Reise

Schleifen lassen

Archivartikel

Die Saar schlängelt sich durch eine grüne Genussregion. Unter Apfelbäumen und zwischen Weinreben zeigt sich der Herbst von seiner schönsten Seite.

Hans-Josef Schneider kann einen schon ein wenig aus der Fassung bringen. „Wissen Sie, was ein saarländischer Adventskranz ist“, fragt der Küchenchef im Luxushotel Schloss Berg, einer ehemaligen Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert mitten in den Weinbergen der Gemeinde Perl an der Mosel. Erwartungsvoll rekelt sich Schneider auf dem Sofa in der Hotellobby. Als kleinen Tipp verrät er, gekochtes Ei mit Maggi gelte als das inoffizielle Nationalgericht des kleinen Bundeslandes. Und des Rätsels Lösung? „Eine Lyoner Fleischwurst mit vier Flaschen Maggi“, freut sich der 60-Jährige. In Saarbrücken gebe es eigens eine Ringstraße namens Lyonerring.

Zu dieser Aussage eines Chefkochs muss man wissen, dass Saarländer wie Norddeutsche als ausgesprochen maulfaul gelten. Es ist fast ein Ereignis, wenn jemand überhaupt so viel sagt. Die Worte ihres Dialektes haben selten mehr als drei Buchstaben. „Unn?“ muss als Grußformel in nahezu allen Lebenslagen ausreichen. Als Antwort folgt meist ein lang gezogenes „Ei, jo“. Da ist es wieder, das Ei.

Jemand hat mal ausgerechnet, die Größe des Saarlandes entspreche der Anbaufläche für Schlafmohn in Afghanistan. Das kann man nun groß oder klein finden. Jedenfalls segelt das Ländchen beständig unter dem Radar der restlichen Republik und stellte trotzdem den DDR-Chef Erich Honecker und aktuell drei Bundesminister. Hier hat man mehr Autos und Häuser als anderswo in Deutschland. Man sollte sich nicht von der gemütlichen Zurückhaltung der Saarländer täuschen lassen. In Wahrheit ist gerade der äußerste Westen, wo es nur einen Katzensprung nach Luxemburg oder Frankreich ist, eine lebenswerte Genussregion. Und eine grüne, ganz anders als das Image verfallener Industriebrachen erwarten lässt. Und den Wein brachten wohl schon die Römer mit.

„Hier macht man es sich tatsächlich schon seit 2000 Jahren gemütlich“, sagt Bettina Birkenhagen. Die Archäologin hat ihren Arbeitsplatz nur ein paar Kilometer weiter auf einer großen Lichtung im Wald bei Borg. Hier ist an der alten Römerstraße von Trier nach Metz in den letzten Jahren die größte Rekonstruktion einer römischen Villa rustica entstanden – weltweit. Rustikal ist hier allerdings wenig: In der Küche stehen vier Ofentypen – für Brot, Suppenkessel oder zum Braten und Grillen. Die Fenster im Haupthaus sind zweifach verglast, der Boden ist beheizt. Im Badehaus gibt es Becken für heiß und kalt sowie bunte Malereien an den Decken. „Der Lebensstandard war phasenweise wirklich enorm“, sagt Birkenhagen. Und erst ein Drittel der Anlage sei ausgegraben. Wer der Rekonstruktion nicht glaubt, den schickt Birkenhagen nach Nennig. Dort ist unter einem Schutzbau ein großes Mosaik am originalen Fundort erhalten. Zu sehen sind Musikanten beim Spiel, Jagdszenen und wilde Tiere - antiker Luxus im Saarland.

Und dann muss man sich von der „Maria Croon“ schleifen lassen. Zwar erinnert das kantige Fahrgastschiff mit seinem Namen heute die meisten wohl eher an einen angestaubten Weinbrand als an die moselfränkische Schriftstellerin. Doch eine Fahrt von der Keramikstadt Mettlach – der Heimat von Villeroy & Boch – in die grüne Welt der Saarschleife muss einfach sein. Gemächlich schlängelt und windet sich der Fluss durch das ganze Ländchen. Wie im Karussell tuckert die „Maria Croon“ in einer 270-Grad-Kurve den Fluss entlang durch tiefgrünen Wald.

Hoch über dem Fluss liegt die Cloef, der fraglos bekannteste Aussichtspunkt des Saarlandes. Wer noch weiter nach oben strebt, der kann seit 2016 auf dem Baumwipfelpfad bei nur sechs Prozent Steigung in sechs Runden 40 Meter auf den Aussichtsturm aus Stahl und Holz hinauf spazieren.

„Genuss hat viele Gesichter“, sagt zurück im Schloss Berg Hans-Josef Schneider und schwärmt von Gefilde und Geheirate, von Lyonerpfanne oder Dibbelabbes. Es wäre von einem Saarländer zu viel verlangt, das alles zu erklären. Jedenfalls ist es deftig, denn die Bergleute und Stahlkocher hatten früher großen Hunger. „Und es muss immer eine Flasche Maggi zur Hand sein“, scherzt Hans-Josef Schneider.

Jeder Saarländer verbraucht rund einen Liter der Würzsoße im Jahr – das Doppelte des Bundesdurchschnitts. Für einen Koch ist die Gegend trotzdem ein utes Pflaster. Schließlich lautet das saarländische Glaubensbekenntnis: „Hauptsach, gudd gess.“