Reise

Seen seh’n geh’n

Archivartikel

In den Alpen spielen nicht immer Gipfel die Hauptrolle: Bei der Vier-Seen-Tour im Ötztal geht es um schöne Gewässer in luftigen Höhen.

Der Empfang ist warm und herzlich. Dafür sorgen der heiße Kaffee und Hüttenwirt Manfred Kubik. Bei der Begrüßung freut er sich wie ein kleines Kind: „Willkommen am schönsten Fleck auf Erden.“ Die Hauerseehütte ist eine Herzensangelegenheit für Kubik.

Neue Gäste führt er sofort durchs Haus, zum See, zu den Sehenswürdigkeiten. Einst stand hier eine stattliche Hütte, die schon Strom hatte, als unten im Tal zumeist noch Petroleumlampen funzelten. Vor 70 Jahren riss eine Lawine alles fort, geblieben sind Mauerreste und kleine Kanäle. Heute steht an dieser Stelle ein schnuckeliges Häuschen.

Es ist eine Selbstversorgerhütte mit Charme und Service, sauberen Lagern, akkurat gefalteten Decken und heimeliger Küche. Sogar eine Dusche gibt es im Freien. „Die Harten springen in den See, um sich den Schweiß abzuwaschen.“

Jede Jahreszeit setzt neue Reize

Der Hauersee ist das grandiose Finale einer kräftezehrenden Gebirgstour, die selbst für jene einen ganzen Tag dauern kann, die sich per Taxi von Längenfeld zur 1900 Meter hoch gelegenen Leckalm bringen lassen. Der Weg zieht sich steil nach oben, führt über ein Joch, das endlich den Blick freigibt auf die Gletscher hoch droben und die steil abfallenden Wände. Wanderer müssen kräftig zupacken und sich an Stahlseile klammern. Dabei wurde die Tour schon entschärft, ein schroffer Gipfel aussortiert.

Die Höhepunkte der Wanderung befinden sich alle jenseits der 2000-Meter-Marke. Es sind keine Grate und keine Gipfel. Es geht nicht um Nervenkitzel am Kletterseil und nicht darum, einmal einen Fuß auf einen Gletscher zu setzen. Hier, wo die Stars Plattachsee, Weißer See, Spitzigsee und Hauersee heißen, lautet das Motto: Seen seh’n geh’n. Erst recht, wenn man mit Monika Mitterwallner unterwegs ist. Die Wanderführerin zieht jede Woche mit einer Gruppe durch das Halbrund aus steilen Bergflanken und Schotterkaren. „Ich liebe diese Arena.“So sehr, dass sie auch im Oktober und manchmal gar im November aufsteigt, wo ihre Saison als Guide längst beendet ist und sie sich zum Privatvergnügen anderen Touren zuwenden könnte. Aber Monika muss einfach nachsehen, ob die Fischchen im Plattachsee noch munter schwimmen. Der liegt auf rund 2500 Metern, und die Tiere überleben nur, weil das tiefe Wasser im Winter Schutz vor der Kälte bietet. Ganz anders der Spitzigsee: seicht und flach und manchmal bis in den Spätherbst hinein so warm, dass Monika ihre Wanderschuhe auszieht und wie ein Storch durchs Wasser watet, um die heiß gelaufenen Füße abzukühlen. Der Weiße See ist ihr im Frühjahr am liebsten, wenn Eis auf der Oberfläche treibt und das Wasser ganz milchig aussieht, weil der Ploderferner seine Gletscher-Grüße geschickt hat.

Die geführten Wanderungen starten immer im Juni und Monika will schließlich kein weißes Wunder erleben. Bleibt noch der Hauersee, den die Wanderführerin schon deswegen zu ihrem Liebling gemacht hat, weil dort immer eine heiße Tasse Kaffee auf sie wartet. Im August könnte sie Stunden dort verbringen. Mit dem Wollgras blüht auch ihr Herz auf. „Die Tour zu den Seen ist fantastisch, weil jede Jahreszeit neue Reize setzt.“ Welche Faszination Wasser auf Menschen hat, haben auch andere Regionen erkannt. Kitzbühel und Kufstein, Zell am See und Tannheimer Tal, Engelberg und Flims - sie alle locken mit Touren, bei denen die Wanderer mindestens vier Alpenseen erkunden. Bergseen sind beliebte Fotomotive. Nach Ansicht von Psychologen berühren uns Bergseen aber tief in der Seele: Wasser ist Leben und erweckt im kargen, alpinen Raum ein Stück Geborgenheit. So wie eine Tasse Kaffee auf der Hauerseehütte.