Reise

Schottlands verkannte Ecke

Nahe Edinburgh liegt ein Juwel, das Besucher oft links liegen lassen. Dabei ist East Lothian einer der schönsten und traditionellsten Landstriche Schottlands.

Als die renommierte Londoner „Sunday Times“ das Städtchen North Berwick 2017 zum „best place to live in Scotland“, also zum Ort mit der höchsten Lebensqualität in Schottland kürte, waren die Einwohner in typisch britischem Understatement „delighted“, also erfreut. Überrascht hat es sie nicht. Denn das pittoreske Seebad an der Ostküste ist nicht nur eine der hübschesten Ortschaften in Schottland, es hat auch exzellente Schulen, eine gute Infrastruktur und – angesichts seiner Lage direkt am Meer – einen hohen Freizeitwert.

150 000 Tölpelpaare brüten auf dem Bass Rock

„Segeln, Kajak fahren, Golfen und Wandern sind nur einige von vielen Möglichkeiten, seine Zeit aktiv zu verbringen“, schwärmt Caitriona Spencer, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern von der Metropole Edinburgh hierher aufs Land gezogen ist. „Dazu kommt, dass das Wetter hier deutlich sonniger ist als in anderen Regionen“, fügt sie hinzu. Statistisch ist East Lothian tatsächlich der Landstrich in Schottland, in dem es am wenigsten regnet. Touristen aus dem Ausland verirren sich trotzdem nur selten hierher. Zu stark ist die Anziehungskraft, die von den Highlands ausgeht. Sie wollen zum legendären Loch Ness, nicht ahnend, dass die Landschaft dort in Wirklichkeit ziemlich öde ist; zum berühmten Eilean Donan Castle an der Westküste, das die Titelseite vieler Reiseführer und Bildbände ziert, wo es aber leider gern und viel regnet. Und so starten die meisten Schottland-Besucher von den Flughäfen in Edinburgh oder Glasgow aus direkt in den Norden und verpassen so den schottischen Verwaltungsdistrikt East Lothian südöstlich von Edinburgh. Schade! Denn dieser ist wild und lieblich zugleich und steht den Landschaften weiter nördlich in nichts nach. Im Gegenteil! East Lothian ist Teil des historischen und kulturellen Zentrums von Schottland und bietet eine Fülle an Sehenswürdigkeiten.

Verwaltungssitz ist die Kleinstadt Haddington im Landesinneren. Für Urlauber besonders attraktiv sind jedoch die Küstenstädtchen Gullane, Aberlady und Dunbar mit ihren oft kilometerlangen, feinsandigen Stränden, allen voran das Seebad North Berwick. Die etwa 40 Kilometer östlich von Edinburgh gelegene Kleinstadt hat eine Zuganbindung an die Hauptstadt und etablierte sich daher bereits im 19. Jahrhundert als Ferienort. Wie Perlen an einer Kette liegen vor North Berwick mehrere Inseln in der Nordsee.

Die imposanteste ist der Bass Rock. Der gigantische Felsklotz aus schwarzem Basalt beherbergt eine der größten Basstölpel-Kolonien der Erde. Über 150 000 Brutpaare finden sich jeden Sommer hier ein, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Vor lauter Tölpeln sieht man dann das dunkle Gestein nicht mehr, und von Weitem wirkt es, als habe es auf dem Bass Rock frisch geschneit. Aber auch Eissturmvögel und die possierlichen Papageientaucher brüten dort.

Shortbread und eine Tasse Tee mit Meerblick

Besucher des Seabird Centre in North Berwick können den Vögeln mithilfe interaktiver Kameras, die auf dem Bass Rock installiert sind, ins Nest gucken, ohne dass die Tiere dadurch beim Brüten gestört werden. Die Hightech-Geräte lassen sich manuell steuern. Nur ein paar sanfte Bewegungen mit dem Joystick, und schon sind die flauschigen Tölpelbabys zum Greifen nah. Für sein museumspädagogisches Konzept hat das Seabird Centre bereits mehrere Preise bekommen. Nach Ansicht von Caitriona hat aber auch das Café eine Auszeichnung verdient. „Dank einer windgeschützten Terrasse kann man bei Sonnenschein fast das ganze Jahr über im Freien sitzen und hausgemachtes Shortbread mit einer Tasse Tee genießen. Herrlich!“

Das Seabird Centre liegt auf einer Landzunge, die von zwei sichelförmigen Sandbuchten eingerahmt wird, der West Bay und der Milsey Bay. Beide laden zu ausgedehnten Spaziergängen und zum Muschelsuchen ein - theoretisch natürlich auch zum Baden. Allerdings wird die Nordsee hier selbst im Hochsommer selten wärmer als 15 Grad Celsius.

Ausdrücklich gelobt wurde North Berwick von den Juroren der „Sunday Times“ auch für seine kleine, aber feine Highstreet. Nur einen Steinwurf von den Stränden entfernt reihen sich hier, geschmückt mit farbigen Wimpeln und Blumenampeln, zahlreiche Boutiquen, Souvenirläden, Kunstgalerien sowie Restaurants und Cafés aneinander. Die besten Fisch- und Hummerbrötchen gibt es beim „Lobster Shack“, einer Imbissbude am Hafen, weshalb sich dort in der Saison mitunter lange Schlangen bilden.

Im Hinterland von North Berwick wechseln sich sanft geschwungene Hügellandschaften mit flachen, fruchtbaren Ebenen ab, in denen im Sommer goldene Getreidefelder und sattgrüne Wiesen dominieren. Bei Wanderungen durch ausgedehnte Waldgebiete, die oft direkt an der Küste liegen, finden Naturliebhaber Ruhe und Entspannung. Catrionas Lieblingsrunde führt von einem Wanderparkplatz beim Schloss Tyninghame durch duftende Kiefernwälder zum sensationell schönen Tyninghame Beach. Selbst in der Saison hat man den Strand, der von imposanten Dünen eingerahmt wird, oft ganz für sich.

In North Berwick sollte man übrigens mindestens einmal bereits bei Sonnenaufgang am Strand sein. Wie ein Scherenschnitt sieht der Bass Rock aus, wenn die Sonne morgens wie ein Feuerball am Horizont auftaucht. Ihr Licht färbt den Himmel erst orange, dann in allen Schattierungen von Lachs, Flieder und Rosa. Wunderbar!