Reise

Salsa lernen in der Filiale des Himmels

Archivartikel

Heiß, ansteckend, herausfordernd: Salsa-Tanzen ist Lebensfreude, es will aber auch gelernt sein. Cali in Kolumbien ist dafür ein gutes Pflaster – und es bietet mehr, als Besucher zunächst erahnen.

Luz Aydé Moncayo klatscht in die Hände. „1-2-3, 5-6-7. Tritt, zurück und schließe“, befiehlt sie und gibt an der Spiegelwand Schritte und Takt vor. „Arme nicht hängen lassen. Kopf nach oben. Schaut euren Partnern in die Augen.“ Luz Aydé lächelt, doch ihre Stimme ist streng. Schon bald rinnt den Tanzschülern der Schweiß von der Stirn. Der Standventilator auf dem blitzblanken Boden sorgt nicht wirklich für Abkühlung. Die Stimmung ist aber gut, die Motivation groß. Schließlich sind einige Kursteilnehmer Tausende Kilometer gereist, nur um in Cali Salsa tanzen zu lernen oder ihren Stil zu verbessern.

Die 2,4 Millionen Einwohner zählende Metropole im Südwesten von Kolumbien ist dafür ein zunehmend beliebtes Ziel. Rund 130 Tanzschulen gibt es laut der Kulturverwaltung inzwischen. „La capital de la salsa“, die Hauptstadt der Salsa, nennt Cali sich selbst. Das mögen andere Städte auch von sich behaupten. Fest steht aber, dass Tänzer aus Santiago de Cali – so der offizielle Name – bei nationalen und internationalen Wettbewerben besonders erfolgreich sind.

Salsa, wörtlich übersetzt Soße, ist eine lateinamerikanische Musikrichtung mit starkem kubanischen und puerto-ricanischen Einfluss, die Anfang der 1960er Jahre in den Latino-Vierteln New Yorks geboren wurde. Ihre Wurzeln hat sie in afrokaribischen Rhythmen wie Son, Rumba, Mambo, Cha-Cha-Cha, Bomba oder Plena. In den USA wurden diese mit Elementen des Jazz und des Folk vermischt.

Mehrere Salsa-Varianten

Als Tanz gibt es verschiedene Stilrichtungen der Salsa – kubanische, puerto-ricanische, kolumbianische sowie Varianten aus New York und Los Angeles. „Was die Salsa Kolumbiens auszeichnet, sind die sehr schnellen Bewegungen von Füßen und Beinen“, erklärt Profitänzer Juan Ángel Ramírez. So verzichtet der „Cali Style“ auf Pausen, stattdessen wird auf jeder Zählzeit ein Schritt gemacht – oder mal eben ein „Repique“, also ein Cha-Cha-Cha, zusätzlich eingebaut.

Es gebe so viele unterschiedliche Schritte, man höre nie auf, zu lernen, erklären Kathrin Weidner und Camilo Montero Daza. Die 33-jährige Apothekerin und der ein Jahr jüngere Elektronik-Ingenieur haben in Cali gelernt und unterrichten „Salsa Colombiana“ in Berlin. Der Tanz sei „Lebensfreude und Herausforderung“ zugleich, sagen sie.

Ihr Können zeigen Tänzer jedes Jahr auch auf der Feria de Cali, einem Volksfest, das vom 25. bis 30. Dezember stattfindet. Höhepunkt ist das Salsódromo, eine Parade der besten Salsa-Schulen. Auf einer Strecke von 1,5 Kilometern präsentieren bis zu 1400 Tänzer ihre Choreographien. An den sechs Tagen finden auch Umzüge mit traditionellen Kostümen und jede Menge Konzerte statt. Die meisten Veranstaltungen sind gratis, Tickets für die kostenpflichtigen Events sind vom 14. Dezember an erhältlich. Ein Abo für das Salsódromo und zwei weitere Umzüge kostet 189 000 Pesos (knapp 50 Euro).

