Reise

Seelsorge an der Theke

In Aberdeenshire erlebt man die Vielfalt Schottlands auf kleinem Gebiet.

Es regnet. Nicht andauernd, aber immer mal wieder. Zwischendurch bahnen sich gleißende Sonnenstrahlen ihren Weg durch die dunkle Wolkendecke über Old Aberdeen. Hüllen den historischen Teil der Granitstadt an Schottlands Ostküste in mystisches Licht. Die Nässe lässt das Kopfsteinpflaster glänzen und verleiht dem Anblick der dunklen Steinhäuser zusätzlichen Charme. Es wirkt so, als könne Harry Potter jeden Augenblick um die Ecke eilen. Im Mittelpunkt der Altstadt befindet sich das King’s College, das 1495 gegründet wurde.

Ein Spaziergang über den Campus ist nicht nur für Architektur- und Kunstfreunde spannend, sondern auch für alle, die sich auf eine kleine Zeitreise begeben möchten. Die St.-Machar-Kathedrale gehört wie der elf Hektar große botanische Garten Cruickshank und das Rathaus zu den Sehenswürdigkeiten des Stadtteils. Ein wichtiger Treffpunkt für die Studenten seit mehr als 100 Jahren ist die St. Machar Bar direkt gegenüber vom College. „Das hier ist wie ein Wohnzimmer. Für meine Gäste bin ich Freundin, Mutter, aber auch manchmal Krankenschwester oder Psychologin. Die jungen Menschen liegen mir sehr am Herzen. Es macht mir richtig Spaß, in diesem Pub zu arbeiten“, berichtet Wirtin Trish Fawcett. „Am späten Nachmittag rechne ich mit vielen Gästen, denn heute wird der Semesterschluss gefeiert.“

Manchmal kommen die Studenten auch mit ihren Eltern, die gemeinsam ein Wochenende verbringen möchten. Dann gibt die Schottin, die in Aberdeen geboren und aufgewachsen ist, Ausflugstipps. „Aberdeen und Aberdeenshire bilden eine kompakte Version von ganz Schottland. In einer Stunde gelangt man von der Küste bis zu den mehr als 1000 Meter hohen Bergen“, schwärmt sie. Empfehlenswert sei der Besuch des neueren Teils von Aberdeen mit seinen modernen Museen, der prachtvollen Union Street, dem fast 100 Meter langen Marischal College aus Granit sowie dem Stadtstrand.

Nur zwei Meilen entfernt befindet sich direkt am Hafen das ehemalige kleine Fischerdorf Footdee („Fittie“ ausgesprochen). Zum Schutz vor Flut und Sturm sind die Minihäuser zum Landesinneren ausgerichtet. Längst sind es nicht mehr die Fischer, die dort leben, sondern größtenteils Künstler. Sie haben bei der Gestaltung der rund 200 Jahre alten Gebäude ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Die Fronten der farbenfroh gestalteten Eingänge sind mit allerlei Schmuck dekoriert. Vom Buddha über den Gartenzwerg bis zu maritimen Accessoires, inklusive Spielzeugleuchtturm, gibt es dort viel zu entdecken. Ein Spaziergang zur Hafeneinfahrt lohnt ebenfalls, denn mit hoher Wahrscheinlichkeit tummeln sich dort wohlgenährte Delfine. Zur Freude der Beobachter und zum Leidwesen der Berufsfischer fangen die Meeressäuger in dem klaren Wasser Lachse und Meeresforellen, denn sie wissen, dass ihnen von den langsamen Schiffen, die den Hafen ansteuern, keine Gefahr droht.

Wo die Royals ihren Urlaub verbringen

Am sanft plätschernden Fluss Dee entlang führt die Tour in Richtung Braemar. Wie aus einem Märchen entsprungen wirkt das hügelige Landschaftsrelief mit lieblich geschwungenen Wiesen, dichten Wäldern und den Bergen am Horizont. Verwunschen wirkende Burgen und Schlösser tauchen links und rechts des Weges im Dunst auf. Zu einem der prachtvollsten Anwesen gehört Balmoral Castle, die Sommerresidenz der Queen. Prinz Albert und Königin Victoria waren bei ihrem ersten Besuch von der Schönheit der schottischen Landschaft so überwältigt, dass sie dort 1852 ein Anwesen aus dem 14. Jahrhundert erwarben und es durch einen Neubau aus Granit im schottischen Baroniestil ersetzten. Bereits seit 1931 können Besucher die weitläufigen Gartenanlagen und den Ballsaal des Schlosses besichtigen. In unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses befindet sich die Royal Lochnagar Distillery. Sie wurde 1845 von John Begg gegründet. Begg wurde schon bald zum Hoflieferanten ernannt und die Brennerei erhielt seitdem den Zusatz „Royal“.

„Wenn die Queen hier ihren Urlaub verbringt, hoffen die Menschen immer auf eine überraschende Begegnung mit ihr. Jemanden der Königsfamilie zu treffen, ist gar nicht so unwahrscheinlich“, berichtet Whiskyexperte Jim Kerr bei einer Führung. „1988 wurde für Prinz Charles ein Fass Whisky abgefüllt. Drei Jahrzehnte später wurde es ihm an seinem 70. Geburtstag feierlich übergeben.“ Die Geschmacksproben überzeugen nicht nur den feinen Gaumen des Adeligen. Leichte Rauchigkeit, Fruchtnuancen und der Duft von Sherryfässern sind charakteristisch für den Royal Lochnagar. Seit 2008 gibt es außerdem eine Distillers Edition. Dafür wird der Malt für einige Zeit in Moscatel-Fässern nachgelagert. Direkt am Cairngorms National Park liegt der verträumte Luftkurort Ballater. In der ehemaligen Bahnstation „Old Royal Station“, wo die Königsfamilie damals für ihren Aufenthalt in Balmoral den Zug verließ, sind inzwischen ein Museum und ein Teehaus eingerichtet. Das florale Design des Interieurs hat Prinz Charles ausgewählt. „Hier können die Gäste den Afternoon Tea formvollendet genießen“, findet Jim Kerr.

Der Weg zurück an die Küste führt zu den Ruinen von Dunnottar Castle auf einem Felsen an der Ostküste. Ein paar Monate lang diente die Burg als Versteck für die schottischen Kronjuwelen. Unten tost das Meer. Die Wellen brechen sich an dem uralten Gestein. Felsen und Mauern scheinen miteinander verwachsen zu sein. Und der Mondschein hüllt alles in sanftes Licht.