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Schön wild

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Die Kanareninsel El Hierro besticht mit grandioser Landschaft, die man am besten beim Wandern erlebt. Weiteres Plus: Die Bewohner setzen auf nachhaltige Energiegewinnung.

Wer die wildeste und einsamste der Kanarischen Insel besucht, kommt mit dem Schiff oder Flugzeug, so wie die Reisegruppe aus Deutschland. Die Wandervögel möchten die Einzigartigkeit El Hierros entdecken. Ihre Reiseleiterin ist Johanna Söhner, die schon lange auf der Nachbarinsel Teneriffa lebt. Nicht weit vom Flughafen drehen sich fünf Windräder. Demnächst sollen sie den kompletten Strombedarf der Inselbewohner decken. In der kargen Landschaft liegt ein alter Vulkankrater, den Windenergie mit Wasser aus einem tiefer gelegenen Speicher füllt. Bei Windstille wird es wieder abgelassen und treibt große Turbinen an. Auf das Dieselkraftwerk will man lieber heute als morgen verzichten.

Auf dem Weg ins Golfo-Tal im Westen der Insel wird die Hauptstadt Valverde passiert. Sie hat nur etwas mehr als 1500 Einwohner. „Es gibt kaum Geschäfte“, erzählt Johanna Söhner auf der Fahrt ins fruchtbare Tal. Die Bewohner setzen dazu mit der Fähre auf die Nachbarinseln über. Nahrungsmittel wie Fisch, Fleisch, Käse, Honig, Obst, Wein und jüngst auch Olivenöl gibt es auf der rund 270 Quadratkilometer großen Insel, und zwar in bester Qualität.

Wie viele Menschen auf El Hierro leben, weiß sie nicht genau, gemeldet seien etwa 11 000. Rund 7000 Herreños sollen dauerhaft auf der vom Atlantischen Ozean umgebenen Insel leben, die seit 2000 Biosphärenreservat der Unesco ist. 2014 hat die etwa eine Million Jahre alte Vulkaninsel, die jüngste unter den sieben kanarischen Hauptinseln, die Auszeichnung Geopark durch die Unesco erhalten und ist in die Liste von rund 60 Regionen in Europa aufgenommen worden, die außergewöhnliche geologische Bedingungen aufweisen.

Die Gegend um die Mini-Hauptstadt verbindet ein nur wenige Jahre alter Tunnel mit dem Golfo-Tal, das durch einen Erdrutsch entstanden ist. Die Straßen El Hierros sind gut in Schuss und in einer knappen halben Stunde ist La Frontera erreicht, neben Valverde und El Pinar im Süden die dritte Gemeinde der Insel. Den besten Blick über La Frontera und das Tal bietet das El Mirador de La Peña, ein Aussichtspunkt und Restaurant. Hier oben fällt die Steilküste fast 700 Meter senkrecht ins Meer hinab. Die Felswände sind von einer abwechslungsreichen Flora bedeckt, Moose, Farne und Steinpflanzen locken die Besucher an den Rand des Abgrunds. Man hört Ausrufe wie „Ganz schön steil“ und das Donnern der Wellen, die mit ihrer Kraft über Jahrhunderte bizarre Formationen erschufen wie beispielsweise die Roques de Salmor.

Vom Panoramarestaurant bietet sich ein freier Blick auf die Felsengruppe, auf der die endemische Kanareneidechse ungestört lebt. Denn die Kraft des Wassers trennte einst die Felsen vom Festland ab. Im spärlich besiedelten Tal gibt es – durch Vulkanaktivität und Wellen erschaffen – ein Naturschwimmbecken, eine der wenigen Bademöglichkeiten auf der Insel. Das türkisfarbene Wasser lädt zum Abtauchen ein. In der Nähe treffen sich ein paar Männer in einer kleinen Bar. Sie reden gerne – auch über ihr Leben, das hier nicht immer einfach ist. Als im Herbst 2011 an der Südspitze ein Unterwasservulkan im Meer ausbrach, blieben die Touristen weg. Heute ist das Tauchgebiet um La Restinga so artenreich wie lange nicht mehr und beliebt bei Tauchern und Schnorchlern.

Auf den Malpaso, den höchsten Gipfel im Zentrum der Insel: Es ist Glück, dass die Wanderung bei strahlendem Sonnenschein stattfindet. Los geht es vom Parkplatz am Cruz de los Reyes und hinauf auf den Bergkamm in mehr als 1000 Meter Höhe. Johanna Söhner erklärt: „Der Kamm wirkt wie eine Wetterscheide, denn die Passatwolken bleiben an der Nordseite hängen und regnen sich über dem Golfo-Tal ab.“ Die Lorbeer- und Gagelbaumwälder entziehen den Wolken ebenfalls Feuchtigkeit. Sie seien eine

Art Wolkenmelkmaschine, erläutert die Wahl-Spanierin den Prozess, der zur Bewässerung des Bodens beiträgt. Er dankt es mit einer Vielzahl an Farnen, Moosen und Efeu und erschafft einen mystischen Märchenwald. An den Südhängen gedeihen dichte Pinien- und Kiefernwälder. Mit zunehmender Höhe nehmen die kargen, schwarz-braunen Lavafelder zu. Jeder Schritt knirscht unter den Wandersohlen – ein bisschen wie auf festem Schnee. Nach knapp zwei Stunden taucht der Sendemast des Gipfels auf. Der wolkenlose blaue Himmel gewährt atemberaubende Weitblicke: im Norden nach La Palma, in Richtung Nordosten nach La Gomera und weiter bis Teneriffa mit dem Gipfel des Pico del Teide, der 3718 Meter hoch ist.

Nur im Windschatten der Büsche lässt es sich ganz gut aushalten – denn der Wind braucht keine Atempause.