Reise

Schnee und Schiefer

Auf Weltreise in Osttirol: Die Region ist vielfältig und bietet Eislandschaften, eine kleine Sahara und sogar Südseefeeling.

Als Kolumbus Amerika entdeckte, wuchs hier bereits eine kleine Lärche. Heute hat ihr Stamm einen Umfang von rund siebeneinhalb Metern. Und sie ist in die Höhe gewachsen. Baum der Mitte nennen die Einheimischen die Pflanze. Seit 1973 ist sie Naturdenkmal. „Der Baum ist zwischen 500 und 600 Jahre alt“, sagt Eva-Maria Wolsegger, 26-jährige Rangerin im Nationalpark Hohe Tauern.

„Auf Weltreise in Osttirol“, mit diesem Konzept versucht die Region, Besucher anzulocken. Nicht so teuer wie eine Tour rund um den Globus sei das. Und der ökologische Fußabdruck sei auch besser. Zudem böten Osttirol und der Nationalpark Hohe Tauern einiges an Sehenswürdigkeiten, die mit beliebten Urlaubszielen vergleichbar wären. Eislandschaften wie in der Antarktis, einen Gletscherfluss wie in Alaska, eine Steinwüste wie die Sahara, Südseefeeling und vieles mehr.

Den Lärchenwald im Zedlacher Paradies vergleichen die Osttiroler mit den Mammutbäumen im amerikanischen Sequoia-Nationalpark. Zwar sind die Lärchen deutlich jünger und nicht mal halb so hoch wie ihre Vorbilder, dennoch beeindrucken sie Besucher.

Der Weg führt über weichen Waldboden zwischen den Bäumen hindurch 300 Höhenmeter bergauf, bergab. Vögel wie Wiedehopf, Dreizehenspecht und Neuntöter haben hier ihr Zuhause. Rinder und Pferde grasen im Schatten der Wipfel. Glocken bimmeln an ihren Hälsen. „Das ist eine der bekanntesten, wenn nicht gar die bekannteste, Lärchenweide Osttirols“, weiß Wolsegger.

Unten im Tal rauscht die Isel. Sie ist der größte naturbelassene Gletscherfluss der Alpen und entspringt auf einer Höhe von rund 2400 Metern dem Umbalkees, einem Gletscher in der Venedigergruppe. Nach wenigen Kilometern stürzt er in mehreren Kaskaden über die Umbalfälle ins Tal. Die Gischt spritzt bis auf den malerischen Wanderweg, der oberhalb der Fälle entlangführt. Mehrere Abzweige zu Aussichtsplattformen ergänzen den Weg. Über Jahre hinweg wollte ein Energieversorger oberhalb der Fälle ein Wasserkraftwerk errichten und das Wasser in ein Nachbartal ableiten. „Gott sei Dank ist das verhindert worden“, sagt Wolsegger. Weiter unten im Tal, zwischen Matrei und der Mündung in Lienz, fließt die Isel schon sanfter, aber immer noch wild und wellig genug für Rafting-Touren. Je nach Pegelstand steuert Bootsführer Werner sein Boot schon mal durch ein bis anderthalb Meter tiefe Wellentäler. Erst gegen Ende des Sommers, wenn Schnee- und Gletscherschmelze enden, wird es ruhiger auf dem Fluss.

Trocken statt nass ist es im Dürrenfeld in der Granatspitzgruppe zwischen Venedigergruppe im Westen und Großglockner im Osten. Der Nationalpark Hohe Tauern wirbt im Rahmen seines Weltreise-Konzepts mit einer eigenen Wüstenlandschaft. Früher war hier mal ein Gletscher. „Aber der ist schon lange weg“, erklärt Wolsegger. Zurück blieb eine Steinwüste aus Bündner Schiefer. Wolsegger nimmt einen dünnen Stein in die Hand und zerbröselt ihn: „Was hier als Sand zwischen den Steinen liegt, ist zerbröselter Schiefer, den der Wind ablagert.“

Diesen Juni sieht das Dürrenfeld allerdings nicht nach Sahara aus. Schnee liegt in der Wüste. Zumindest in weiten Teilen. Darauf: eine feine, rötliche Schicht. Wüstensand vom großen Bruder Sahara. Über dem Dürrenfeld lockt das Gipfelkreuz der Kendlspitze. Wer den Aufstieg durch die Wüstenlandschaft nicht scheut, wird mit einem Ausblick auf ein grandioses Bergpanorama belohnt.

Allerdings erfordert bereits die Wanderung ins Dürrenfeld eine gute Kondition. Selbst, wer mit der Bergbahn auf die 2405 Meter hoch gelegene Adler-Lounge gefahren ist, ist mehrere Stunden zu Fuß unterwegs, bis er das Dürrenfeld erreicht. Festes Schuhwerk, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung. Bergführer Michael Amraser stapft auch im Frühsommer Spuren für seine Kunden in kleine Schneefelder, die noch auf dem Weg liegen.

Auf dem Rückweg zeigt Rangerin Wolsegger auf einen kleinen, schwarzen Punkt, der über der nahen Blauspitze kreist. Mit einem Mal schießt der Punkt herab und verschwindet hinter dem Gipfel. „Ein Steinadler“, erläutert Wolsegger, „der Bartgeier macht keinen Sturzflug.“ Der Adler ist einer der Big Five der Alpen. Was den Afrika-Reisenden Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel sind, sind für Alpentouristen Gämse, Steinbock, Murmeltier, Steinadler und Bartgeier. Die Ranger des Nationalparks bieten eigens Safaris an, um die Wildtiere in freier Natur zu beobachten. Ganz, wie es sich für Weltreisende gehört.

Selbst eine Art tropische Gewässer bieten die Osttiroler ihren Gästen. Auf 2700 Metern läge eine Seenlandschaft mit feinen Sandstränden. Allerdings sei die Wassertemperatur doch niedriger als in der Südsee, räumen die Osttiroler ein.

Und dann ist da noch das ewige Eis, insbesondere das Gletscherplateau am Großvenediger. Der Nationalpark vergleicht es mit den Eisfeldern in der Antarktis. Zumindest, solange die Gletscher trotz Klimawandel noch nicht verschwunden sind. Auch ein Grund, beim Urlaub auf den ökologischen Fußabdruck zu achten.