Reise

Kannenbäckerland Statt Gaudi und Action lieber Ruhe im wildromantischen Brexbachtal und Tradition im Keramikmuseum Westerwald

Runterkommen darf man wörtlich nehmen

Eine kleine Auszeit vom Alltag: Dafür ist das kleine Örtchen Grenzau im Kannenbäckerland ideal. Gaudi und Action sucht man hier vergebens.

Wohl nur die wenigsten wissen, wo das Kannenbäckerland liegt. Es ist ein Landstrich des Westerwalds, zwischen Koblenz und Montabaur, und nach der Keramikherstellung benannt, die seit dem 15. Jahrhundert dort betrieben wird.

Einfach mal runterkommen. Das darf in Grenzau ziemlich wörtlich genommen werden. Das 100-Seelen-Dorf, ein Stadtteil von Höhr-Grenzhausen, liegt zwar direkt an der Autobahn, aber trotzdem sehr abgeschieden. Und es geht in einer Serpentinenstraße hinunter ins Tal. Schmucke Fachwerkhäuser, liebevoll hergerichtet, zeugen vom Stolz der Bewohner und machen den Charme des Dorfes aus.

Sportbegeisterte kennen Grenzau eher wegen der Tischtennismannschaft Zugbrücke Grenzau, die seit Jahren sehr erfolgreich in der Bundesliga agiert. Deutsche Meisterschaften, Pokalsiege und Europapokalsiege haben die Spieler an der grünen Platte am Olympiastützpunkt bereits geholt.

Dreieckiger Bergfried

Über dem Ort thront weithin sichtbar die Burg Grenzau. Die Ruine ist das Ziel zahlreicher Wanderer. Denn der Westerwald ist als Wanderdestination sehr beliebt. Auf gut markierten und ausgebauten Waldwegen schwingt sich die Strecke in die Höhe. In den Sommermonaten sind die Überreste des im 13. Jahrhundert von Heinrich von Isenburg errichteten Gemäuers mit dem wohlklingenden Namen „Gransioie“ (altfranzösisch für „Großfreuden“) und dem dreieckigen Bergfried zur Besichtigung offen. Im goldenen Herbst bleibt das mächtige Holztor dem Besucher verschlossen. Nicht aber der Ausblick auf die herbstlichen Wälder der Region. Nur wenige Meter von der Burg entfernt darf man am sogenannten „Kaiserstuhl“ auf der kleinen Holzbank die Seele und die müden Beine baumeln lassen.

Wildromatisch sind die Hänge des Westerwalds auch rund um Grenzau. Vermutlich sicherte die Burg die dortige Furt durch den Brexbach, der dem Tal seinen Namen gegeben hat.

Wer dem 22 Kilometer langen Bach vom Rheintal in den Westerwald folgt, durchstreift verwunschene Wälder und passiert so manche ehemalige Mühle. Beliebt bei Wanderern ist der Brexbachschluchtweg, der nicht nur an schroffen Felsklippen vorbeiführt, sondern auch einen weiten Blick auf Rheintal und Eifel ermöglicht.

Tief in die Vergangenheit der Region eintauchen kann man in der Keramik-Stadt Höhr-Grenzhausen. Tonkrüge und Keramik werden dort seit vielen Jahrhunderten hergestellt, der Ton quasi vor der Haustüre abgebaut. Einen spannenden Einblick in die Vielfalt der Objekte erhält man im Keramikmuseum Westerwald.

Auf vier lichtdurchfluteten barrierefreien Ebenen werden die Anfänge der Töpferkunst mit irdenen Gefäßen bis in die Moderne beschrieben. Funde aus römischer Zeit zeugen vom Handel der Menschen am nahen Limes. Selbst Notmünzen wurden in den 1920er Jahren aus Keramik hergestellt.

Von Tradition und Moderne

Viel Raum wird dem graublauen Westerwälder Steinzeug gewidmet. Die salzgasierten Krüge und Vorratsgefäße sind typisch für das Kannenbäckerland. Neben der Gebrauchskeramik zeigen ganz besondere Prunkgefäße von der Renaissance bis zum Jugendstil die Vielfalt an Form- und Dekormöglichkeiten auf. Selbst an den russischen Hof wurde die Keramik geliefert. „Wenn der Zar sein Selterswasser wollte, hat er das in großen Krügen aus der Region bekommen“, erzählt die Museumsmitarbeiterin bereitwillig. Denn: „In den Krügen konnte das Wasser nicht veralgen.“ Nicht zu kurz kommt im Keramikmuseum der moderne Umgang mit dem Werkstoff Ton, von der Anwendung für technologische und medizinische Zwecke bis hin zum künstlerischen Bereich. „Egal was produziert wurde, der Töpfer musste seinen Ofen ganz genau kennen und sein Handwerk verstehen, damit das Produkt gelingen konnte“, erzählt die Mitarbeiterin. Runterkommen geht bei den Kannenbäckern auf ganz verschiedene Weise.