Reise

Schwellenlos durch Israel

Das Land macht es Reisenden mit Einschränkungen leicht. Viele touristische Ziele sind barrierefrei zugänglich. Zu verdanken ist das einem Mann, der sein Schicksal im Rollstuhl nicht akzeptieren wollte.

Reisende im Rollstuhl staunen: An den Gepäckbändern im Flughafen Ben Gurion von Tel Aviv ist jeweils ein Abschnitt mit dem weißen Rollstuhlsymbol auf blauem Grund kenntlich gemacht und für sie reserviert, was im allgemeinen Gedränge durchaus hilfreich ist. Der positive erste Eindruck bleibt keine Ausnahme. An den S-Bahnen nach Jerusalem und Tel Aviv steht Einsteigeassistenz mit einer mobilen Rampe zur Verfügung.

Ähnlich erfreulich das Bild in den´großen Städten: Busse mit integrierten Rampen, abgesenkte Bordsteine, barrierefrei zugängliche Shoppingmalls, Behindertenparkplätze, schwellenlos zugängliche Museen und Galerien, Rollstuhlplanken an den Stränden – überall ist das Bemühen zu erkennen, Menschen mit speziellen Bedürfnissen das Fortkommen zu erleichtern. Das war keineswegs immer so und die Geschichte, mit der die Inklusionsbemühungen des Landes ihren Anfang nahmen, taugt zur Legendenbildung.

Die Vorreiterrolle des Mittelmeerlandes in Sachen Inklusion ist eng mit dem Schicksal eines einzelnen Mannes verknüpft: Yuval Wagner. 1987 war Wagner, gerade 22 Jahre alt, am Ziel seiner Träume angelangt. Er war Helikopterpilot in der israelischen Armee. Aber auf einem Patrouillenflug im Norden des Landes brach der Rotor seines Bell-Cobra-Helikopters. Das Unglück war Teil einer Pannenserie, die seinerzeit weltweit zu Hubschrauberabstürzen mit tödlichen Folgen für die Insassen führte. Wagner war der einzige Pilot, der einen solchen Absturz überlebte. Das Resultat seiner erlittenen schweren Verletzungen war ein Leben im Rollstuhl mit einer Querschnittlähmung, die nicht nur seine Beine, sondern auch die Funktionsfähigkeit seiner Arme und Hände betraf.

Aber er gab sich nicht auf. Er studierte, heiratete, wurde Vater dreier Kinder. Und er stellte fest: Ich kann meine Kinder nicht an den Strand begleiten, ich kann nicht mit ihnen ins Kino gehen, in kein Restaurant, in keinen Park. Israel am Ende des 20. Jahrhunderts war alles andere als barrierefrei. Der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, kam in Form eines lange ersehnten Kurzurlaubs mit der Familie. Das mit Bedacht ausgewählte Hotel erwies sich vor Ort als keineswegs so rollstuhltauglich wie zugesichert. Die Tür zum Badezimmer war zu schmal.

Zwar schaffte das Personal Abhilfe, indem es kurzerhand den Türrahmen ausbrach, aber nach diesem Erlebnis schrieb Wagner einen Brief an den damaligen Präsidenten des Landes, Ezer Weizmann. „Ich bin im Staatsdienst verunglückt und nun werde ich nicht nur mit meiner Behinderung, sondern auch noch mit Hausarrest gestraft. Wie soll ich meine Kinder die Liebe zu einem Land lehren, das so mit mir umgeht?“ Drei Tage später erhielt er eine persönliche Antwort: „Du hast vollkommen recht und ich schäme mich, dass es so ist. Ich erteile dir den Befehl, eine Organisation zu gründen und Abhilfe zu schaffen. Die notwendigen Mittel für den Start stelle ich zur Verfügung.“ Ein halbes Jahr später wurde „Access Israel“ aus der Taufe gehoben. Gründer Yuval Wagner ist bis zum heutigen Tag der Vorsitzende der Non-Profit-Organisation. Von seinem ursprünglichen Plan, Israel in fünf Jahren barrierefrei gemacht zu haben, hat sich Wagner, heute 54-jährig, verabschiedet. Aber was in 20 Jahren erreicht wurde, kann sich sehen lassen. Access Israel berät große Unternehmen während der Planungsphase und bei der Durchführung von Projekten. Das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit speziellen Anforderungen hat sich gewandelt. Heute ist die Barrierefreiheit etwa auf gleichem Niveau wie in Deutschland, aber wesentlich besser als in den – weniger hoch entwickelten – Nachbarländern der Region. Aktivisten der Gruppe gehen regelmäßig in Schulen und führen dort Informationsveranstaltungen durch, die die Schüler für das Thema sensibilisieren. Auf einer jährlich ausgerichteten Fachtagung treffen sich Spezialisten aus aller Welt zum Meinungsaustausch auf hohem Niveau. Die diesjährige Veranstaltung im Mai verzeichnete mehr als 800 Besucher aus 22 Ländern. Das Know-how der Inklusionsprofis ist zum Exportartikel geworden. Von alledem profitiert natürlich auch der Tourismus. Historische Stätten wie die Festung Masada und die Ausgrabungsstätten von Caesarea präsentieren sich rollstuhltauglich. Am Toten Meer gibt es Strandzugänge für Mobilitätseingeschränkte. Ein besonderes Highlight ist die historische Altstadt von Jerusalem. Ein Großteil des Gassengewirrs ist inzwischen für Rollstuhlnutzer gangbar gemacht worden. 55 Höhenmeter Niveauunterschied innerhalb der Stadtmauern bleiben zwar eine Herausforderung, aber es gibt einen durchgängig berollbaren Weg von der Grabeskirche bis zur Klagemauer. Wer als Rollstuhlnutzer einen gänzlich unbeschwerten Städte-Trip genießen will, ist mit Tel Aviv gut beraten. Die Topografie der Stadt und die Beschaffenheit der Verkehrswege taugen bestens für eine Eroberung auf Rädern. Und selbst zum Abschied hält das Land noch eine erfreuliche Erfahrung für Rollstuhlreisende bereit, vorausgesetzt, sie sind mit El Al unterwegs. Die nationale Fluglinie unterhält einen separaten Counter, an dem mobilitätseingeschränkte Fluggäste ohne lange Wartezeiten einchecken können.