Reise

Schweigende Engel

Steinerne Geschichte in grandioser Parklandschaft: Ein Spaziergang über den Leipziger Südfriedhof.

Eine Führung durch die Parkanlage ist Freude und Leid zugleich. „Ich muss jedes Mal so viel unterschlagen“, klagt Alfred E. Otto Paul. „Unter zwei Stunden bleibt hier kein Rundgang“, sagt der Friedhofsführer und Sepulkralforscher, der sich voll und ganz der Begräbniskultur verschrieben hat und den 132 Jahre alten Leipziger Südfriedhof sehr liebt.

Der 66-Jährige hat zu jedem Grab eine Geschichte parat. Da ist zum Beispiel der Witwer Rüdiger, der 80 000 Goldmark im Lotto gewonnen hatte und seine mit 59 Jahren verstorbene Gattin vom Nordfriedhof auf den Südfriedhof umbetten lassen konnte. Nun steht seit rund 100 Jahren eine junge Frau in Marmor, der das Gewand von der Schulter rutscht. „Ich erforsche diesen Friedhof seit mehr als 30 Jahren und entdecke immer wieder etwas Neues“, sagt Paul und nimmt die nächste Abbiegung im Parklabyrinth. Schweigende Engel, trauernde Jungfrauen, umschlungene Paare, die sich vielversprechend in den Armen halten - im herbstlichen Licht, umrahmt von farbigen Blättern, erscheinen die Figuren noch ein wenig verträumter, als sie die Künstler einst gestaltet haben.

Der Besuch des 80 Hektar großen Parkfriedhofs Deutschlands lohnt sich auch ohne professionelle Begleitung. Schließlich gibt es zahlreiche Bücher und Pläne, die bei der Suche nach Grabstätten Leipziger Persönlichkeiten helfen. So sind hier Namen wie die der Verleger Baedeker und Meyer in Stein gemeißelt, die Künstler der Leipziger Schule Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer sind hier begraben, Zirkusgründer Cliff Aeros und Mundartdichterin Lene Voigt haben hier ihre letzte Ruhe gefunden und auch der deutsche Dirigent Kurt Masur, der im Dezember 2015 verstorben ist.

Lange Zeit wirkte die Grabstelle des einstigen Gewandhaus-Kapellmeisters fast ein wenig verwildert - nur ein einfaches Holzkreuz erinnerte an den Ehrenbürger der Stadt Leipzig. Erst im November 2017 wurde sie neu gestaltet. Der Bildhauer Markus Gläser hatte fast anderthalb Jahre gebraucht, um die Ideen von Masurs Witwe umzusetzen. Stilisierte Orgelpfeifen und japanische Zierkirsche, Friedensgebet auf rostendem Stahl und ein mächtiges Relief des Konzertgroßmeisters: Für Alfred E. Otto Paul ist die Anlage „etwas zu dick aufgetragen“.

Paul kennt natürlich auch die Geschichte der anderen Leipziger Friedhöfe. Von 1278 bis 1883 wurden die Toten auf dem Alten, später auf dem Neuen Johannisfriedhof begraben. Doch die Einwohnerzahl stieg sprunghaft, ein neuer Friedhof musste her. Der Rat kaufte preisgünstig ein neues Areal. Gleich dort, wo 1813 die Völkerschlacht getobt hatte.

1886 wurde der Südfriedhof weit vor den Toren der Stadt geweiht. Doch die reichen Leute bevorzugten weiterhin den Johannisfriedhof, nur die armen brachten ihre Toten auf den preiswerteren Gottesacker. Das änderte sich spätestens 1913, als gleich nebenan das Völkerschlachtdenkmal gebaut wurde. Das Gelände wurde erweitert, immer mehr wohlhabende Leipziger betteten ihre Toten unter schmuckvolle Grabstätten. Nach und nach entwickelte sich der Südfriedhof zu einer der schönsten Parkanlagen, die auch immer wieder Botaniker begeistert - ist sie doch auch Lebensraum für seltene Bäume wie den Ginkgo, den Geweihbaum und den Urweltmammutbaum. Urweltmammut? Paul winkt ab und lacht. „Das ist nicht mein Gebiet.“ Der agile Mann, der Vorsitzender der Paul-Benndorf-Gesellschaft zu Leipzig ist, die sich Kulturwerten im Friedhofswesen widmet, interessiert sich vor allem für die Kunst. Und für die Geschichte hinter den Steinen, die er seit Jahren in Büchern dokumentiert. Stelen aus Granit, Tempel aus Marmor, Friese aus Sandstein, Medaillons aus Bronze – verziert mit Figuren und Skulpturen aus allen Stilepochen. „Wir haben hier mehr als 500 bedeutende Zeugnisse“, sagt er und schätzt: „Wenn ich den Besuchern bei meiner Führung alles zeigen wollte, würde ich 30 Tage brauchen. Schließlich gibt es auf dem Südfriedhof 30 Abteilungen.“