Reise

Schatten über goldenem Land

Archivartikel

Der Tourismus in Myanmar leidet unter dem weiter schwelenden Rohingya-Konflikt – dabei ist eine Rundreise zu den jahrtausendealten Pagoden oder in die StelzenDörfer vor allem eins: ein unvergesslicher Besuch im Reich der Hunderttausend Buddhas.

Das ganze Haus ist kaum spürbar in Bewegung, ächzt und wankt im sanften Wellengang, wenn wieder ein schlankes Teakholzboot mit seinem 25-PS-Motor vorbeiknattert. U Moe So hat seine geräumige zweistöckige Bambus-Hütte mit dem silbrig glänzenden Wellblechdach vor fünf Jahren auf Stelzen in den Inle-See gebaut. Als Alterssitz. Wie seine Intha-Vorfahren. Wie zigtausend andere, die früher vom Fischfang lebten und heute vom Lohn jener Touristen, die es zu den Abertausenden Pagoden und Buddhastatuen nach Myanmar zieht.

Weißes T-Shirt, den Sarang elegant um die Hüfte geschlungen, den Kopf kahl rasiert: „Mingelaba“, sagt er und lächelt. Herzlich willkommen. Der 70-Jährige empfängt die Besucher im Schneidersitz vor dem Buddhaschrein der Familie. Noch vor 20 Jahren hat er im Inle-See Karpfen, Schlangenkopffisch und Aal gefangen. Nicht nur die besseren Einnahmen durch den Tourismus haben ihn zu einem Taxibootfahrer werden lassen. Auch der Zustand des See hat ihn damals umsatteln lassen. Rund 200 000 Menschen wohnen in und um den 22 Kilometer langen See, der langsam immer schmaler wird und heute nur nach acht statt einstmals elf Kilometer breit ist. Im Sommer, wenn der Pegel fällt, kann man an manchen Stellen durchs hüfthohe Wasser laufen. Und auch die schwimmenden Gärten - einen Meter hoch, einen Meter breit und 20 Meter lang – die die Touristen mit ihren Tomaten, Bohnen und Flaschenkürbissen schwer beeindrucken, sind für das biologische Gleichgewicht des Sees nicht ohne: Ihr Dünger verschlechtert die Wasserqualität.

Moe So und seine 61-jährige Frau My Int stört das wenig. Sieben ihrer 13 Kinder leben vom Tourismus, und das Geschäft lief schon mal besser. Mag Su Mon, die junge gebildete Reiseleiterin, auf der Fahrt zum Ayearwaddy-Fluss ins atemberaubende Bagan mit seinen zum Teil 2200 Jahre alten 3500 Pagoden (eine einstündige Fahrt in den Sonnenaufgang mit dem Heißluftballon lohnt, kostet aber 380 Euro pro Person) oder zur überirdisch-golden strahlenden Shwe-Dagon-Pagode in Yangon noch so sehr den Flüchtlingskonflikt mit den Rohingya kleinreden und Nachfragen wortreich wie abenteuerlich mit Hinweis auf eine ausländische Verschwörung umschiffen: 2017 sank die Touristenzahl um 37 Prozent. Die Zeiten, in denen 100 000 Besucher allein aus Deutschland kamen, scheinen vorerst vorbei.

Moe So sieht das mit Sorge. Er bezieht keine Rente, vertraut auf das Ersparte und seinen Kindern. Dennoch: Das Dörfchen Pauk Par und der See, auf dem die Einbein-Fischer ihre grandiosen Kunststücke zeigen, um ein paar Kyat-Scheine von den Touristen zu ergattern, sind sein Leben. Dort, wo man grüne Zigarren mit Anis- oder Honigaroma dreht und Papier aus Maulbeerbaumrinde schöpft, wo Familien Lotus zu Seide verarbeiten. „Ich weiß nicht, wie ich an Land leben soll“, sagt er. Mehr stolz als ratlos. Dort, wo sich jedes Dorf unter das berauschende Gold der Pagoden schmiegt.

Im nahen Ngapae-Chaung-Kloster stoßen sie mit dicken hölzernen Stangen die Glocke – ein Gong für jede gute Tat. Unter Tausenden goldenen Kugeln verbergen sich Buddha-Statuen, denen die von den Gläubigen aufgeklebten Goldblättchen die letzten Umrisse nehmen. In langen Reihen ziehen junge Mönche frühmorgens mit ihren Essensschalen von Haus zu Haus, um sich ihre Ration abzuholen. Würdige Bettler. In der Shwe-Dagon- Pagode sitzen sie und lesen rund um die Uhr drei bis fünf Tage monoton aus den 16 000 Seiten der Lehre Buddhas.

Myanmar ist ein goldenes Land. Die Schatten sieht der Tourist nicht.

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