Reise

Schritt für Schritt

Archivartikel

Weitwandern im Schnee in der Tiroler Olympiaregion Seefeld.

Bei der Ankunft strahlt die Sonne, lässt die Schneekristalle wie Spiegel blinken. „Olympiaregion Seefeld, das Sonnenplatzl auf 1200 Metern“ nennt sich die Hochebene nahe der Landesgrenze zu Deutschland. Wettersteingebirge und Seefelder Joch prunken vor reinstem Himmelsblau. Über Nacht aber zieht ein Tief herein. Gute zehn Zentimeter schneit es herunter. Und noch immer wirbelt das weiße Gestöber.

Die Füße voreinander setzen, das muss bei jedem Wetter gehen. Im Langläuferparadies Leutasch, genauer im Ortsteil Schanz, beginnt die erste Etappe. Doch der Schnee fällt in so dichten Flocken, dass die erste Abzweigung glatt übersehen wird. Macht aber nichts, ein Stück geht es an der wenig befahrenen Landstraße entlang.

Im Weiler Unterkirchen hilft eine Bäuerin weiter: „Laufen Sie einfach bis zum Gotteshaus, danach geht links ein Verbindungspfad zum verlorenen Weg.“ Bald ist das blau-weiße Markierungsschild wieder an einem Pfosten zu sehen: neun Kilometer bis zum Ziel. Der fast ebene Weg führt in einen Winterwald mit schwer beladenen Zweigen. Zur Rechten gluckert die Leutascher Ache in ihrem teils überfrorenen Flussbett.

Vor dem Weiler Gasse muss die Landstraße nochmals überquert werden. „Vorsicht, es ist arg glatt“, warnt ein entgegenkommender Wanderer. Zehn Sekunden später schlägt man das erste Mal hin. Unterm Neuschnee ist blankes Eis auf der Straße. Die Schritte werden nun ganz vorsichtig gesetzt. Bald ist Zeit für eine Jause. In „Poli’s Hütte“, urig und gemütlich, gibt es köstliche hausgemachte Strudel und Kuchen.

Dann geht es weiter, doch die Jacken sind bald vom feuchten Gestöber durchgeweicht. Da kommt es gerade recht, dass der Schlenker mit dem Anstieg zum Kurblhang wegen der Schneemassen gesperrt ist. Also einfach weiter ohne große Anstrengung an der Ache entlang bis Leutasch-Weidach, wo die Unterkunft samt Sauna zum Aufwärmen wartet. Draußen schneit es weiter, die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen rieselt es noch immer vom Himmel. Nach dem Frühstück werden „Schuh-Schneeketten“ im Sportgeschäft ausgeliehen. Die elastischen Überzieher sorgen für sicheren Tritt auf jeder Unterlage und lassen einen sorglos ausschreiten.

Der Weg führt vom Skilift in Leutasch-Kreith gemäßigt bergauf erneut in den Winterwald. Vor der Wildmoosalm öffnet sich das Terrain. Die Almgaststätte ist berühmt für ihren Schnapsbrunnen, unter den jeder Gast das Glas halten darf. Auch die Etappe hinauf zum Brunschkopf ist wegen des tiefen Schnees gesperrt, die Ausweichroute auf geräumten Wegen ist aber gut ausgewiesen.

In lockerem Auf und Ab geht es weiter bis zum Möserer See. Gerade bricht die Sonne erstmals durch, legt Glanz über die Landschaft. Also noch eine Extrarunde auf dem schmalen Wanderweg rund um den See drehen, bevor es hinunter Richtung Mösern geht. Von hier aus hat man jenen weiten Blick ins Inntal, den schon Albrecht Dürer auf einem seiner Gemälde verewigte.

Der dritte Tag beginnt mit enzianblauem Himmel. Noch ist es eiskalt, der Atem dampft. Aber die Sonne strahlt und der Schnee glitzert. Der Weg verläuft nach Nordwesten Richtung Buchen. Die „Ropferstub’n“ mit ihrem privaten Bergbauernmuseum im Obergeschoss eignet sich gut für eine Pause. Zur Apfelschorle spielt Albert Gomig auf seiner Harfe auf und macht die Gäste mit sanften Klängen glücklich. Dann geht es weiter durch das „Katzenloch“, das so heißt, weil hier einst viele Luchse unterwegs gewesen sein sollen.

Der schönste Teil der Wanderung beginnt. Schober mit dicken Schneemützen säumen den Weg. Knorrig-skulpturaler Bergahorn mischt sich zwischen das Nadelgehölz. Unter der Kraft der Sonne werfen die Bäume dann und wann ihre Schneelast ab, weiße Fahnen von Kristallen stieben durch die Luft, treiben Schabernack mit den Wanderern, die von oben bis unten eingepudert werden.

Im Weiler Moos endet das Winteridyll. Eine Weile geht es an der Landstraße entlang, dann wird die Leutascher Ache überquert. Der Weg führt Richtung Gaistal weiter. Die letzten vier Kilometer werden zur Herausforderung. Rund 700 Höhenmeter sind hinauf zur Wettersteinhütte auf 1717 Meter zu überwinden. Steil steigt der Weg an, im letzten Stück sogar sehr steil. Aber die Hüttenwirte Beate und Hans Schütz kümmern sich so rührend um ihre Gäste, dass die Erschöpfung bei heißem Tee und Kasnudeln bald vergessen ist. Im letzten Sonnenlicht leuchten die steilen Schründe des Wettersteingebirges grellorange auf. Beate legt fürsorglich eine Wärmflasche unter die Decke. Und Hans schenkt noch einen Enzian als Schlaftrunk aus.

Der Rest der Tour ist geschenkt. Nach zünftigem Hüttenfrühstück geht es mit Siebenmeilenstiefel-Schritten hinunter ins Tal und auf dem ebenen Weg entlang der Ache zurück nach Leutasch-Weidach. Und bald dann auch wieder zurück in den Alltag.