jahren glücklich verheiratet.“

Für sein quietschbuntes Strandleben nach Maß sind die 15 Küstenkilometer vor Rimini in der Emilia-Romagna seit den 1960ern bekannt. „Drei Jahrzehnte später blieben die Deutschen plötzlich weg“, gibt der Bademeisterchef zu. „Urlauber zog es an neue Orte. Auf die Balearen, in die Türkei. Zudem gab es eine Algenpest, die uns großen Vertrauensverlust einbrachte.“ Doch das war einmal. „Wir haben das sauberste Wasser Italiens“, beteuert der 54-Jährige. „Es wird ständig kontrolliert.“ Seit ein paar Jahren kehren auch die Deutschen zurück.

Einen großen Anteil an Riminis Comeback hat Andrea Gnassi, seit 2011 Bürgermeister der Stadt. Mauro Vanni schätzt ihn: „Keine neuen Häuser mehr, sondern aufwerten, was vorhanden ist, lautet Signor Gnassis Devise.“ Alles soll grüner werden, manche Zonen autofrei. Auch die Altstadt. Rimini hat eine Altstadt? Nein, davon hatte die Wiener Familie keine Ahnung, die an der Strandzone Marina Centro ihre Ferien verbringt. Dabei könnten sie von ihrem Vier-Sterne-Domizil Savoia mit Leihrädern in gut zehn Minuten mittendrin im alten Geschehen sein. Andrea Gnassi hat entsprechende Wege bauen lassen.

In kaum einer anderen Stadt Italiens lässt sich Strandvergnügen mit Kultururlaub so leicht verbinden wie in Rimini. Im Grunde genommen ist der Strand das langweiligste in Rimini, spannend wird es erst ab dem Hafenkanal. Eine Armada an großen Fischkuttern liegt hinter dem Panorama-Riesenrad und dem Leuchtturm. Viele der 148 000 Einwohner holen sich an der Mole fangfrische Makrelen, Sardinen, Canocchie. „Heuschreckenkrebse“, übersetzt Reiseleiterin Helga Schenk. Die Deutsche lebt seit 25 Jahren in den Bergen Riminis und begleitet die Radtour. „Canocchia war Fellinis Spitzname, weil er als Kind sehr mager war und dünne Beine hatte.“ Der Filmemacher, der mit Streifen wie „La Dolce Vita“ weltberühmt wurde, wurde 1920 unweit des Hafens geboren. „Es gibt vieles in Rimini, das einen Platz in Fellinis Filmen gefunden hat“, sagt Helga Schenk, „auch wenn er nie in der Stadt gedreht und die Kulissen immer in Rom nachgebaut hat.“ Standhaft spannt die Tiberiusbrücke seit 2000 Jahre ihre fünf Bögen über den Marecchia-Fluss, der im Altertum Ariminus hieß und der Stadt ihren Namen gab. Gegründet wurde Rimini 268 vor Christus von den Römern. Auf der einen Seite der Brücke liegt das bunte Fischerviertel Borgo San Giuliano, in das es Fellini als Junge oft zog. Beinahe jedes Haus ist mit einem Gemälde bestückt. „Mehr als 50 dieser Wandmalereien erinnern im Borgo an Fellini und seine Filme. Alle zwei Jahre gestalten lokale Künstler während eines Straßenfestes neue Bilder.“

Der Cineast, der 1993 starb und in Rimini begraben liegt, lebt in den Herzen der Einheimischen weiter. Würdevoll trugen sie ihn auf ihrem Trauerzug über die Tiberiusbrücke, die auf der anderen Seite direkt ins antike Stadtzentrum führt und auf den Corso d’Augusto.

Unweit davon liegt unter einer raffinierten Glaskonstruktion neben dem Stadtmuseum das „Domus del Chirurgo“. Sechs Jahre hat Maria Luisa Stoppioni das Haus des Chirurgen Eutyches ausgegraben. Es sei ein weltweit einzigartiger archäologischer Schatz, versichert die Archäologin: „Nicht mal in Pompeji hat man so was gefunden. Das Gebäude brannte im 3. Jahrhundert nach Christus nieder und das Stockwerk darüber ist eingesackt. Daher ist alles so gut erhalten.“ Stolz zeigt Stoppioni vollständig erhaltene Bodenmosaike und den Schriftzug Eutyches: „Ein Kranker hat den Arztnamen in die Wand gekratzt.“

Welches Jahr schreiben wir heute? An vielen Stellen Riminis ist es nicht auszumachen, auch nicht am Inhalt des Schraubglases, das Mario Berardi unter die Nase hält. Riecht ölig und fischig. „Garum“, klärt der Landwirt mit der wilden Mähne auf, „ein Urzeitpesto. Wir vermischen Sardellen, Olivenöl, Kräuter und lassen es in einer Amphore gären.“ Mario ist einer von 40 Mitstreitern der Initiative Dimora Energia Lab, die Essen nach uralten Rezepten herstellen. Mariano Guardianelli serviert das Garum später über Linguine mit Miesmuscheln in seinem Szene-Lokal Abocar. Über antike Ravioli, gefüllt mit 40 von Berardis angebauten Kräutern, streut der Halbargentinier Blümchen. Jedes seiner Gerichte eine Augenweide. Dafür ist Mariano bekannt wie Federico Fellini für sein „Buch der Träume“, das im Städtischen Museum liegt und in Auszügen an den Wänden des stillen Örtchens im Abocar hängt.

Die Stadt bewegte Fellini sein Leben lang. Zu Recht. Hier ist stets was los, jeder Abend an der Strandstraße eine Party. Zu feiern gibt es mit Bürgermeister Andrea Gnassi immer etwas. Sei es bei der „Molo Street Parade“, wenn DJs auf den Kuttern Musik auflegen und Fischer grillen, oder wie im Januar, als das „Fulgor-Kino“ nach fünf Jahren Restaurierungsarbeiten wiedereröffnete. „Als Junge sah Federico Fellini darin seine ersten Filme“, erzählt Stadtführerin Helga.