Calis harte Vergangenheit

Kolumbiens nach Bogotá und Medellín bevölkerungsreichste Stadt hat schwere Zeiten hinter sich. Im August 1956 explodierten im Zentrum mehrere Militärlastwagen, die 42 Tonnen Dynamit für den Straßenbau transportierten. Mehrere Tausend Menschen kamen ums Leben oder wurden verletzt, rund 40 Häuserblocks zerstört. Die genaue Ursache ist bis heute unklar, es scheint aber ein Unfall gewesen zu sein. Die erste Feria de Cali sollte dazu beitragen, die Menschen nach der Tragödie aufzuheitern. Sie dauerte 39 Tage. Noch vor rund 25 Jahren machte der Drogenkrieg zwischen dem Cali-Kartell und dem Medellín-Kartell Pablo Escobars (1949-1993) Schlagzeilen. Seit deren Zerschlagung in den 1990er Jahren und dem Friedensabkommen mit der Farc-Guerilla 2016 hat die Sicherheitslage sich auch in Cali stark verbessert. Obwohl Kriminalität in den Großstädten weiter ein Problem ist, haben Wirtschaftswachstum und eine gesunkene Armutsquote dazu beigetragen, Kolumbiens Image deutlich zu verbessern – und immer mehr Touristen anzulocken.

Ein Stückchen Himmel auf Erden

Für die stolzen Caleños ist ihre Stadt, die von einer 26 Meter hohen Christus-Statue bewacht wird, sowieso „la sucursal del cielo“, die Filiale des Himmels. So wird sie auch im Lied „Cali pachanguero“ gepriesen, mit dem die Salsa-Band Grupo Niche der Metropole ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. „Cali es Cali, lo demás es loma“ (Cali ist Cali, alles andere sind Hügel), heißt es da selbstbewusst.

Auch dem 2012 verstorbenen Bandgründer und Sänger Jairo Varela ist ein Monument gewidmet: Es besteht aus einer überdimensionalen Posaune, die vor einem nach Varela benannten Salsa-Museum nahe dem Rathaus steht. Von dort lassen sich gut einige der Sehenswürdigkeiten der durchaus grünen Stadt rund um den Bulevar del Río erkunden, einer aufwendig sanierten Flaniermeile am Fluss Cali.

Dazu zählen die neogotische Kirche La Ermita, die Kater-Skulptur des örtlichen Künstlers Hernando Tejada, das Theater Jorge Isaacs und der Park der Poeten. Auf liebenswürdige Art aus der Zeit gefallen wirken dort die „escribanos“: Unter Sonnenschirmen sitzend, verfassen sie auf alten Schreibmaschinen für wenig Geld alles vom Liebesbrief bis zum Kaufvertrag. Nur wenige Kilometer entfernt geht es hoch ins Viertel San Antonio mit seiner Kirche aus dem 18. Jahrhundert sowie charmanten Restaurants, Cafés und Patios in Häusern im Kolonialstil. Von dort hat man auch einen weiten Ausblick auf Cali.

Eine Stadt, die man sich erschließen muss

Eine Liebe auf den ersten Blick ist Cali nicht. Sie schafft es aber, Besucher in ihren Bann zu ziehen. Für die einen liegt es am pulsierenden Nachtleben, für andere an der Lebensfreude der Bewohner. „Die Menschen sind einfach authentisch“, sagt Marlene Reißing, 25, eine Psychologiestudentin aus Berlin, die zum Salsa-Unterricht nach Cali gereist ist. „Sie sind aufmerksam, interessiert und freuen sich, dass du da bist. Es entstehen Kontakte und man hat das Gefühl, die Menschen kennenzulernen.“ Andere lernen in Cali auch Spanisch. Luz Aydé, die zweifache kolumbianische Salsa-Meisterin ist, hat für den Tanz ihren Beruf als Systemtechnik-Ingenieurin aufgegeben und vor 20 Jahren im Viertel San Fernando eine Akademie gegründet. Diese zieht inzwischen nicht nur Amerikaner, Deutsche, Spanier und Japaner an, sondern fördert auch Kinder aus armen Familien Calis.

