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Römisch radeln

Archivartikel

Die älteste Autobahn der Welt entstand schon 312 vor Christi Geburt und führte von Rom nach Brindisi. Heute kann man sie per Fahrrad erkunden und dabei im Wortsinn Geschichte erfahren.

Vor dem Amtssitz von Bürgermeisterin Virginia Raggi lässt der liederliche Straßenzustand in Italiens Kapitale die erbosten Verfechter eines alltagstauglichen Roms protestieren. Auf der Via Appia Antica gehört das Geholper von Geschichts wegen dazu. Zumindest dort, wo noch Überreste des Originalbelags vorhanden sind: Große, unregelmäßige Lavaquader, tief eingefräste Fahrrillen inklusive.

Livio Curatella balanciert sein Fahrrad geschickt über den holprigsten Teil der antiken Römerstraße und erklärt den Touristen, dass die Via Appia Antica, als sie gut 300 Jahre vor Christus errichtet wurde, eine Sensation im Straßenbau war. „Vom Circus Maximus im Zentrum Roms bis Brindisi. Rund 550 Kilometer fast immer geradeaus, Ortschaften wurden nicht durchquert. Das war die weltweit erste Autobahn, gedacht für Truppenbewegungen und Handel“, schwärmt Livio. Was dieser Autobahn der Antike den Beinamen Regina Viarum – Königin der Straßen – eingebracht habe, sei neben der Straßenführung vor allem die damals revolutionäre Bautechnik gewesen: ob glatte Steine, darunter Kies und Sand. Das machte die Via Appia Antica auch bei Regen befahrbar. Mit gut vier Metern war sie zudem breit genug für zwei Fahrzeuge. Fußwege rechts und links der Straße ermöglichten den Fußgängern ein sicheres Fortkommen. Mit einer Autobahn im heutigen Sinne hat die Via Appia Antica oder besser das, was davon übrig ist, nichts zu tun.

Was unmittelbar südöstlich von Roms Zentrum besichtigt werden kann, gehört zum gut 3000 Hektar großen Regionalpark Appia Antica: Idyllisch ruhiges Kontrastprogramm zum Innenstadttrubel. Mit viel Grün und auch mit Kindern bestens geeignet für eine Fahrradtour auf den Spuren der Geschichte. Die Radler fahren an zahlreichen Überresten teils imposanter Grabmäler vorbei. „Alle wichtigen Familien haben an der Via Appia ihre Gräber gebaut. Je wichtiger die Familie, desto größer das Grab“, erklärt Livio, während er auf einen Grabhügel klettert. Von dort aus erschließt sich die Dimension eines der Schmuckstücke an der Via Appia Antica – der Villa dei Quintili - besonders. „Die Brüder Quintili waren so reich, die hatten sogar eine eigene Therme und ein Aquädukt“, berichtet Livio. So viel Reichtum weckte Begehrlichkeiten. 182 n. Chr. ließ Kaiser Commodus die Brüder kurzerhand wegen einer angeblichen Verschwörung hinrichten und zog selbst in die Luxusvilla ein.

Hingerichtet wird in der Gegenwart zwar nicht mehr, der Zersiedelung der Via Appia Antica durch den Bau von Luxusvillen und der damit verbundenen Zerstörung antiker Kulturgüter der Kampf angesagt aber schon. Die Grundstücke rechts und links der Via Appia Antica seien bereits bei den italienischen Filmstars der 50er Jahre begehrt gewesen, erzählt Livio und nennt Namen wie Gina Lollobrigida oder Silvana Mangano. Ein besonderes Interesse auch internationaler Filmgrößen habe William Wylers Verfilmung von Ben Hur 1959 ausgelöst. „Da wurden Häuser einfach über Gräber gebaut oder Ausgrabungsgüter als Gartendeko benutzt“, regt sich Livio auf, zeigt auf ein imposantes Tor, hinter dem sich ein Blick auf einen Sarkophag erhaschen lässt, und fügt hinzu: „Neubauten sind mittlerweile nicht mehr zulässig.“

Das ist vor allem dem 1921 geborenen Journalisten Antonio Cederna zu verdanken. Er hat sich mit zahlreichen Artikeln sowie als Politiker gegen eine Zersiedlung der Via Appia Antica und für den Erhalt dort verbliebener Kulturgüter eingesetzt. Was letztendlich zur Gründung des Regionalparks Appia Antica geführt hat, der 2018 sein 30-jähriges Bestehen feierte. Ein Archäologiemuseum mit Freizeitwert, in dem die Geschichtsstunde Erholung ist.