Reise

Schickes aus Fischleder

Auf der „ManufakTour“ in Mecklenburg öffnen 20 Werkstätten ihre Türen für Touristen, manche auch zum Mitmachen. Ein Besuch bei besonderen Handwerkern.

Der stilbewusste Stargeiger David Garrett lässt seine Bühnenboots in Mecklenburg fertigen – bei Kay Gundlack. Der „Paganini der Schuhdesigner“ (Zitat Garrett) sorgt auch bei Thomas Gottschalk, Katja Flint und Florian Silbereisen für den richtigen Auf-Tritt. In der Parchimer Manufaktur sind ungewöhnliche Leder- und Farbkombinationen mit dem Komfort eines Maßschuhs zu sehen. Weil der Handwerker auch in der Schweiz, in Frankreich und sogar im klassischen Schuhland Italien Maß nimmt, bringt er internationalen Glamour auf die „ManufakTour“. Die neue Tourismusroute in Mecklenburg verbindet 20 Werkstätten, die traditionelles Handwerk betreiben und Urlauber zum Mitmachen einladen.

In der Mitte zwischen Hamburg und Berlin, am Marktplatz von Parchim, fertigt der gelernte orthopädische Schuhmachermeister Gundlack vier bis fünf Paar Schuhe pro Woche mithilfe eines Gesellen. Auf Wunsch besorgt der bodenständige 45-Jährige Leder aus der ganzen Welt, ist selbst oft auf Reisen, um anzumessen. Auch nach 13 Jahren Selbstständigkeit fasziniert ihn, dass Kunden – 60 Prozent sind Männer –nach Mecklenburg kommen, um ein Paar Schuhe von ihm zu kriegen. Und er hat „Megaspaß“, wenn ein Promi sagt: „Bau mir was Cooles.“ Seine kostbare Maßarbeit aus Boxcalv, Nappa, Ziegen-, Känguru-, Pferde- oder Fischleder, rahmengenäht, oft mit Applikation kostet ab 1600 Euro pro Paar. Wenn er vor Ort ist, können Touristen mit dem netten Chef plaudern, im Laden die vielen Widmungsfotos der Promis samt dem Barschrank mit Spirituosen bestaunen und einen Blick in die Werkstatt werfen. Vielleicht liegen dort angefangene Boots für Garrett, den „Teufelsgeiger“, – mit Totenkopf-Niete. Auch Ramona Stelzer lässt sich über die Schulter gucken bei der Arbeit in ihrer Manufaktur in der Wismarer Fußgängerzone. Die aus Munderkingen bei Ulm stammende Goldschmiedemeisterin hat in der Hansestadt noch Produktdesign studiert und dort ihre Liebe zum Fischleder entdeckt. Das hängt heute in ihrem Laden, darf angefasst und berochen werden: gegerbte und gefärbte Häute von Scholle (dünn), Barsch (samtig), Lachs (wie Krokodilleder), Papageienfisch (großmustrig) oder der meistverkaufte und teuerste: Rochen. „Ich möchte den Leuten das Ekelgefühl nehmen und sie für Fischleder sensibilisieren“, sagt die 34-Jährige. Beliefert wird sie von Gerbern aus Island und dem Bayerischen Wald. Durch das uralte Handwerk werden die Häute haltbar, elastisch und geruchlos gemacht. In Ringen, Halsketten und Armbändern kombiniert Stelzer die Fischhaut meist mit Silber und Gold. Verkaufsrenner sind Ohrstecker.

Selbst schrauben und tüfteln dürfen Laien und Sammler in den Seminaren von Hans-Joachim Dikow in Schwerin. „De Klockenschauster“ (Plattdeutsch für Uhren zusammenschustern) hat nicht nur alte Glashütte-Uhren aufgearbeitet, sondern auch ein eigenes Armband-Modell gebaut, benannt nach den Obotriten, einem slawischen Herrscherstamm in Schwerin. In dem engen Altstadtladen tickt es zuhauf, von der Kuckucksuhr bis zur antiken Standuhr. Der 65-Jährige hält auch Uhrenbörsen ab. Und weil in Mecklenburg mehr als 100 Kirchturmuhren stillstehen, hält er Vorträge für Sponsoren. Mit den bisherigen Spenden können zwei Uhren pro Jahr repariert werden bei Kosten von bis zu 15 000 Euro pro Stück.

Die Zifferblätter seiner Uhren lässt Dikow von Carola Freriks gravieren, deren Manufaktur schräg gegenüber liegt. Die Graveurmeisterin verziert von Hand Bestecke und Blechblasinstrumente, Kugelschreiber und Kerzenständer, Siegerpokale und Serviettenringe. Sogar Gravuren auf Getriebedeckeln chromglänzender Motorräder sind gefragt. Eines ihrer Lieblingsstücke war eine 300 Jahre alte Taufschale mit den gravierten Namen aller Täuflinge einer Familie, die sie mit dem jüngsten Nachwuchs aktualisierte.

Filigran sind auch die Porzellanmalereien, die Kerstin Behrens aufträgt. Ihren Betrieb in Sukow bei Schwerin hat die Meisterin aus der Meißner Schule „erste mecklenburgische Porzellanmanufaktur“ genannt. Sie liebt Ostsee-Motive. Im Atelier stehen nicht nur Tassen mit Sägefischhenkeln, aufgemalten Heringen und Seglertassen mit individuellen Bootsnamen, sondern auch ein Schachspiel mit Porzellanfiguren nach dem plattdeutschen Märchen „Von dem Fischer und syner Fru“ mit Titelpaar, Leuchtturm, Möwe und Butt. Im liebevoll ausgebauten Eichenhof in Pichen bei Ludwigslust webt und töpfert das Ehepaar Kat und Alexander von Stenglin. Im Backsteinbau zeugen selbst gebaute, mit Fischen und Muscheln verschönte Kachelöfen und Tischlampen mit Keramikfuß von der Töpferkunst des Paars. Den romantischen Garten mit Wald- und Obstbäumen zieren Keramiken etwa in Apfelform oder als dreischaliger Brunnen. Königsblaue Tontöpfe sind blaublütig bepflanzt mit Rosmarin, Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen. Im Garten steht auch das traditionelle Brennhaus für salzglasiertes Steinzeug. Drinnen zeigt die Hausherrin Besuchern, wie sie am Webstuhl pflanzengefärbte Schafwolle zu geometrischen Mustern zusammenfügt.

Das Ehepaar Iris und Norbert Leitholf belebt in der ehemaligen großherzoglichen Residenzstadt Ludwigslust die Tradition der Pappmaschee-Herstellung. Der gelernte Restaurator erzählt Touristen von der mühevollen Wiederherstellung des heruntergekommenen Palais Bülow aus dem Jahr, das die Familie 2012 erworben hat. Im einstigen Wohnsitz des Hofstallmeisters Vollrath von Bülow legte Leithold auch die Pappmaschee-Strukturen frei, die an Decken und Wänden auf Leisten angebracht waren.

Pappe, die vortäuscht, Gold oder Marmor zu sein

Der günstige und leichte Ersatzbaustoff war im 18. Jahrhundert in klammen Fürstenhäusern Europas beliebt, weil er Stuck- und Schnitzarbeiten, Gold und Marmor vortäuschen konnte. Im mächtigen Ludwigsluster Schloss ist diese Art der Raumdeko zu besichtigen. Im Palais können Touristen heute kleine Pappmaschee-Souvenirs auf einfache Weise herstellen: hübsche Rosetten etwa, wie sie zu Bülows Zeiten üblich waren.