Ein Hauch Karibik

Dass die Salsa ausgerechnet in Cali eine so große Rolle spielt, mag zunächst verwundern. In rund 1000 Metern Höhe im Tal des Cauca-Flusses gelegen, gehört die 1536 vom spanischen Eroberer Sebastián de Belalcázar gegründete Stadt zur gebirgigen Anden-Region. Dennoch muten die Atmosphäre der Stadt und ihre gastfreundlichen wie feierlustigen Einwohner zuweilen karibisch an. Das hat historische Gründe, wie der Anthropologe und Salsa-Experte Alejandro Ulloa erklärt: Wie auch in Teilen der Karibik gab es im Cauca-Tal große Zuckerrohr-, Kakao- und Tabakplantagen, auf denen die spanischen Kolonialherren Sklaven aus Afrika schuften ließen. Noch heute zählt Zuckerrohr zur Herstellung etwa von Aguardiente-Schnaps, Rum und Bioethanol zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Tals.

Das menschenverachtende System der Sklaverei brachte die afrikanische Kultur in die Region. „Und am ausdrucksstärksten sind dabei die Musik und der Tanz“, schreibt Ulloa. Hinzu kam im 20. Jahrhundert eine sehr starke Migrationsbewegung von der nahe gelegenen Pazifikküste.

Buenaventura, der wichtigste Hafen des Landes, ist nur rund 120 Kilometer entfernt. Heute gilt Cali im Land als die Großstadt mit dem größten Anteil afrokolumbianischer Bevölkerung. Auch das stets warme Klima - die Durchschnittstemperatur liegt bei rund 24 Grad – trägt gewiss zum karibischen Ambiente bei. Und dazu gehört auch die Salsa. Anfangs war sie, auch wegen der oftmals sozialkritischen Texte, eher bei der ärmeren Bevölkerung beliebt. Doch heute wirkt sie wie ein einendes gesellschaftliches Element. Ob im Taxi, im Supermarkt oder im Park: Salsa wird überall gehört - und bei jeder Gelegenheit auch getanzt. „Du wächst mit der Salsa auf, sie ist Teil deines Lebens und gehört zum Klang der Stadt dazu“, sagt Claudia Gómez, eine aus Cali stammende Anwältin, die überaus gerne Tanzen geht. „Azotar baldosa“ nennen das die Caleños. Es bedeutet auf Spanisch so viel wie „den Boden prügeln“.

Revuen und Salsa-Clubs

Wie spektakulär der Cali Style aussehen kann, erleben Besucher auch in der Revue „Delirio“, die einmal im Monat in einem riesigen Zirkuszelt außerhalb der Stadt gezeigt wird. In der mehrstündigen Show treten bis zu 200 professionelle Tänzer und Artisten auf. Etwas preiswerter und ebenfalls farbenprächtig ist das „El Mulato Cabaret“ in der Innenstadt. Sonntags lädt das Theater zum Tanzen ein. Gelegenheit dazu geben auch die zahlreichen Salsa-Clubs der Stadt. Einer der beliebtesten ist „La Topa Tolondra“. Der Eingang ist eher unscheinbar, auch drinnen wirkt das Lokal schlicht: Karierter Fußboden, rot gepolsterte Hocker. Ein großes Wandbild in Anlehnung an Leonardo da Vincis „Abendmahl“ zeigt 13 Salsa-Größen. Gespielt wird Salsa der 1970er Jahre, donnerstags gibt es Livemusik.

Auch andere populäre Salsa-Lokale kommen unprätentiös daher und begeistern dafür mit ihrer Atmosphäre. Hört man sich in der Szene um, fallen oft dieselben Namen: „El Rincón de Heberth“, „Tintindeo“, „Zaperoco“, „Malamaña“, „La Caldera del Diablo“. Salsa-Schüler sind dort auch oft anzutreffen. Berührungsängste mit den Caleños müssen sie nicht haben, diese geben gerne Tipps und zeigen sich geduldig, wenn es noch nicht so klappt. Es sei alles bloß eine Sache der Übung, versichert Tanzlehrerin Luz Aydé. Ihr Motto lautet: „Entran como troncos y salen como trompos“. Will heißen: Selbst wenn sie anfangs so ungelenk wie ein Baumstamm daherkommen, irgendwann sind ihre Schüler auf der Piste so flink wie ein Kreisel.